Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Wertefundamente

Giuseppe Gracia: Die Freiheit gegen eine vermeintliche, „neue Moral“ verteidigen

Westliche Werte stehen derzeit wieder massiv in der Kritik. Insbesondere das linke politische Spektrum betrachtet das abendländische, jüdisch-christliche Erbe mit seinem Menschenbild und den daraus erwachsenden Werten wie Menschenwürde und individuelle Personalität als Hindernis - so Guiseppe Gracia.
Socialist Realism is a style of realistic art which developed under Socialism in the Soviet Union and became a dominant
Foto: IMAGO / AGB Photo | Sozialistischer Realismus: Nordkorea glaubt das Christentum durch den großen Führer ersetzen zu können. Der sorgt für die Masse der Gleichen, aus der sich niemand hervorheben und in der die Familie nichts bedeuten ...

Fridays for Future,Black Lives Matter, #MeToo, Critical Race Theory. Innerhalb weniger Jahre haben sich englischsprachige Begriffe in der ganzen westlichen Welt verbreitet, die für verschiedene neue oder neu aufgelegte Anliegen und Bewegungen stehen. Rettung des Planeten gegen den Klimawandel, Kampf gegen Rassismus und sexuelle Ausnutzung dank Machtstellung, Schutz von Minderheiten und insbesondere der sogenannten LGBTIQ*-Community. Sicherlich gut gemeinte und auch positive Entwicklungen – solange sie sich nicht ins Gegenteil verkehren, und zu neuen Diskriminierungen führen.

„Die Menschenrechte werden nur in jenen Gebieten der Erde anerkannt
und vom Staat ernst genommen,
wo Judentum oder Christentum eine wesentliche Rolle gespielt haben.
Nicht in China, nicht in Nordkorea, nicht in muslimisch geprägten Staaten.“

Genau an diesem Punkt setzt der Schweizer Publizist Giuseppe Gracia mit seinem neuen Buch „Die Utopia-Methode. Der neue Kulturkampf gegen Freiheit und Christentum“ an. Der Untertitel spielt auf das an, was der Autor „Kulturkämpfer 2.0“ nennt. Sein Fazit: „Immer mehr politische Bewegungen und Gruppen wollen die Freiheiten einschränken oder ganz abschaffen – im Namen einer neuen, kollektiven Moral, die in Zukunft über der Freiheit des Einzelnen stehen soll. Eine Moral im Namen von Anti-Diskriminierung, Anti-Rassismus, Anti-Faschismus und Klimaschutz.“

Lesen Sie auch:

Solchen Bewegungen gemeinsam ist, dass sie die westliche Kultur „systemisch“ für „rassistisch-imperialistisch-frauenfeindlich“ hielten. Für „umweltschädlich, transphob, islamophob und so weiter“. Ein weiteres Kennzeichen dieser neuen Entwicklung: „Sie haben ein Problem mit dem Christentum“ – nicht mit Religionen insgesamt, sondern mit „dem traditionellen Christentum, das die weltanschaulich-moralische Grundlage des Abendlandes bildet.“

Lesen Sie auch:

Die westliche Zivilisation soll überwunden werden

Sind all diese insbesondere an den Universitäten der Vereinigten Staaten entstandenen Erscheinungen eigentlich nichts Neues, so nimmt sich besonders aufschlussreich aus, dass Gracia sie als Ausfluss einer „Utopia-Methode“ darstellt. Der Autor fragt sich, wie es möglich ist, „dass heute mehr und mehr antiwestliche Ideologien das westliche Kulturschaffen dominieren“, wenn der Westen „nicht nur den größten Massenwohlstand der Geschichte hervorgebracht hat, sondern auch den größten Grad an gesellschaftlicher Freiheit“? Giuseppe Gracias Antwort: Die vorgefundene und zu kritisierende westliche Realität werde nicht mit anderen Gesellschaften, etwa in sozialistischen, kommunistischen oder islamischen Ländern, sondern „mit einem Wunschbild“ verglichen, „das nirgends real existiert, sondern nur dazu dient, Fundamentalkritik zu legitimieren“.

