Feuilleton

Leben zwischen Himmel und Hölle

Ein großer Roman mit einem ergreifenden und erschütternden Finale - Matthias Matussek rezensiert Martin Mosebachs neues Meisterwerk: „Krass“ erscheint als eine moderne „Jedermann“-Version.
Garnelensuppe
Foto: imago stock&people | Zwischen Garnelen und Granaten: Waffenhändler Krass führt ein Leben der Extreme. Er ist schwerreich und dennoch immateriell arm, er ist umgeben von Menschen und dennoch alleine.

Er ist ein Verschwender und ein Blender, ein Bauernfänger und ein Waffenschieber, ein durchaus barocker Mistkerl mit dem Drang nach Höherem, sofern es Genuss verspricht, Kultur Ja, gut und schön, dazu hat er diesen schmalen Assistenten, der seiner kleinen Gruppe von Parasiten in Neapel die Restaurants mit Meerblick bucht, auf Bedarf das Alexandermosaik erläutern kann, und dabei auch nicht jenes Detail zu erwähnen vergisst, in dem einer der zu Boden gestürzten und tödlich verwundeten Kämpfer seinen eigenen Tod im Schild gespiegelt sieht.

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Der schmale Akademiker heißt Jüngel, ein Sklave mit Geldkoffer, aus dem alles bar zu bezahlen ist, Tickets, Bewirtungen, Personal, alles was so anfällt in dieser prächtigen Passage durchs Leben mit ihrem silbrigen Gischt am Bug.

Auf der Kommandobrücke allerdings Krass, Ralph Krass, massig und stiernackig der Kerl, der Herrscher über den Geld-Koffer, die Gruppe, die Welt drumherum. Ein „Wildschwein“ mit dem dumpfen Drang nach Lebensart und Schönheit. Meist sitzt er stumm inmitten dieses nie endenden Banketts in den Edelrestaurants oder Trattorias, wo Platten voller Meeresfrüchte gereicht werden und der Champagner fließt, und bisweilen erhebt er sich, um mit ein paar Männern in dunklen Anzügen zu reden, die an der Hafenmole auf ihn warten.

Kein Gesellschaftskrimi, sondern ein morality play

Seine bizarre Gruppe – ein Arzt, ein schwerhöriger Cavaliere, ein paar dickgeschminkte Frauen und der Geschäftspartner Levcius, den Krass mit leicht angeekelter Herablassung behandelt – erhält jäh Zulauf durch eine hochgewachsene Blonde, die an der Bar des Hotel Excelsior, in dem die Gruppe tafelt, allein vor einem Glas Champagner sitzt. Es handelt sich um die in diesem Moment völlig mittellose Lidevine Schoonemaker, die hinreißende libertäre Tochter eines verstorbenen Künstlers und einer Kunsthändlerin, die ihrem Mentor, einem Zauberkünstler entlaufen war. „Es war eine Freude, sie gehen zu sehen. Den Autofahrern, die für sie bremsten, war das anzumerken. Sie schritt durch ein Spalier des Lächelns.“

Krass schickt Jüngel, um sie in seinen Kreis zu lotsen. Lidewine ist schnell überzeugt. Zwar müsste sie mit dem Variete-Künstler weiter nach Bari, der Zug fährt nachmittags, aber ist das Leben nicht voller Überraschungen? Der Champagner ist schon mal bezahlt, das Essen wundervoll und an dessen Ende wird Jüngel mit einem indecent proposal vorgeschickt, nämlich dem Vorschlag, dass sich Lidewine in Krass ihren neuen Mentor wähle.

