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Romantik zwischen Fantasy und Fabel 

E. T. A. Hoffmanns Literatur wirkt bis ins KI-Zeitalter nach. Seine Gedankenexperimente sind keine Fluchten, sondern fordern unser Wirklichkeitsverständnis heraus: Subjektive Wahrnehmung ist oft allzu brüchig. 
Jacques Offenbach formte aus Werken des Dichters die Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Den fantastischen Inhalten verschaffte er damit einen adäquaten musikalischen Rahmen, hier die Inszenierung der Seebühne Stralsund.
Foto: Imago / Jens Koehler | Jacques Offenbach formte aus Werken des Dichters die Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Den fantastischen Inhalten verschaffte er damit einen adäquaten musikalischen Rahmen, hier die Inszenierung der Seebühne Stralsund.

Vor 250 Jahren wurde E. T. A. Hoffmann geboren – und mit ihm eine Romantik, die nicht träumt, sondern prüft. Hoffmanns Fantastik ist kein Zuckerwerk der Phantasie, sondern ein Stresstest für das Wirkliche. Wer in der Schauererzählung „Der Sandmann“ der wunderschönen, aber leblosen Olimpia begegnet, versteht schnell: Nicht die künstliche Frau ist das Geheimnis. Das Geheimnis ist der Blick des Mannes, der in ihr eine Seele sehen will. Hoffmann nennt Olimpia eine „Hieroglyphe der innern Welt“ – eine Chiffre also, in der sich weniger ihr Wesen zeigt als die Sehnsucht des Betrachters. 

Hoffmann kam am 24. Januar 1776 in Königsberg zur Welt und führte ein Doppelleben als Jurist, Musiker, Zeichner und Schriftsteller. Gerade diese innere Doppelbelichtung macht seine Texte modern: In ihnen gerät die Welt nicht aus den Fugen, weil Magie plötzlich einbricht, sondern weil der Mensch nicht mehr sicher ist, ob er seinen Wahrnehmungen – und sich selbst – trauen darf. Man liest Hoffmann gern als Erfinder des Unheimlichen. Doch damit greift man zu kurz. Seine Romantik ist nicht Flucht in Fantasy, sondern Erkenntniskunst: Sie zeigt, dass sich Wahrheit über den Menschen oft genauer in einer Fabel ausspricht als in einem realistischen Protokoll. 

Olimpia oder: Die Sehnsucht nach Täuschung 

„Der Sandmann“ ist der perfekte Einstieg in Hoffmanns Universum, weil er wie ein Brennglas funktioniert. Nathanael begegnet Olimpia, einer Frau, die nicht wirklich lebt, sondern gebaut ist. Er verliebt sich dennoch – oder gerade deshalb. Hoffmann lässt den Leser dabei nicht bequem auf Distanz bleiben. Denn er erzählt nicht nur von einem Einzelnen, der sich verrennt, sondern von einer Grundmöglichkeit des Menschlichen: dass die Sehnsucht manchmal stärker ist als die Wirklichkeit. 

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Hier berührt Hoffmann eine Frage, die heute unter neuen technischen Bedingungen mit Big Data, KI und Chatbots wieder aufbricht. Was geschieht, wenn Menschen Bindung, Trost und Aufmerksamkeit an Systeme delegieren, die keine Innenwelt besitzen? Dass diese Perspektive inzwischen auch die Forschung bestimmt, zeigt ein Beitrag im „E. T. A. Hoffmann-Jahrbuch 2025“, der den „Sandmann“ ausdrücklich im Licht von Mensch-Maschinen-Beziehungen und KI neu liest. Olimpia ist nicht deshalb verstörend, weil sie mechanisch ist, sondern weil sie zum Spiegel wird. Das Unheimliche entsteht dort, wo die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wunsch in uns selbst verläuft. Wer nur bestätigt sehen will, was er begehrt, macht sich manipulierbar – nicht nur durch Automaten, sondern durch jedes glänzende Versprechen. 

„Klein Zaches“: Die Fabel vom Schein, der zur Macht wird 

Doch Hoffmanns Welt ist nicht nur das Labor der Psyche. Sie ist auch eine Bühne gesellschaftlicher Blindheit. In „Klein Zaches genannt Zinnober“ erzählt er von einem grotesken Außenseiter, der durch einen Zauber plötzlich als Genie wahrgenommen wird. Alle feiern ihn, schreiben ihm fremde Leistungen zu, während seine Unfähigkeit offensichtlich ist. Das Märchen ist komisch, bis zur Groteske – und gerade deshalb eine präzise Fabel. Hoffmann führt vor, wie leicht eine Gesellschaft dem Schein verfällt, wie bereitwillig sie sich durch Prestige, Titel und modische Rhetorik lenken lässt. In Zeiten, in denen auch KI-Systeme Scheinwahrheiten erzeugen, Bilder fälschen und Texte simulieren können, gewinnt diese Satire eine neue Schärfe: Erschreckend ist nicht der Zauber, sondern die Leichtgläubigkeit. 

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Wer Hoffmann nur als Diagnostiker des Unheimlichen liest, übersieht seinen zweiten Ton: den der poetischen Verzauberung. „Der goldne Topf“ beginnt am Himmelfahrtstag in Dresden – und kippt von der Alltagswelt ins Wunderbare. Anselmus hört unter einem Holunderbusch Stimmen wie Kristallglocken, sieht eine Schlange, verliebt sich und gerät in eine andere Wirklichkeit. Hier ist Fantastik nicht bloß Symptom der Zerrüttung, sondern ein Ruf. Hoffmann stellt zwei Lebensmöglichkeiten gegeneinander: die bürgerliche Karriere, die Veronika träumt – und die poetische, in der die Welt nicht nur nützlich, sondern bedeutungsvoll ist. Gerade darin liegt der Ausgleich zu „Sandmann“ und „Zaches“. Hoffmann zeigt nicht nur, wie Fantastik täuschen kann; er zeigt auch, wie sie die Welt öffnet. 

Hoffmanns Romantik zwischen Dämonik und Moral 

Dass Hoffmanns Texte mit Dämonischem, Spuk und Verwandlung arbeiten, ist nicht bloß Dekoration. Das Dämonische ist bei ihm häufig ein Bild innerer Mächte: Angst, Eitelkeit, Verblendung. Seine Fantasy ist ernst, weil sie moralisch ist – nicht moralistisch. Sie legt Schwachstellen frei: den Hunger nach Anerkennung (Zaches), den Drang zur Selbsttäuschung (Olimpia), aber auch die Sehnsucht nach einer Wahrheit jenseits bloßer Zweckmäßigkeit (Serpentina und Atlantis). Wirklichkeit ist bei Hoffmann nicht einfach gegeben – sie formt sich durch Blick, Urteil, Sprache. 

Dass Hoffmann im 21. Jahrhundert erneut an Aktualität gewinnt, liegt nicht daran, dass er „KI vorausgesehen“ hätte – das wäre zu billig. Sein Werk zeigt, dass der Mensch nicht nur in der Verzauberung verloren gehen, sondern in ihr auch gerettet werden kann. Hoffmanns Texte verdienen mehr als ein Jubiläumsständchen. Sie sind eine Einladung, sich selbst zu prüfen – zwischen Realität und Simulation, Person und Projektion, Wissen und – Glauben. 

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