Das Wohl des Volkes

Kaiser Joseph II. nahm Verantwortung gegenüber den Bürgern ernst

Mit seinen Reformen im Geist der Aufklärung griff Kaiser Joseph II. in das innere Leben der Kirche ein. Auf den Inspektionsreisen durch sein Reich wollte der habsburgische Herrscher seinem Volk näher kommen.
Statue von Kaiser Joseph II. in Weitra in Niederösterreich.
Foto: imago stock&people | Wollte Lebensverhältnisse verbessern, aber nicht das Heft aus der Hand geben. Statue von Kaiser Joseph II. in Weitra in Niederösterreich.

Joseph II. (1741–1790), Sohn und Nachfolger Maria Theresias in Österreich und dem Reich, hat eine gemischte Reputation: Den einen gilt er als Reformer im Geiste der Aufklärung, der ein rückständiges Reich mit Feuereifer modernisieren wollte, den anderen, besonders den Katholiken, als rücksichtsloser Rationalist, der hunderte kontemplative Klöster aufhob und massiv in das innere Leben der Kirche eingriff. Rund ein Drittel seiner Regentschaft verbrachte der Monarch, der zunächst Mitregent seiner Mutter in den habsburgischen Landen war und erst nach deren Tod 1780 unumschränkter Herrscher wurde, auf Reisen. Systematisch suchte er die Ränder der Monarchie auf, zeigte ein echtes Interesse an den Problemen der Menschen und suchte sein heterogenes Reich im Geiste des Utilitarismus quasi im Gewaltmarsch zu erneuern.

Die Filmemacherin und Autorin Monika Czernin, selber dem böhmischen Adel zugehörig, nimmt sich die wichtigsten Routen des Monarchen vor und liefert ein gut recherchiertes Gesamtbild nicht nur jener Reisen, sondern auch des einsamen, früh zum zweiten Mal verwitweten Mannes, der zu ahnen schien, dass ihm nicht viel Zeit bleiben würde für sein Reformwerk.

„Wenn die Reisen für jeden denkenden Menschen nützlich sind,
so ist das um so mehr für einen Souverän,
der alle Vergnügungen zurückweisend,
sich nur auf die Nützlichkeit seines Tuns konzentriert.“

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Mitnichten zum Vergnügen waren jene Inspektionen angelegt, die dem unruhigen Joseph – er war ein verwöhntes, schwieriges Kind gewesen, das mit dem Lernen Schwierigkeiten hatte – Einblicke in das bunt zusammengewürfelte Habsburger-Reich verschaffen sollten: „Er wollte Daten und Fakten sammeln. Er wollte wahrnehmen, zuhören und kombinieren. Er wollte die Welt verstehen, um sie zu verändern. Seine Reisen waren von den Prinzipien der Aufklärung nur so durchdrungen, sie waren gewissermaßen eine Inkarnation des aufgeklärten Projekts.“ Inkognito, unter einem seiner vielen Titel, dem eines Grafen von Falkenstein in der Pfalz, bescheiden gekleidet und nur von wenigen Vertrauten umgeben, legte der Kaiser tausende Kilometer in der Kutsche und auf Pferdes Rücken zurück, weil er es für seine Pflicht hielt.

Seine der Aufklärung zugehörigen Erzieher hatten ihm beigebracht, dass er „als erster Diener des Staates für die Glückseligkeit aller verantwortlich sei“, aber „das Volk war ein ferner, unbekannter Kontinent“. Ihn galt es zu entdecken. Im Banat sprach er mit einem wettergegerbten Bauern, diskutierte Anbaumethoden und neue Feldfrüchte, versuchte sich sogar am Pflug und hinterließ dem Mann ein Kästchen mit Samen und Setzlingen. Czernin über die gut belegte Szene: „Der Bauer studiert sie konzentriert, wie Kostbarkeiten“. Das war ein Umgang von Herrscher und Untertanen, den zu jener Zeit allenfalls Friedrich II. von Preußen pflegte – Joseph bewunderte ihn und traf ihn, allen Differenzen zum Trotz. Eine Freiheit anderer Art leistete er sich in Rom 1769. Gerade war Papst Clemens XIII. gestorben und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches suchte die im Konklave versammelten Kardinäle auf, auf die rechtswidrige Einladung des österreichischen Botschafters beim Heiligen Stuhl hin.

