In den Wirren nach dem Dreißigjährigen Krieg, Mitte des 17. Jahrhunderts, taucht in einem abgeschiedenen protestantischen Dorf ein mysteriöser Soldat (Sandra Hüller) auf. Ein tief ins Gesicht gezogener Hut verbirgt eine große Narbe, die das Gesicht entstellt. Der Fremde behauptet, Erbe eines seit langem verlassenen Gutshofs zu sein, und kann ein Dokument vorlegen, das seinen Anspruch belegen soll – sehr zum Missfallen der Dorfgemeinde.
Doch der Fremde setzt alles daran, sich hier eine Zukunft aufzubauen. Mit großer Mühe bringt der ehemalige Soldat den heruntergekommenen Hof wieder in Ordnung, unterstützt von Knechten und Mägden, denen er vor allem nachts aus dem Weg geht. Denn der Ankömmling hütet ein Geheimnis: Unter falschem Namen, falscher Identität und falschem Geschlecht ist er in das Dorf gekommen. Der vermeintliche Soldat ist in Wahrheit eine Frau namens Rose, die, wie es im Film heißt, „obwohl als eine Weibs-Person geboren, dem zum Trotz unter falschem Nam als Manns-Bild“ schon in jungen Jahren beschloss, als Mann in den Krieg zu ziehen. Die allwissende Erzählstimme nennt sie von Beginn an eine „Land- und Leutebetrügerin“.
Eine Hochzeit für Wasser
Als Rose bei einem Bärenangriff Mut beweist, steigt ihr Ansehen im Dorf. Mit dem sozialen Aufstieg wachsen auch ihre Ambitionen. Auf dem Nachbargrundstück verläuft ein Bach, dessen Wasser sie für ihre Pläne benötigt. Doch der Besitzer (Godehard Giese) ist nur unter einer Bedingung bereit, ihr das Land zu überlassen: Rose soll seine älteste Tochter Suzanna (Caro Braun) heiraten. Wider besseres Wissen geht Rose auf den Handel ein- und setzt damit eine Entwicklung in Gang, womit das Schicksal seinen zwangsläufigen Weg nimmt. Neben den kargen Schwarz-Weiß-Bildern prägt insbesondere die altertümliche Sprache den ganzen Film. Sowohl für Sandra Hüller – „Die Sprache, die wir im Film sprechen, war für mich eine willkommene Herausforderung, sie ist anders als alles, was ich bisher gelesen habe“ – als auch für Caro Braun – „so klar, so eindeutig und doch so lyrisch, so poetisch“ – war dies ein Grund, in dem Film mitzuwirken. Sie verleiht „Rose“ einen eigenen Tonfall: „Und zeigt sich Gott nur selten, oder zu undeutlich in den alltäglichen Dingen, die Zeit ging unübersehbar ins Land. Ein Jahr war seit ihrer Ankunft vergangen, und Rose hatte ein gewaltiger Unternehmergeist überkommen. An Erweiterung, an Vergrößern dachte sie, an Überschuss und auch Gewinn.“
Der österreichische Regisseur Markus Schleinzer berichtet über den Ursprung seines Filmes, eine Historikerin habe ihn auf den „interessanten Gerichtsfall“ aufmerksam gemacht: In Halberstadt sei auf den Tag genau 250 Jahre vor seiner Geburt eine Frau hingerichtet, „die sich als Mann ausgegeben und die man der Sodomie schuldig gesprochen hatte. Sie gilt in der deutschen Gerichtsgeschichte als letzte Frau, an der man dieses Urteil vollstreckte.“ Und doch haben Schleinzer und sein Mit-Drehbuchautor Alexander Brom für die Handlung ihres Spielfilms „Rose“ offensichtlich nicht nur diesen einen Fall verarbeitet, sondern mehrere historische Vorlagen, auf die sie bei ihrer Recherche stießen, miteinander verbunden. Dafür spricht, dass vieles bewusst unbestimmt bleibt, Roses Vorgeschichte vor und während des Krieges ebenso wie der genaue Ort dieses protestantischen Dorfes – gedreht wurde freilich im Harz.
Ein bemerkenswerter Historien- oder doch ein Betrüger-Film? Aus der Betrugserzählung wird ein vielschichtiges Drama über Anpassung, Täuschung und Überleben in einer männerdominierten Ordnung. Für Rose scheint der einzige Ausweg darin zu liegen, „in die Hose zu steigen“. Suzanna wiederum sucht ihn, indem sie ihrem Elternhaus und insbesondere dem Einfluss ihres strengen Vaters entflieht, auch wenn sie zunächst nur an Rose „verkauft“ wird. Der kühle Blick durch die distanzierte Kamera hilft, den Kern der Geschichte zu visualisieren: nämlich den Wunsch, eine andere Person zu sein. Sandra Hüllers Spiel, die Rose zugleich als brutale, unnahbare und schließlich doch verletzliche Figur gestaltet, verleiht dem Film eine tiefe Kraft.
„Rose“. Österreich/Deutschland 2026, 93 Min. Regie: Markus Schleinzer, im Kino ab dem 23. April.
Der Autor schreibt aus Berlin zu Film- und Fernsehkultur.
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