Eine Beziehung mit Vertrag

Strikte Regeln: Intimitäten werden ausgeschlossen, sind absolut unerwünscht, allerdings soll zölibatäre Enthaltsamkeit auch anderen Männern gegenüber eingehalten werden. Bezahlt wird lediglich die Begleitung. Dafür werden alle Rechnungen beglichen, besonders die für die aus Krass' Sicht dringend benötigte neue Garderobe, die unter Begleitung Jüngels mit seinem Geld-Koffer in den Luxus-Boutiquen der Gegend beschafft werden sollen. Hinfort also schmückt sich Krass mit Lidewine, und sie sich mit einem Wildschwein. Wer an Männern gutes Aussehen schätzt, hat sie schon verfehlt, findet sie. Sie sind einfach – anders. Das ist das Faszinierende. Frauen langweilen sie.

Von Neapel hinüber nach Capri, ein Haus soll her, ein Palast, ein Tempel, eine außergewöhnlichste Behausung, die auch gefunden wird in einer Ruine am Steilhang, mit Blick auf den Golf und den Vesuv.

Peinlich und lustvoll

Dieser abendröte- und mythendurchwirkte erste Teil des Romans ist mit „Allegro imbarazzante“ überschrieben, wir sind in einer Partitur unterwegs, in einem schnell bewegten Satz, und zwar imbarrazante, also bisweilen peinlich, aber lustvoll, denn Krass ist gargantuesker Lebensfresser, der den eisgekühlten Wein in sich hineingießt ohne zu schlucken, der Bücher liest, indem er die erledigten Seiten herausreißt.

Das alles kommt in einer so kunstsinnigen und hochreflektierenden Sprachwoge, sonnendurchflutet, in einer musikalischen Beschreibungslust, die die zagen Verliebtheiten Jüngels genauso einfängt wie den Bass von Krass und das polyphone Geschnatter der Reisegruppe, unwiderstehlich heiter das alles, bis zum jähen Absturz.

Jüngel nämlich ertappt Lidewine beim Seitensprung, er liegt regelrecht auf der Lauer, eifersüchtig notiert er, wann der Kellner mit der Schmalzlocke Lidewines Zimmer im Morgengrauen verlässt, er rapportiert dem Krass, der das Mädchen prompt und konsequent auf die Straße setzen lässt, nicht ohne zuvor den Schmuck und die Klamotten von Jüngel einsammeln zu lassen. Jüngel, der Lakai, entlässt sie mit der „eisigen Korrektheit“, mit der ein kommunistischer Kommissar die Zarenfamilie auf die Deportation vorbereitet, um kurz darauf in eine, so der Wortfinder Mosebach, „stallwarme Vertraulichkeit“ zu wechseln, „Mensch Lidewine...“

Und längst sind wir gefangen und zappeln an der Angel dieses Mosebachschen Erzählkunstwerks und übersehen, dass hier kein kunstsinniger Gesellschaftskrimi entrollt wird, sondern tatsächlich ein morality play, denn in diesem Roman geht Mosebach aufs Ganze, mehr als in seinen Vorgängerromanen, er verhandelt Leben und Tod und das, was möglicherweise danach kommt. Nämlich die großen Fragen, wie sie vom christlichen Glauben instrumentiert werden. Und das alles tief unterhalb der glitzernden Oberfläche.

„Ist das Leben als Toter nicht überaus schön?“

Den zweiten Teil, „Andante Pensieroso“ genannt, also langsamer und sehr viel nachdenklicher, beginnen wir mit einer Tagebuch-Aufzeichnung Jüngels vom 27. Oktober 1989, im Dauerregen in einem von Hortensien umstandenen Haus in der Provinz, das ihm ein Freund zur Verfügung gestellt hat. Alles hat er hinter sich gelassen, nachdem seine Frau, die strohig-struppige Hella, die Scheidung eingereicht hatte, das Land und das deutsche Demonstrations- und Regimesturz- und Mauerfall-Spektakel, das auch in den kommenden Tagen mit keinem Wort erwähnt wird. Sein Schmerzenskosmos heißt Hella.

