Am 14. September 2001 hat das Generalkapitel des Augustinerordens den amerikanischen Mitbruder Robert Prevost zu seinem neuen Generalprior gewählt – wenige Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September, die die brennenden Zwillingstürme von New York in einer riesigen Staubwolke verschwinden ließen. Kein Wunder, dass der Beginn seiner Amtszeit an der Spitze des Ordens, die ihn mehrfach rund um die ganze Welt führen sollte, unter dem Eindruck einer Katastrophe stand, die nicht nur die Vereinigten Staaten in eine neue Phase der Konflikte und Unsicherheiten zu führen drohte.
Das Buch „Liberi sotto la Grazia“ (Frei unter der Gnade), das vor einer Woche – vorerst nur auf Italienisch – erschienen ist, spiegelt von den ersten Seiten an die Sorgen eines Ordensoberen wider, der seine Gemeinschaft durch raue Zeiten führen muss. Das vom Augustinerorden und der vatikanischen Verlagsanstalt im Verlag Solferino herausgegebene 350-Seiten-Werk enthält Ansprachen, Predigten und Botschaften aus den Jahren von 2001 bis 2013, bevor dann für den zukünftigen Papst der Ruf auf den Bischofsstuhl im peruanischen Chiclayo folgte. Was sagen die in dem Buch veröffentlichten Texte über Papst Leo? Lassen sie Rückschlüsse zu auf das Programm seines Pontifikats?
Lauf der Geschichte bestimmt die Art der Mission
Ein Jahr nach dem Anschlag von New York schreibt der Generalobere Prevost in einem Brief an alle Brüder des Augustinerordens, dass dieser Ausbruch „von Gewalt und Hass“ am 11. September die ganze Menschheit erschüttert habe. 40 Jahre zuvor habe Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet, als „eine über den Kalten Krieg, den atomaren Rüstungswettlauf und den Beginn des Vietnamkriegs gespaltene Welt die ganze Kirche vor die Frage stellte, was ihre Mission“ in den modernen Zeiten sei.
Die ganzen zwölf Jahre Prevosts als Oberer zeichnen sich die Schriften des späteren Papstes durch einen aufmerksamen Blick auf die aktuellen, auch politischen Entwicklungen und kulturellen Umbrüche aus. Der Obere spricht nicht nur in seine Gemeinschaft mit ihren ordensinternen Problemen hinein – zum Beispiel den mangelnden Berufungen in den westlichen Kernländern der Augustiner –, sondern fordert seine Mitbrüder immer wieder auf, aufmerksam die Welt und den Lauf der Geschichte zu verfolgen, um so die eigene Mission besser definieren zu können.
Das tut er heute auch als Papst. Nur dass er jetzt nicht mehr für einen Orden die Verantwortung trägt, sondern für eine Weltkirche mit weit über einer Milliarde Getauften.
Wieviel Franziskus steckt in Prevost?
Das Buch ist deswegen interessant, weil sich seit Amtsbeginn des neuen Papstes viele fragen, wie viel Franziskus in Leo XIV. steckt. Auf den 350 Seiten findet man die Antwort: Als geistlicher und geistiger Führer war Robert Prevost, also 2001 im Alter von 46 Jahren, fix und fertig ausgereift, als es einen Papst Franziskus und einen Papst Benedikt noch gar nicht gab.
Zwar gibt es Gemeinsamkeiten. Wie mehrere Texte in dem Buch belegen, etwa die Wertschätzung des heiligen Augustinus, die ihn mit Joseph Ratzinger verbindet. Oder die besondere Option für die Armen, die sich Robert Prevost in seiner ersten Zeit als Missionar in Peru in besonderer Weise zu eigen gemacht haben muss, was ihn an die Seite von Franziskus mit seiner „armen Kirche für die Armen“ stellt.
Besonders in seinen Ansprachen und Schriften für die Augustiner in Lateinamerika thematisiert Robert Prevost immer wieder die besondere Liebe zu den Armen in einer so energischen Weise, dass man den Eindruck gewinnt, Franziskus habe das bei ihm, dem jungen Generalprior, abgeschaut.
