Theologie

Selektive Exegese

Martin Ebner liest die Heilige Schrift mit der protestantischen Lesebrille.
Bibel und Tagebuch
Foto: Adobe Stock | Die Heilige Schrift ist mehr als nur ein Steinbruch für Exegeten.

Bei der zweiten Vollversammlung des Synodalen Weges im Herbst 2021 wurde ein Änderungsantrag gestellt und angenommen, der sich mit der Frage befasste, ob es ein sakramentales Priestertum in der Kirche überhaupt brauche. Nun erhält diese Infragestellung literarische und exegetische Unterstützung durch die Neuerscheinung Martin Ebners: Braucht die katholische Kirche Priester?

In wissenschaftlich gediegener Sprache, die zugleich verständlich für Nichttheologen ist, entfaltet Ebner die Kernhypothese seiner Studie: Frühchristliche Gemeinden kannten kein Weihesakrament und die heutigen Diskussionen rund um das Priestertum hätten keine neutestamentliche Verankerung. Ebner unternimmt einen Lauf durch die gesamte Heilige Schrift, angefangen von der Betrachtung des Priestertums im Alten Israel bis ins Neue Testament, nimmt jedoch auch einen Seitenblick auf das pagane Umfeld vor. Er schildert insbesondere die politisch-funktionalen Aspekte alttestamentlicher Priester als „Kult-Manager“ und problematisiert ihre theologische Bedeutung als heilige Mittler und Menschen erster Klasse. Ebner widmet sich insbesondere der Sühnetheologie des Alten Testaments rund um den Versöhnungstag und bringt zugleich zum Ausdruck, dass die Weisheits- und Prophetenliteratur dem Tempelkult kritisch gegenüberstünde. Dazu ist anzumerken, dass in kritischen Bibeltexten nicht der Kult an sich infrage gestellt, sondern ein aufrichtiger Kult mit entsprechendem Lebensstil gefordert wird. Ausgehend von der Architektur des Tempels problematisiert Ebner den ritualpraktisch hierarchischen Kult, den er zusammenfasst mit dem Motto: „Du bist, wo du stehen darfst.“

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Unchristliche Hierarchie?

Im Neuen Testament sei nicht mehr die Hierarchie, sondern die Gleichheit aller Getauften zum Wesensaspekt geworden, wie in Galater 3 und knapper in 1 Korinther 12 zum Ausdruck kommt. Ebner nennt diese Formeln die „Magna Charta des Christentums“. Alle Getauften würden Christus gleichermaßen repräsentieren. Hierarchische Strukturen seien dagegen im paulinischen Sinne unchristlich. Ebner müsste ausgehend von dieser Behauptung beweisen, warum Paulus dann in 1 Korinther 14 eine hierarchische Erklärung vornimmt, wenn Charisma hinter Ordo zurücktreten und die (prophezeiende) Frau in der Versammlung schweigen soll.

Die Hierarchie mit Presbytern und Bischöfen sei laut Ebner funktional: Er vergleicht die Presbyter und ihre Aufgaben mit denen des römischen Ältestenrats und bezeichnet Bischöfe als Verwalter großer Bezirke. Ebner blendet in seiner selektiven Vorgehensweise Bibelstellen aus, die die Existenz eines sakramentalen Amtes bereits von Anfang an belegen. Er schweigt über die Handauflegung als sakramentalen Gestus. Priester als Vermittler zur Sündenvergebung hätten im neuen Bund ausgedient, weil Christus diese bereits erwirkt, spiritualisiert und allen Christen übertragen habe. Dies will Ebner anhand von Matthäus 9,8 festmachen. Zwar ist Mittlerschaft auf Jesus Christus übergegangen, die Vergeistigung des Kults ist jedoch durch die Zeiten hindurch wirksam und schließt das Weihesakrament nicht aus.

