Persönlichkeitsentwicklung

Angekratzt von Gott

Der Glaube reift in Lebenskrisen: Der Aachener Priester Georg Lauscher legt zwei spirituelle Bücher vor.
Aachener Priester Georg Lauscher
Foto: Felder | Körperlich, seelisch und geistig empfangsbereit für den Glauben zu sein empfiehlt Georg Lauscher.

Krisen wie die derzeitige Corona-Pandemie werden landläufig als Störung gewohnter Abläufe, als lästig, behindernd und Rückschritt empfunden. Auf Krisen, Brüche, Leid und Krankheit würden die weitaus meisten Menschen gern verzichten, und die Politik und manche Heilslehren gaukeln ihnen nur allzu gern und allzu häufig die Illusion vor, ein Leben ohne all das wäre möglich.

„Sein Motto beim Leben und Beten lautet:
„Je tiefer, desto weiter!“
Beten ist für den erfahrenen spirituellen Begleiter eine Überlebensübung“

Nicht so der Aachener Priester Georg Lauscher, der selbst ein bewegtes Leben hinter sich hat und im Jahr 2021 zwei neue Bücher vorgelegt hat, in denen er auf eindrucksvolle Weise Zeugnis davon ablegt, dass Brüche und Krisen Anfänge und Übergänge zu einem lebendigeren und tieferen Leben werden können.

Lauscher, der unter anderem Kaplan, Fabrikarbeiter und Mönch auf Zeit war und inzwischen als geistlicher Begleiter in der Diakonen- und Priesterausbildung des Bistums Aachen tätig ist, hat selbst etliche Krisen und Brüche erlebt und weiß deshalb, wovon er spricht. Aus seiner Sicht ist die Krise der Ursprungort jüdischen und christlichen Glaubens, ja kam und kommt der Glaube durch Krisen hindurch zur Welt. „Ein krisengereifter Glaube ist zutiefst persönlich und politisch“, heißt es in seinem Buch „Lebenskrisen und ihre Botschaften.

Hohes Maß an Authentizität

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Von Anfängen und Übergängen.“ Der große Vorzug des schmalen, dichten Büchleins ist, dass Lauscher in der Ich-Form schreibt und deshalb seinem geistlichen Ratgeber ein hohes Maß an Authentizität verleiht. In immer wieder neuen Anläufen und anhand konkreter Beispiele und Lebenssituationen macht er, gestützt durch eine ganze Reihe biblischer Belege, klar: Lebenskrisen und mit ihnen oft einhergehende Glaubenskrisen sind wertvolle, unverzichtbare Phasen der Persönlichkeitsentwicklung. Seine Botschaft und Empfehlung lautet, körperlich, seelisch und geistig empfangsbereit, feinfühlig und hellhörig zu werden und in der Lebenskrise bei sich selbst anzufangen – „von innen und unten her und wirklich und ehrlich“.

Noch bereichernder, vielschichtiger und erfahrungsgesättigter ist das zweite Buch, das Lauscher im Jahr 2021 unter dem Titel „Angekratzt. Spirituelle Zwischenrufe“ veröffentlicht hat.

Texte an den „Abbruchkanten“ des Lebens

Der Sammelband enthält geistliche Beiträge sehr unterschiedlicher Textformen – Essays, Morgenandachten, Vorträge, Impulse und Gedichte, welche acht Lebensthemen zugeordnet sind, deren Kapitel folgende Titel tragen: „Eingangs“, „Angekratztes Christusbild“, „Anfängergeist“, „Schwachheit und Kontemplation“, „Der Tod des Nächsten“, „Liebe und Gericht“, „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“ und „Gottesfragen“. Die Texte sind nach Lauschers Verständnis an den Abbruchkanten persönlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens entstanden. „Sie sind angekratzt und wollen ankratzen, wo die Wahrheit unterschlagen wird“, betont der Autor.