Geistlichkeit statt Güter
Über den Zustand seines Ordens gibt sich Prior Prevost keinen Illusionen hin. In Asien und Afrika etwa wächst er, in Europa dümpelt er vor sich hin. In einer der frühen Ansprachen des Buchs beschreibt er den inneren Zustand vieler Mitbrüder als eine Art Trostlosigkeit: Das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Aufwertung der Rolle des Laien habe in vielen Ordensleuten die Frage aufgeworfen, ob das zölibatäre Leben in klösterlicher Abgeschiedenheit überhaupt noch zeitgemäß sei.
Eine Erlahmung der Berufungspastoral sei die Folge gewesen. Direkt ab Beginn seiner Amtszeit als Generaloberer startet er Initiativen zur Vertiefung der augustinischen Theologie in seinem Orden. Die Mitbrüder sollen die ihnen eigene Spiritualität wiedergewinnen. Der wachsende Individualismus in den westlichen Gesellschaften mache es nötig, den Wert des gemeinschaftlichen Lebens vorzuleben. Strenge Worte findet Prevost für Brüder, die sich mehr um das Anhäufen von Gütern kümmern als um das Gebetsleben. Die spirituelle Ausbildung der jungen Berufungen und der Ausbilder selbst hat für den Prior Prevost höchste Priorität.
Transformativ, nicht konservativ
Das Buch „Frei unter der Gnade“ liefert auch die Antwort darauf, ob Papst Leo ein „Reformer“, ein „Bewahrer des Bestehenden“ oder ein Mann der Rückkehr zu Traditionen und Methoden der Vergangenheit ist. Letzteres ist völlig auszuschließen. Das hieße für Robert Prevost, in einer Zeit, in der alle die Tastatur eines Computers benutzen, wieder Schreibmaschinen herzustellen.
Eine Predigt Prevosts bei der Eröffnung eines Kapitels der Augustiner in der Provinz Santo Niño de Cebú am 19. September 2010 in Manila mag helfen, um zu unterscheiden, ob der neue Papst ein Reformer oder ein Bewahrer des Traditionellen ist. Um die Antwort vorwegzunehmen: Prevost, und damit Leo XIV., ist transformativ, nicht aber konservativ.
Bereit zu Erneuerung
Sein Gedankengang ist folgender: „Vielleicht kann sich die Veränderung – oder der neue Weg, den wir suchen – aus einigen Fragen herauskristallisieren“, sagt er seinen Mitbrüdern und zählt Alternativen auf: „Wollen wir das bewahren, was wir haben, und dort bleiben, wo wir sind, oder möchten wir auf unser unruhiges Herz hören, im Gebet lauschen, uns auf das Wort Gottes besinnen und auch auf jene unter uns hören, die die Zeichen der Zeit suchen und deuten? Sind wir offen für die Möglichkeit, etwas Neues zu wählen, um unserem Leben einen neuen und erneuerten Sinn für die Mission zu geben?“
Man könne nicht Gott und dem Mammon dienen, zitiert Prevost das Lukas-Evangelium und vergleicht das mit der Zerrissenheit mancher Ordensmitglieder: „Sind wir hin- und hergerissen zwischen unserem Wunsch, Christus zu folgen, koste es, was es wolle, und unserem Wunsch, dort zu bleiben, wo wir sind, zufrieden und mit wenig Lust oder Fähigkeit, den Weg, den wir gehen, zu ändern? Hier, an diesem Ort, ist es angebracht, uns zu fragen, ob auch wir eine neue Richtung, eine Kehrtwende, eine neue Bekehrung finden müssen.“
Bewahren oder missionieren?