Protestantische Auslegung

Sodann erklärt Ebner die im Hebräerbrief zugrundeliegende Abbildhaftigkeit der irdischen Liturgie im Gegensatz zur himmlischen. Seine gleichsam protestantische Sichtweise auf den Hebräerbrief verortet das Abbild der himmlischen Liturgie nicht in der Eucharistiefeier, sondern in Christi Kreuzestod als historisch einmaliges Geschehen. Ebners protestantische Auslegung bestätigt sich, wenn er den evangelischen Theologen Erich Gräßer als besten Kenner des Hebräerbriefs ausweist. Frühchristliche Schriften bestätigen dagegen die Eucharistie als Opfer von Anfang an, so zum Beispiel die Didache und der erste Klemensbrief.

Ebner arbeitet andere Priesterkonzepte heraus wie die heilige Priesterschaft im ersten Petrusbrief, die geistige Opfer darbringt. Dies stellt für ihn ein Argument gegen das Weihepriestertum dar – ein häufiger Kategorienfehler, Tauf- und Weihepriestertum gegeneinander auszuspielen.

Im letzten Kapitel der Johannesoffenbarung wertet Ebner den fehlenden Tempel als Verweigerung von Kult. Angesichts der vielen liturgischen Handlungen durch die Visionen hindurch muss diese Behauptung zurückgewiesen werden. Es besteht ein himmlischer Kult, eine Hierarchie und Kultpersonal. Die gemeinsame priesterliche Würde aller wird davon sauber unterschieden.

Selektive und reduktionistische Analyse

Die Betrachtung der Evangelien ist besonders selektiv. Jesus wird gezeichnet als ritueller Rebell und Tempelkritiker, der sich priesterliche Aufgaben wie die Sündenvergebung angeeignet habe. Die Einsetzungsworte Jesu werden protestantisch gedeutet im Sinne eines Aufrufs zum reinen Gedächtnismahl. Ebner schweigt über den Bundescharakter sowie die Opferterminologie der Worte Jesu. Er zieht keine frühchristlichen Quellen heran, um die Einsetzungsworte zeitgenössisch zu deuten, sondern vergleicht die frühchristliche Mahlfeier mit antiken Symposien.

Erst im zweiten, dritten Jahrhundert sei das christliche Priestertum dem Alten Bund angeglichen worden. Aus dem rein funktionalen Presbyter sei aus wirtschaftlichen Gründen wieder ein kultischer sacerdos geworden. Es habe sich eine Stände-Gesellschaft herausgebildet und den Weg für Ausgrenzung gebahnt. Die Kirche sei von ihrem Ursprung abgerückt. Ebner zitiert dafür Cyprian, verkennt jedoch, dass dessen Argument bereits im ersten Jahrhundert belegt ist. Auch Jesus hat in einigen Situationen nur seinen Zwölferkreis mitgenommen, ausgerechnet bei der Stiftung des neuen Bundes im Abendmahlssaal. Ebner hält jedoch an seiner Kritik fest: „Der Priesterstand ist ein Implantat ins Christentum und bedeutet einen vehementen Bruch mit den neutestamentlichen Leitlinien.“ Daraus schließt er: „Die zentralen Leitungsaufgaben in der Lehre, Liturgie und Verwaltung, die im Moment kumulativ dem Priester vorbehalten sind, sollten auf viele Schultern aufgeteilt werden, und zwar nach Kompetenz und Ausbildung – unabhängig von Geschlecht und Zölibat.“

Insgesamt stellt Ebners Studie eine selektive und reduktionistische Analyse mit protestantischer Lesebrille dar. Liberale Grundannahmen führen zu einem verzerrten Ergebnis, das letztendlich unbrauchbar ist. Alles steht und fällt mit Galater 3, Jesu Einsetzungsworte sind dagegen ein narratives Formular für ein reines Gedächtnismahl. Ebner fordert eine Kirche ohne eucharistisches Herz und ohne jene, die es in persona Christi schlagen lassen.

Martin Ebner: Braucht die katholische Kirche Priester? Eine Vergewisserung aus dem Neuen Testament. Echter Verlag, Würzburg 2022, 110 Seiten, ISBN 978-3-429-05768-8, EUR 9,90

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