In den letzten Jahren umstritten wegen seiner Verstrickungen in die Ideologie des Dritten Reichs, gilt der Maler Emil Nolde dennoch als überragende Künstlerfigur des norddeutschen Expressionismus – mit anhaltender, internationaler Strahlkraft. Schon die Anreise nach Seebüll hat eine besondere Wirkung auf Psyche und Kreislauf. Ich unternahm sie per Bahn bis Klanxbüll, von dort mit dem Bus zur Haltestelle Nolde-Museum, dann 250 Meter zu Fuß zum Nolde-Haus. Die Weite der Landschaft im äußersten Norden unseres Landes, drei Kilometer vor der dänischen Grenze, führt unmittelbar zu einer immensen Entschleunigung, zu spürbarer Ruhe und Gelassenheit.
Derart vorbereitet wirken Noldes Bilder, die Dr. Christian Ring, der Direktor des Museums und der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde für die 70. Jahresausstellung ausgesucht hat, besonders kraftvoll. Die Ausstellung steht unter dem Titel Emil Nolde – Beziehungen zwischen Menschen, Natur und Kunst. Im großen Bildersaal im Obergeschoss hängt Zwei am Meeresstrand, ein Ölbild aus dem Jahr 1903, das in hellen, lichtblauen Farben Nolde mit seiner frisch angetrauten Ada beim Spaziergang am Meeresstrand zeigt. „Es ist ja die große Empfindung Liebe, innig ergebene Liebe, die ich suchte“, schrieb Nolde zu einer Vorstudie dieses bewegenden Paarbildes. Die Hochzeit mit Ada 1902 war für Nolde der Beginn eines über vierzig Jahre währenden persönlichen Beziehungsglücks und öffnete dem damals bereits 38-Jährigen den Weg in eine fulminante künstlerische Laufbahn. Geradezu symbolhaft, dass Nolde in diesem Jahr 1902 seinen bürgerlichen Namen Hansen in Nolde ändern ließ. Ein Neustart.

Da hängt auch das Bild Glückliche Familie aus dem Nachlass von Jolanthe Nolde, das die Stiftung erst 2023 erworben hat und mich überrascht. Es ist ein Bild aus dem Jahr 1947, als der achtzigjährige Nolde nach dem Tod von Ada die 26-jährige Jolanthe heiratete. Nolde war und blieb kinderlos, das Bild aber zeigt die klassische Dreiheit von Vater, Mutter, Kind in einer wunderbar vollen Farbigkeit, die dem Betrachter das Glück der Familie deutlich vermittelt. Wie sehr Nolde durch seine Bilder von Landschaften, vom Meer, vom Strand, von den Bergen uns Betrachter in eine intensive Beziehung zur Natur versetzt, uns geradezu in sie eintauchen lässt, ist weithin bekannt und erfahren. Der Besuch des Museums bestätigt diese besondere Wirkungskraft erneut, auch bei den Aquarellen, unter denen mich Abend 1918/1920 und Berglandschaft (dunkler Wald, rote Wolken) aus dem Jahr 1948 besonders ansprechen. Christian Ring bringt es auf den Punkt: Noldes „kraftvolles Werk … offenbart eine kompromisslose und zugleich zutiefst poetische Auseinandersetzung mit den Grundfragen menschlicher Existenz.“
Ein Kuss als Urverrat
Grundfragen werden auch im unteren Raum, dem Atelier, angesprochen, in dem Das Leben Christi aus den Jahren 1911/12 eine ganze Wand füllt. Es ist mit über sechs Metern Länge und fast 2,50 Meter Höhe das größte Werk Noldes. Allein das Mittelstück des Polyptychons, die Kreuzigung Christi, umfasst vier Quadratmeter, umgeben auf beiden Seiten von je vier weiteren Bildern. Hier im Atelier kommt die Wucht dieser Bilder, die Intensität der dargestellten biblischen Szenen voll zum Tragen. Darunter ist auch Christus und Judas, das einzige Nachtbild, das Nolde schuf und das mich in diesem Moment besonders berührt. Es zeigt, beleuchtet durch ein paar Pechfackeln am rechten oberen Bildrand, Christus und Judas im Garten Gethsemane. „Hier wird der Urverrat in einer Beziehung begangen, ausgedrückt ausgerechnet in einem Kuss, dem Zeichen der Liebe schlechthin“, schreibt Kurator Christian Ring und verweist damit wieder auf das Leitthema dieser bemerkenswerten 70. Jahresausstellung. „Christus weiß um diesen Verrat, den er auf dem Weg zur Erlösung annimmt.“