Dieser, Alessandro Kardinal Albani, wies auf die bescheidenen, nur mit Leinwand voneinander abgetrennten Zellen seiner Mitbrüder und erwartete Zuspruch von seinem hohen Herrn. Czernin über die Reaktion Josephs: „Er blickt in die Runde der wohlbeleibten Kirchenfürsten und runzelt über ihre fadenscheinigen Bemühungen, frommer zu wirken als sie sind, die Stirn: Geistige Hirten sollten ein solches Leben immer führen. Oder habe ich das Evangelium unseres Herrn falsch verstanden?“ Das war ein Beleg für Josephs Freimut, nicht für echte Feindschaft gegenüber der Kirche. Im Nützlichkeitsdenken des Kaisers mussten sich alle Institutionen der weltlichen Macht unterordnen, durften sodann in Frieden leben. Die Kirche zu Hause nahm Joseph ganz selbstverständlich für lokale Verwaltungsdienste in Anspruch. Die Linien der Politik zog im Staat nur einer, nämlich er. Die Kirche sollte sich „auf ihr Kerngeschäft, die Seelsorge und das Jenseits, beschränken“. Bis 1918 blieb das Habsburger-Reich ein Konglomerat unterschiedlichster Völkerschaften, Mentalitäten und eben auch Religionen.

 

Im Österreich neu zugefallenen Galizien, das Joseph 1773 bereiste, lebten Polen, Ruthenen, Deutsche, Armenier, Juden, Moldauer, Ungarn, Zigeuner, Lipowaner und weitere Völker. Es gab Römisch-Katholische, Griechisch-Katholische, Protestanten, Muslime, aber auch hunderttausende Juden. Brody, im Nordosten, war ein einziges Schtetl, von hier dominierten die Händler den Fernhandel bis nach Asien. Joseph empfing sie, hörte ihre Beschwerden und machte Brody, wie die Häfen Triest und Fiume, zur Freihandelszone. 1782, lange vor den meisten deutschen Teilstaaten, wurde den Juden (wie auch den Protestanten) im Toleranzpatent die Religionsausübung wesentlich erleichtert.

Ehrliches Interesse am Volk und seinen Menschen

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Das Bild des Kaisers, wie es uns hier in den penibel angelegten Reiseberichten gegenübertritt, ist das eines an der allgemeinen Hebung der Verhältnisse ehrlich interessierten Mannes, der aber, nach Art eines „aufgeklärten Despoten“ keineswegs bereit war, das Heft aus der Hand zu geben. Joseph spürte offenbar, dass die Dinge nicht so bleiben konnten wie sie waren. So verordnetet er die Revolution von oben. Die sorglose Schwester Marie-Antoinette, die er 1777 in Frankreich aufsuchte, warnte er eindringlich, weil er im Bourbonen-Staat keinerlei Versuche feststellte, das Los breiter Bevölkerungskreise zu bessern. Vor allem war Joseph II. ein einsamer Mann, beide Frauen waren ihm nach kurzer Zeit weggestorben, auch seine beiden Töchter starben vor ihm. Die Reisen waren für den Kaiser wohl auch der Versuch, aus der permanenten Trauer herauszukommen, anderen zu helfen, wenn er sich schon nicht selber helfen konnte.

Die ständigen Abwesenheiten vom ungeliebten Hofleben ließen sich unter einem im Zeitalter der Aufklärung hochgeschätzten Gesichtspunkt rechtfertigen, den Joseph II. selber zu Papier brachte: „Wenn die Reisen für jeden denkenden Menschen nützlich sind, so ist das um so mehr für einen Souverän, der alle Vergnügungen zurückweisend, sich nur auf die Nützlichkeit seines Tuns konzentriert.“ Ein Kaiser, der nützlich sein wollte – und ein gut recherchiertes und mit literarischen Anspruch geschriebenes Buch, das uns die brodelnden Jahre kurz vor der großen Revolution, die alles in neue Bahnen lenkte, mit Sinn für Details näher bringt.


Monika Czernin: Der Kaiser reist inkognito. Joseph II. und das Europa der Aufklärung.
Penguin Verlag, München 2021, 383 Seiten, ISBN: 978-3-328-60057-2, EUR 22,–

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