Durch seine treffende Deutung, dass der neue Klassenkampf nicht mehr zwischen Arbeit und Kapital stattfinde, „sondern zwischen Identitäten, zwischen äußerlichen Merkmalen und Lebensentwürfen“, zeigt der Autor das Paradoxon von Bewegungen, die gegen das Unrecht kämpfen und dadurch neues Unrecht in Form von Spaltung der Gesellschaft und neuen Diskriminierungen schaffen: „Bewertung von Menschen nach Hautfarbe und Rasse. Nach Geschlecht. Nach sexueller Orientierung. Weiße sind out. Schwarze, Latinos, Asiaten sind in. Männer sind out. Frauen sind in. Heterosexuelle sind out. Alle anderen sind in.“

Das christliche Menschenbild wird als „gefährlich“ erachtet

Die westliche Zivilisation solle überwunden werden: „Philosophie, Rechtsprechung oder wissenschaftliche Rationalität sollen ersetzt werden durch Ideologie und gefühlte Realitäten. Und auch die christliche Religion muss verschwinden, mitsamt den jüdischen Wurzeln, denn diese stehen für eine veraltete Vorstellung des Menschen.“ Ebenso neu definiert und neu verteilt werden soll die Freiheit. Christliches Menschenbild oder ein klassisch liberales Verständnis der Selbstverantwortung würden als fortschrittsfeindlich und gefährlich angesehen.

Passend dazu sei „die Relativierung und Demontage der klassischen Familie“, die „kein mediales Gewicht mehr haben darf“, sowie dass es „salonfähig“ geworden sei, „die Menschheit für missraten zu halten.“ Es sei nicht Mode, „im Menschen etwas Höheres, Gottberufenes zu sehen“. Einerseits würden Pflanzen- und Tierarten geschützt, man setze sich „natürlich für das Klima“ ein, andererseits „aber nicht für das werdende menschliche Leben“. Ja, es geht noch weiter: „Viele betrachten heute schon den Wunsch, Kinder in die Welt zu setzen, skeptisch, und sei es nur aus Gründen des Klimaschutzes.“

Warum soll es ohne Christentum besser sein?

Allerdings hat Gracia offensichtlich nicht eine Antwort auf alle Fragen, die er in seinem Buch stellt. Wenn er beispielsweise fragt: „Woher kommt die Auffassung, dass das Verschwinden des Christentums für eine gute, moderne Gesellschaft nicht nur unproblematisch, sondern sogar notwendig ist? Dass es für Rechtsstaatlichkeit oder Nächstenliebe überhaupt keine Religion braucht?“, dann kann er nur sein Staunen darüber äußern, denn „die Menschenrechte werden nur in jenen Gebieten der Erde anerkannt und vom Staat ernst genommen, wo Judentum oder Christentum eine wesentliche Rolle gespielt haben. Nicht in China, nicht in Nordkorea, nicht in muslimisch geprägten Staaten.“

Dennoch: Giuseppe Gracias inhaltsreiche Diagnose bietet eine prägnante Erklärung der Entwicklungen, die heute den sogenannten Mainstream bestimmen – sie gibt aber auch einige Hinweise an die Hand, um dem entgegenzuwirken, um die Freiheit und die Grundlagen unserer Zivilisation in den verschiedenen Bereichen zu verteidigen.


Giuseppe Gracia: Die Utopia-Methode. Der neue Kulturkampf gegen Freiheit und Christentum.
Fontis Verlag, Basel 2022, 96 Seiten. ISBN/EAN 9-783-03848236-9, EUR 9,90

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
José García Christentum Fridays For Future Giuseppe Gracia Menschenwürde

Weitere Artikel

Hans-Gert Pöttering war von 2007 bis 2009 Präsident des Europäischen Parlamentes. Im Interview spricht er über die Bedeutung des „C“ für Europa.
08.06.2024, 16 Uhr
Stefan Groß-Lobkowicz
Zur Eröffnung der Woche für das Leben in Osnabrück gab es eine Fachtagung zur Frage der Optimierung des Menschen.
22.04.2023, 17 Uhr
Meldung

Kirche

Die Eucharistische Prozession macht Halt in Champion, dem einzigen anerkannten Marienerscheinungsort der USA. Mehr als 2.000 Gläubige schließen sich dort der Prozession an.
24.06.2024, 14 Uhr
Kai Weiß
Wieder eine Aufgabe für den Sekretär von Benedikt XVI.: Die Zeit der gespannten Beziehungen zu Franziskus ist beendet.
24.06.2024, 12 Uhr
Guido Horst
Der Bischof von Dresden-Meißen lud ein, eigene Grenzen und Ängste zu überwinden und Jesus ganz zu vertrauen. Landesbischof Bilz lobte die verschiedenen Gruppen der Kirche.   
23.06.2024, 14 Uhr
Meldung