In verschiedenen Bereichen des Ordenslebens sei intensiv über die Frage „Bewahrung oder Mission?“ nachgedacht worden: „Behalten wir die Dinge einfach so bei, wie sie sind, oder lebt der missionarische Geist in unseren Herzen?“ Prior Prevost stellt einige Vergleiche an: „Wenn man über das Verständnis des Dienstes nachdenkt, wird die Gruppe, die nur bewahren will, sagen: ,Wir müssen unserer Vergangenheit treu bleiben‘; während eine Gemeinschaft mit missionarischem Geist sagen wird: ,Wir müssen unserer Zukunft treu bleiben‘.
Bei der Beurteilung ihrer Wirksamkeit wird sich die an der Bewahrung interessierte Gemeinschaft fragen: ,Inwieweit ist dieses Apostolat finanziell tragfähig?‘; während sich die in der Mission engagierte Gemeinschaft eine andere Frage stellen wird: ,Wie können wir viele Jünger gewinnen?‘ Wenn wir über Veränderungen nachdenken und wenn wir etwas anders machen wollen oder können, argumentieren diejenigen, die am Erhalt des Status quo interessiert sind: ,Wenn dies für jemanden von uns Probleme mit sich bringt, wollen wir es nicht.‘ Die vorrangige Frage für diejenigen, die sich in der Mission engagieren, lautet hingegen: ,Wenn dies uns hilft, jemanden von denen zu erreichen, die fern sind, nehmen wir das Risiko auf uns, es zu tun.‘“
Verwaltungsorientiert versus transformativ
Für Prevost ist der Führungsstil in der Denkweise derjenigen, die den Status quo bevorzugen würden, in erster Linie verwaltungsorientiert, gut organisiert und effizient: „In diesem Fall versuchen die Führungskräfte, alles in Ordnung zu halten und dafür zu sorgen, dass alles reibungslos läuft.
Eine Gemeinschaft hingegen, die von einer prophetischen Vision und einem der Mission gewidmeten Leben geprägt ist, wird eine andere Art von Führung anstreben: Der Führungsstil wird in erster Linie transformativ sein, fähig, eine Vision dessen zu vermitteln, was sein könnte, mit dem Willen, weit zu gehen und viele Risiken einzugehen, damit diese Vision Wirklichkeit wird.“
Eine Gemeinschaft, die sich auf den Erhalt konzentriere, so fährt Prevost fort, denke in erster Linie darüber nach, wie sie ihre eigene Kongregation retten könne. Eine Gemeinschaft, die sich der Mission verschrieben habe, werde in erster Linie darüber nachdenken, wie sie die Welt erreichen könne.
Von der Unmöglichkeit, zwei Herren zu dienen
„Kein Diener kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“, wiederholt der Generalprior Lukas 16,13 und fügt dem ein Zitat aus einem Kommentar des Augustinus zur Bergpredigt hinzu: Der Ordensvater betone, als er die Unmöglichkeit erkläre, zwei Herren zu dienen, dass man nicht damit ende, „Gott zu hassen“, wenn man Diener eines anderen Herrn werde.
„Vielmehr treten Gleichgültigkeit oder Kompromisse an die Stelle, wobei man Gott und seine Gnade als selbstverständlich hinnimmt. Das könnte sehr wohl unsere Situation sein: Da wir die anfängliche Begeisterung verloren haben, geben wir uns mit dem zufrieden, was wir bereits tun. Das Evangelium erinnert uns heute alle an die Notwendigkeit, eine radikale Entscheidung zu treffen, eine völlige Hingabe unseres Lebens an Gott und an die Mission des Evangeliums. Heute wird uns die Entscheidung, die wir getroffen haben, erneut vor Augen geführt, und wir sind eingeladen, unser Engagement für die Evangelisierungsmission zu erneuern. Möge der Heilige Geist uns leiten und erleuchten!“, beendet Robert Prevost die Predigt.
Als Leo XIV. predigt er weiterhin, dass die wahre Reform in einer „Kehrtwende“, einer Bekehrung, einer radikalen Entscheidung für die Mission besteht, nicht aber in der Bewahrung des Bestehenden.
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