Lebensgeschichte

Die Tragik, eine Persönlichkeit zu sein

Der posthum erschienene Roman „Die Unzertrennlichen“ der feministischen Ikone Simone de Beauvoir kann als Darstellung einer zerstörerischen Wirkung übertriebener Tugendhaftigkeit gelesen werden.
Schriftstellerin Simone de Beauvoir
Foto: IMAGO / ZUMA/Keystone | Die Schriftstellerin Simone de Beauvoir erinnert sich mit ihrem Roman „Die Unzertrennlichen“ an eine frühere Freundschaft in ihrer Jugend.

Zwei zehnjährige Mädchen, die einander siezen, sich Briefe schreiben, gemeinsam Latein lernen. Dreizehnjährig diskutieren sie, ob die Beziehung von Tristan und Isolde im gleichnamigen Roman eine rein platonische ist. Heimlich, verborgen vor den Augen der strengen bürgerlich-katholischen Mutter, lesen sie Werke von Alexandre Dumas. Vor allem aber lernen Sylvie und Andrée den Zauber eines wahrhaften Dialogs kennen. „Meine Eltern redeten mit mir, und ich redete mit ihnen, aber wir unterhielten uns nicht; mit Andrée führte ich richtige Gespräche“, teilt die Ich-Erzählerin Sylvie dem Leser mit. Die vorerst zurückhaltende, brave Sylvie schaut zu ihrer aufmüpfigen, intelligenten Klassenkollegin hoch. Was sie jedoch am meisten bewundert: ihre Persönlichkeit.

Sylvie ist das Alter Ego der Feministin und Philosophin Simone de Beauvoir. Ihr posthum erschienener autofiktionaler Roman „Die Unzertrennlichen“ ist eine Hommage an ihre Seelenverwandte Zaza, die im Alter von 22 Jahren an einer viralen Enzephalitis starb. War die Hirnhautentzündung wirklich die Todesursache? De Beauvoirs Adoptivtochter, Sylvie Le Bon de Beauvoir, die das Manuskript von „Die Unzertrennlichen“ zur Veröffentlichung freigegeben hat, ist anderer Meinung. Im Vorwort des Romans schreibt sie, dass ihre Adoptivmutter, würde sie nach dem Tod ihrer geliebten Freundin gefragt werden, antworten würde: „Zaza ist daran gestorben, dass sie außergewöhnlich war.“

„Vor allem ist ‚Die Unzertrennlichen‘ eine Erinnerung
an eine einzigartige Freundschaft zwischen Frauen,
wie de Beauvoir sie Zeit ihres Lebens kein zweites Mal mehr finden konnte"

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In poetischer Sprache beschreibt die Schriftstellerin Andrées Persönlichkeit: „Wenn sie einen Pfirsich oder eine Orchidee sah oder wenn man diese nur in ihrem Beisein erwähnte, erschauderte Andrée und bekam eine Gänsehaut an den Armen; da zeigte sich auf verstörendste Weise die Gabe, die sie vom Himmel bekommen hatte und die meine Bewunderung erregte: die Persönlichkeit.“ Doch es ist gerade das Zuviel an Persönlichkeit, das Andrées Mutter bei ihrer, in alle Richtungen begabten Tochter, ein Dorn im Auge ist. Für Madame Gallard gibt es nur zwei Lebensentwürfe, die für Töchter aus gutem Hause in Frage kommen: Ein Leben im Kloster oder eines, das Ehemann und Kindern dient.