Als ich schließlich vor dem Haus stehe und über die Seebüller Wiesen auf das Wäldchen schaue, in dem sich ein Seeadler niedergelassen hat, der bisher verlässlich dafür sorgen konnte, dass keine Windräder aufgestellt wurden und den weiten Blick trübten: Getrübt wird nicht der Blick, aber so sehr mich Noldes Bilder immer wieder packen, so sehr ich durch seine Farben, seine Themen, durch das von den Bildern ausgelöste Erstaunen vor dem Unermesslichen der Natur und der Einsamkeit des Einzelnen berührt werde, so sehr treibt mich um, was wir in den letzten zehn Jahren von der Nolde-Forschung über ihn erfahren haben. Christian Ring hat mit seinem Team großartige Arbeit geleistet, hat das Archiv für grundlegende Forschung geöffnet, die alle Anerkennung verdient. Und dennoch war mir die Erkenntnis bitter, dass Emil Nolde eben nicht der Maler Max Ludwig Nansen aus Siegfried Lenz’ Roman Deutschstunde war, sondern überzeugter Nationalsozialist und Antisemit. Ich habe an den „Ungemalten Bildern“ gehangen, als wären sie Beweise für einen unbeugsamen Künstler, der sich dem Malverbot widersetzte und den das künstlerische Wollen zum Widerstand befähigte. Wie sehr habe ich die Nazis gehasst, die auch diesem Maler den Fluch des „entarteten Künstlers“ anhängten. Doch seit gut zehn Jahren wissen wir, dass der als „entartet“ verfemte Künstler sich dennoch Hitler und dessen Helfern geradezu anbiederte. Es gab keine Hausdurchsuchungen, der Mythos der „Ungemalten Bilder“ wurde bewusst initiiert und gepflegt, es sind nicht Werke des Protests oder des Widerstands.
Noldes Bilder sprechen – sein Werk lebt
Wie viele von uns greife auch ich in diesen Tagen wieder zur Deutschstunde, schließlich feiern wir Siegfried Lenz’ 100. Geburtstag. Das Aufsatzthema „Von den Freuden der Pflicht“ eröffnet diesen wunderbaren Roman aus dem Jahr 1968, für Jahrzehnte Pflichtlektüre an Deutschlands Schulen, ein Roman, der das Bild Emil Noldes in der Öffentlichkeit über Jahrzehnte äußerst positiv geprägt und gefestigt hat. Wie gern würde ich in Lenz’ freundlichen und integren Maler Max Ludwig Nansen weiterhin Emil Nolde sehen, bis 1902 bekanntlich Hans Emil Hansen. Wie habe ich den Polizisten Jens Ole Jepsen, den Vater des Protagonisten Siggi Jepsen, verabscheut, wenn er seinen Jungen zwang, den Maler zu verraten, die Aufbewahrungsorte von dessen Bildern preiszugeben. Wenn Siggi als schwer erziehbarem Jugendlichen nach dem Krieg zu den Freuden der Pflicht zunächst nichts einfällt, er dann aber fast 500 großartige Seiten füllt, so möchte ich Emil Nolde nachträglich die Pflicht zur Wahrheit zurufen. Es ist das eine, in der schwierigen Zeit des Nationalsozialismus falsche Entscheidungen zu treffen und um Ruhm und Ehre bei den Falschen zu betteln. Es ist das andere, sich nach dem Krieg als Opfer zu stilisieren und gefälschte Beweise dafür zu liefern.

Auf der Heimfahrt nach Hamburg, entlang der weiten Wiesen und Weiden, über die sich Noldes prächtige Bilder schieben, will mir allzu harte Kritik an ihm dann doch als schnell und selbstgerecht erscheinen. Da ist sie wieder, die Gelassenheit, die ich schon bei der Hinfahrt so deutlich spürte. Noldes Bilder sprechen, sein Werk lebt – auch am 70. Todestag des Malers.
Der Autor hat von 1997 bis 2021 die gemeinnützige ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in Hamburg geleitet. Er ist Honorarprofessor für Kulturmanagement, hat in den letzten fünfzehn Jahren sechs Romane veröffentlicht und meldet sich immer wieder zu Fragen von Kunst, Kultur und Gemeinwohl in den Medien zu Wort.
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