Echte und lebensnahe Spiritualität ist in seiner Sicht nie nur glatt, sondern immer auch angekratzt und hat eine rauhe Kante, die offen für anderes, Fremdes und mehr ist. Insofern ist das neueste Buch „Angekratzt“ eine logische und notwendige Ergänzung des vorangegangenen und zeichnet sich ebenfalls durch eine hohen Grad an Authentizität aus. Auch hier sind es seine eigenen ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse, die das Buch prägen und am meisten unter die Haut gehen. Ein Obdachloser lehrt ihn, Gott „ganz unten“ zu suchen und Menschen diesen Gott „auf den letzten Plätzen“ und Jesus als Bruder der am Rande der Gesellschaft Lebenden nahe zu bringen. Bahnhöfe und Hochhäuser sind für ihn wichtige Orte der Begegnung in der „Wüste unseres Alltags“.

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Wandlung zum echten Seelsorger

In einem Massenquartier hört er nachts die Schreie geschlagener Frauen und wird selbst bedroht. Inkognito in Fabriken arbeitend, erlebt er die Not der Arbeitslosen. Als er mit seinen Kräften am Ende ist, helfen ihm ein Hindu, ein Asylsuchender und eine aus der Kirche ausgetretene Psychologin neu ins Leben zurück. Total angewiesen auf die Aufmerksamkeit, die Ideen und die Tatkraft anderer lernt er, auch zuzulassen, dass andere ihm dienen und Gott ihm durch sie hilft: Aus einem verwundeten Seelsorger wird ein echter Seelsorger.

Die radikale Hingabe an Gott und die radikale Hingabe an den Menschen sind für Lauscher zwei Seiten derselben Medaille. Sein Motto beim Leben und Beten lautet: „Je tiefer, desto weiter!“ Beten ist für den erfahrenen spirituellen Begleiter eine Überlebensübung („täglich/unser herz darin üben/mit aller menschen herz/zu schlagen“), und so ist es nicht verwunderlich, dass er einen „kleinen Kompass kontemplativen Betens“ in einer einfachen, lebensnahen Form anbietet.

Lyrik mit verblüffenden Impulsen

Andererseits hinterfragt er als kirchendistanzierter Mystiker, der trotzdem die Kirche liebt, immer wieder alle Gewohnheiten, Sicherheiten, Selbstverständlichkeiten, die den Zugang zu Gott verstellen könnten. Die Gedichte in Lauschers Sammelband sind nicht nur nettes Beiwerk oder willkommene Abwechslung, sondern sie eröffnen in einer oft verdichteten, vieldeutigen, markanten Sprache neue Horizonte und zeigen verblüffende Perspektiven auf, die eine andere Textform nicht in vergleichbarer Weise eröffnen könnte. Lauschers Buch „Angekratzt“ ist so schnell nicht auszuschöpfen und bietet eine Fülle von bereichernden Gedanken, Anstößen und Impulsen zu vielen Aspekten des Lebens und Glaubens. Es bietet sich nicht für die gängige Lektüre Seite für Seite an, sondern kann und sollte gelesen werden, indem man sich immer wieder einzelne Texte, Stücke und Passagen herauspickt, bedenkt und meditiert. Die Chance, sich von Lauscher ankratzen zu lassen, sollte man sich nicht entgehen lassen. Es lohnt sich.

„zwischen zwei armen (ein letztes lied)
ewiger grund
ewiges atmen
ewiges leuchten
zwischen zwei armen
leise unter den lauten
arm unter den reichen
einsam unter den vielen
zärtlich dazwischen
lebst du dein leben
keiner hat dich je gesehn
keiner hat dich je gehört
und doch lebst du
still in allem“


– Georg Lauscher: Lebenskrisen und ihre Botschaften. Von Anfängen und Übergängen.
Echter Verlag, Würzburg 2021, 98 Seiten, ISBN: 978-3-
429-05600-1, EUR 9,90

– Georg Lauscher: Angekratzt. Spirituelle Zwischenrufe.
Einhard Verlag, Aachen 2021, 270 Seiten, ISBN: 978-3-943748-65-9, EUR 19,80

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