Später gewährt sie Andrée ein Literaturstudium an der Sorbonne, eine Ausbildung zur Lehrerin geht für sie allerdings zu weit. Anfangs lässt Madame Gallard ihre zum Mythischen wie zum Sinnlichen gleichermaßen begabte Tochter noch an der langen Leine. Je mehr sie in ein heiratsfähiges Alter kommt, desto kontrollierender wird die Mutter. Sie unterbindet die Beziehung der Fünfzehnjährigen zu Bernard, den sie als „keine gute Partie“ einstuft. Einer Liebesheirat steht die Mutter aus Prinzip skeptisch gegenüber. Den Kindern wird der „coup de foudre“ vermittelt: Sobald sich Braut und Bräutigam vor dem Altar das Jawort geben, werden sie sich ineinander verlieben. Simone de Beauvoir lässt die 13-jährige Andrée scharfsinnig dazu bemerken: „Diese Theorie ist komfortabel für die Mütter; sie brauchen sich um die Gefühle ihrer Töchter keine Gedanken zu machen: Gott kümmert sich schon darum.“

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„Pascal ist der erste wahre Christ, den ich kennenlernte“

„Die Unzertrennlichen“ ist ein interessantes Buch gerade für Katholiken, da es viel über die Religiosität katholisch-bürgerlicher Familien in Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts preisgibt. Die Mädchen erhalten eine gute Schulbildung an einem von jesuitischen „Fräulein“ geführten College. Ihr Alltag ist geprägt von Gebeten, Messen und Beichten. Die Familie Gallard pilgert jährlich nach Lourdes. Zuhause wird über das Frauenwahlrecht diskutiert. Andrées älterer Bruder, ein Priesterseminarist, befürchtet, dass die arbeitenden Frauen die sozialistische Partei wählen würden, was „den Feinden der Kirche dienen“ würde. Die Mutter ist nicht begeistert, dass ihre Tochter Claudel, Mauriac oder Bernanos – allesamt Vertreter des „Renouveau Catholique“ – liest. Sie empfiehlt ihr stattdessen die Kirchenväter.

Während Sylvie aka Simone früh die Entscheidung trifft, nicht zu glauben, ist Andrée, obwohl die selbstbewusstere der beiden, sehr fromm. Doch sie wird immer mehr in die religiöse, von Angst geprägte Tugendhaftigkeit ihrer Familie hineingezogen.

Eine positive katholische Gestalt des Romans ist Pascal, Andrées zweite große Liebe. In ihm findet die junge Frau einen intellektuell ebenbürtigen Partner, der sie zugleich aus ihrer melancholischen Stimmung herausholt. Pascal ist eine Frohnatur und bezichtigt Andrée des Jansenismus. Die Anfang Zwanzigjährige teilt ihrer besten Freundin Sylvie begeistert mit: „Pascal ist der erste wahre Christ, den ich kennengelernt habe!“ Andrée möchte Pascal heiraten. Doch sein Vater hält ihn zu jung für eine Verlobung. Madame Gallard möchte Andrée bis zu einer möglichen Verlobung nach England schicken. Sie fürchtet um die Keuschheit ihrer Tochter. Doch dazu kommt es jedoch nicht.

Verständnishilfe für eine persönliche Entwicklung zum Feminismus

Simone de Beauvoirs Roman, den sie bereits 1954 verfasste, reiht sich ein in die Werke Herman Hesses und Robert Musils, die von begabten und sensiblen Kindern handeln, die an elterlichen, schulischen und religiösen Vorstellungen sowie Zwängen zugrunde gehen. Doch vor allem ist „Die Unzertrennlichen“ eine Erinnerung an eine einzigartige Freundschaft zwischen Frauen, wie de Beauvoir sie Zeit ihres Lebens kein zweites Mal mehr finden konnte. „Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil Sie tot sind oder weil ich lebe?“, schreibt sie in der Widmung.

Des Weiteren hilft der Roman zu verstehen, welche Umstände und Erlebnisse dazu führten, dass Simone de Beauvoir Feministin wurde. Oft liegt in der Jugend der Philosophen die Wiege ihrer späteren Denkgebäude. Nach der Lektüre von „Die Unzertrennlichen“ leuchtet ein, warum die Feministin in ihren philosophischen Überlegungen der Subjektivität den ersten Platz einräumte und was sie zu ihrem bekanntesten Zitat „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“ führte.


Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen. Rowohlt Buchverlag, Reinbeck 2021, 144 Seiten,
ISBN-13: 978-349800-225-1, EUR 22,–

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