In diesem Teil machen wir die Bekanntschaft mit dem alten Schuster Desfosses, der in einem Kloster arbeitet, ihm ist ebenfalls die Frau abhanden gekommen, eine, die der Leser überraschenderweise bereits kennt, aber beschränken wir uns hier auf die Todsünde der Völlerei, der sich die beiden im „Cheval Blanc“ hingeben, wo sie den Hasen „a lá Royale“ genießen mit einer dicken Soße, die an Exkremente erinnert, und überlegen uns, in welchem Kreis der Hölle die Völlerei-Sünder in Dantes Inferno Exkremente zu vertilgen haben. Aber soweit man sich erinnert, stecken dort alle in der Sch...

Ein Ende im Armenkrankenhaus

Der Schlussteil ist dunkel mit „Marcia funebre“ notiert, wobei die Gemessenheit von Chopins op. 35, mit der Stalin zu Grabe getragen wurde, hier nicht durchexerziert wird – dieser Schluss ist viel eher ein Flimmern und Fieberflirren, und er findet, wieder Jahre später, in Kairos unüberschaubarem Stadtslum statt, wo Krass, nun mittellos, aufgeschlagen ist, denn General Habob war not amused von Krass’ Lieferpanne. So hat er sich aus seiner Absteige geschlichen, der große Krass, taumelt immer tiefer in die Gedärme dieses Molochs und bricht irgendwann auf den Stufen einer Moschee zusammen. Ein wenig später, in einer Shisha-Bar, hängt er sich an ein kugelrundes Ebenbild, an einen Anwalt namens Mohammed und der an ihn, und inniger und gleichzeitig würdevoller ist selten eine Vater-Sohn-Beziehung ausgestaltet worden – schon in seinem letzten Roman, „Mogador“, hat Mosebach bewiesen, wie gut und tief und sympathisierend er muslimische Befindlichkeiten und Sittengesetze versteht.

Schließlich liegt der große Krass in einem Armenkrankenhaus, mit anderen im Zimmer. Um einen Sterbenden, der nicht mehr gestört werden will, sitzen Frauen in ihren Mänteln „wie an einer Bushaltestelle“. Und Krass wartet. „Er befand sich nicht schlecht, aber er fragte sich, wann die Hand auf seine Stirn zurückkehre, als habe er darauf einen Anspruch erworben. Wo blieb die Wärme dieser schweren plumpen Bauernhand...?“

In HJ-Uniform den Russen entgegen gelaufen

Zeit für Innenreisen. Für letzte Rechtfertigungen, Apologien des Ausnahmemenschen, dem der Tod keine Ausnahmen einräumt, aber was sind das auch für Zeiten, sinniert er, ein Napoleon wäre heute wegen disziplinarischer Verstöße gemaßregelt worden und ein Alexander der Große als Trainer eines x-beliebigen Fußballvereins wegen körperlicher Ruppigkeiten entlassen.

Nein. Weg damit. Der Höhepunkt war ohnehin jener Moment, als er ins Leben hin-austrat damals als Zehnjähriger, als er die Straße hinunterlief, um sich stolz in seiner frischen HJ-Uniform feiern zu lassen, doch alle waren weggelaufen, denn der Russe war nahe gerückt...

Rauschhafter Auslauf

In diesem ergreifenden und erschütternden Finale eines großen Romans, der sich so wohltuend abhebt von den kleinmütigen zeitgenössischen Beziehungsdramen und Kommunikationsstörungen, ein episodensatter Roman mit geradezu rauschhaftem Auslauf, dem ein wuchtiges mittelalterliches Mysterienspiel zugrunde liegt – in diesem Roman herrscht ein heftiger Verkehr zwischen Himmel und Hölle und er fragt sich, vielleicht nicht zu Unrecht: Ist das Leben als Toter nicht überaus schön?

Und Lidewine schüttelt den Sand aus ihren Schuhen in der unendlichen Nekropole Kairos, besteigt ein Taxi und lässt Jüngel mit einem Rätsel zurück.


Martin Mosebach: Krass. Roman. Rowohlt Buchverlag 2021, 528 Seiten, ISBN-13: 978-349804-541-8, EUR 25,–

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