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Alban Schachleiter OSB: Ein deutscher Abt

Willi Eisele porträtiert den „parteilosen Volksgenossen“ Alban Schachleiter OSB
Eisele Schachtleiter OSB
Foto: LIT Verlag | Alban Schachtleiter OSB bei einem seiner Zusammentreffen mit Adolf Hitler

Das soll die Welt hören und wissen: Meine Treue zu meinem Führer und seiner nationalsozialistischen Bewegung, aber auch meine Treue zur Heiligen Kirche.“ Wer war der Mann, der solches bekannte und meinte, die ganze Welt müsse es von ihm wissen? Ein hoher Diener der katholischen Kirche, ein resignierter Abt, dem der „Führer“ zweimal die Ehre eines Besuchs im weithin unbekannten Ort Feilnbach unter dem Wendelstein erwies. Spätestens ab dem 1. Februar 1933 war er wohl jedem Zeitungsleser ein Begriff, als er offen für Hitler und seine NSDAP in deren Zentralorgan Partei ergriffen hat. Doch schon kurz nach seinem Tod im Jahr 1937 wurde es sehr still um ihn. Warum?

Den „parteilosen Volksgenossen“ hat Willi Eisele auf ansprechende, exakt fundierte Weise aus der Versenkung hervorgeholt als lehrreiches Element der NS- wie der Kirchen- und Ordensgeschichte mit ihren öffentlich ausgetragenen Kämpfen, inneren Versuchungen und mentalen Verirrungen, belegt mit zeitunabhängigen Beispielen für die Verführbarkeit von Intellektuellen.

Einsatz gegen „politisierende Pfaffen“

In den letzten Jahren der deutschen und österreichischen Monarchie stand Alban Schachleiter von 1908 bis 1919 an der Spitze der bedeutenden Abtei Emaus in Prag. Sein Einsatz für das enge Band zwischen Thron und Altar prägte seinen Begriff von „Reich“, den er auf die Habsburgermonarchie bezog, gegen die ab 1903 eine politische Bewegung mobil machte: „Los von Habsburg“ setzt „Los von Rom“ voraus. Da er dies klar formulierte, herrschte nach der Niederlage der Mittelmächte am Ende des Ersten Weltkriegs mit der Gründung der Tschechoslowakei im Konvent, aber auch in der Prager Öffentlichkeit ein Klima, das seine Resignation und letztlich seinen Ortswechsel über Oberösterreich nach Deutschland veranlasste. Durch die Verlagerung seiner „stabilitas loci“ von Beuron nach Prag blieb er bis zu seinem Tod Konventsmitglied von Emaus, wie den Quellen zu entnehmen ist.

Eine stark konservativ-monarchistische, in anderer Richtung nationale Strömung „entdeckte“ das rhetorische Talent Schachleiters. Ihre Werber führten den abteilosen Abt ab 1922 dem engeren Kreis um Hitler zu, der in ihm die Chance erkannte, ihn gegen die konservative Front der „politisierenden Pfaffen“ einzusetzen. Auch in kirchlichen Kreisen war der Ex-Abt als Redner kein Unbekannter und wurde seinen Gastgebern bald unbequem. Aber das monastische Gast- und Bleiberecht konnte man ihm und seinem tschechischen Abtsdiener nicht verweigern. Disziplinarmaßnahmen bezogen sich zunächst auf öffentliche Auftritte und seine politisch zugespitzten Äußerungen, begleitet von wiederholt ultimativen Forderungen, sich in ein Kloster zurückzuziehen.

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Geschickt verstand es der Abt,  sich mithilfe seiner „neuen Freunde“ dieser Fesseln zu entledigen, indem er sich, weggedrängt aus München, im Bergdorf unter dem Wendelstein einen „Stützpunkt“ schuf. Dort wurde er im „Haus Gott Dank“ zweimal von Hitler besucht (1933, 1936), und von dort wurde er zweimal zur Teilnahme an Reichsparteitagen der NSDAP als Ehrengast mit reiner Statistenrolle nach Nürnberg abgeholt (1934, 1935) – ohne eingeschriebenes Mitglied der Partei zu sein.

Der „beste Katholik und der beste Nationalsozialist“

Die letzte Chance, mit dem „geistlichen Zeugen der Bewegung“ propagandistisch zu punkten, bot sich mit der Beisetzung des „deutschen Abts“ als Staatsakt auf persönlichen Befehl des „Führers“ am 22. Juni 1937 auf dem Münchner Waldfriedhof. Der lange Trauerkondukt von seiner ehemaligen Wirkungsstätte, der Allerheiligen-Hofkirche (Residenz) zum Bestattungsort wurde von Verehrern und Schaulustigen gesäumt.

Das Protokoll des Staatsakts verlangte eine strikte Trennung des kirchlichen Beisetzungsritus vom formellen Akt, bei dem NSDAP- und Staatsfunktionäre separat auftraten und es keine Ansprache eines Geistlichen gab. Warum der zuständige Ortsbischof, Kardinal Michael von Faulhaber, und die Benediktinerabteien das Hinscheiden von Alban Schachleiter nicht oder nur formelhaft bedauerten, liegt auf der Hand, wenn man sich seine Unbotmäßigkeit, sein Nichtbefolgen von Weisungen aus Beuron, München, Gerleve oder Rom vergegenwärtigt, das quellenmäßig gut dokumentiert ist. Sein wiederholtes Bekenntnis zu Hitler und seiner „Bewegung“ gipfelte in Flugblättern und Pressebeiträgen in der Parole: „Hitler allein ist für den katholischen Nationalsozialisten maßgebend. (…) An meine Kirchentreue, an meine Rechtgläubigkeit lasse ich nicht rühren.“ Damit wird die Frage umso drängender, warum ihm „seine“ Partei kein ehrendes Gedenken über den Tod hinaus bewahrt hat. Seine offiziöse Biographie lag als Manuskript 1937 druckfertig vor, durfte aber erst 1941 erscheinen. Wovon konnte er leben nach Disziplinarmaßnahmen der Kirche und Streichung seiner Versorgungsansprüche durch die Beuroner Kongregation? Wie konnte er im Grundbuch als gleichberechtigter Miteigentümer eines Neubaus in Feilnbach, für das „Haus Gott Dank“ eingetragen sein? Was war der Grund für die Schockreaktion von Staatssekretär Hans Lammers, dem Chef der Reichskanzlei, und von Ministerpräsident Ludwig Siebert kurz nach dem Staatsakt? Es sollte einen ernsten Grund beziehungsweise Fakten geben, die „verschwiegen“ aus der Welt geschafft werden mussten, aus dem sich der Beweis Schachleiters, der „beste Katholik und der beste Nationalsozialist zu sein“, relativieren dürfte. Solche und weitere Fragen beantwortet die hier besprochene Publikation aus der Reihe Beuroner Schriften und Studien.

Willi Eisele: Zwischen Ordensregel und politischer Gefolgschaft. Abt Alban Schachleiter OSB. Lit-Verlag, 2021, Münster, 300 Seiten, EUR 29,90

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