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Graham Greene: Leben und Wirken des Schriftstellers

Zwischen Sündenmystik und der Lust, verdammt zu sein: Graham Greenes „Das Ende der Affäre“ ist ein berührender religiöser Roman mit einer zeitlosen Botschaft. Von Stefan Meetschen
Graham Greene, Schriftsteller
Foto: IN | Exzellentes Sensorium für Gut und Böse: Graham Greene (1904–1991).

Die schlechtesten Katholiken, so sagt man, schreiben die besten Romane. Im Falle des britischen Schriftstellers Graham Greene, der am 2. Oktober 1904 als Sohn eines Schuldirektors in Berkhampstead (Hertfordshire) zur Welt kam, kann man dieses Diktum wohl getrost unterschreiben, auch wenn es natürlich für Menschen unmöglich ist, die wahre Güte oder Schlechtigkeit eines Gläubigen zu bestimmen. „Das Herz aller Dinge“ oder der „Zwiespalt der Seele“, um es mit bekannten Roman-Titeln Graham Greenes zu sagen, lässt sich in dieser Welt nicht bis ins letzte erforschen, „Der menschliche Faktor“ bleibt ein Rätsel. Mögen die Fakten auch eine deutliche Sprache sprechen.

Aufstieg zum internationalen Bestseller-Autor

Der Oxford-Absolvent, Journalist („The Times“, „The Tablet“) und Geheimdienst-Mitarbeiter Greene konvertierte Mitte der 1920er Jahre nach einem kurzen Flirt mit dem Kommunismus zum Katholizismus.

Weniger aus religiöser Sehnsucht, sondern um die Frau ehelichen zu können, mit der er unbedingt zusammen sein wollte: der gut aussehenden, belesenen und streng katholischen Verlagsangestellten Vivien Dayrell-Browning (1904–2003). So glücklich die beiden zunächst als Paar waren, auch zwei Kinder wurden ihnen – nicht unbedingt zu Greenes großer Freude – geschenkt, bald zeigte sich, dass sein Hang zu Londoner Prostituierten doch stärker war.

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges begann Graham Greene dazu noch eine Affäre mit der Kostümdesignerin und Illustratorin Dorothy Glover, die zwar nicht besonders attraktiv war, aber dem inzwischen zum internationalen Bestseller-Autor aufgestiegenen Greene („Brighton Rock“, „Die Kraft und die Herrlichkeit“) doch half, sinnlich vergnügt durch die Londoner Bombennächte zu kommen.

Eine Geliebte rettete Graham Greene das Leben

Einen Bombeneinschlag in das Haus des Ehepaares Greene im Stadtteil Clapham überlebte der stets etwas an Melancholie und Langeweile leidende Autor – wie sich seine Frau, die bereits mit den Kindern evakuiert worden war, später erinnerte – nur „durch Untreue“. Er befand sich zum Zeitpunkt des Bombeneinschlags in der Wohnung seiner Geliebten.

Kurz nach dem Krieg (1947) zog Graham Greene die Konsequenzen aus seinem Doppelleben – und baute es aus: Der entscheidende Grund dafür war ausgerechnet eine Taufe. Eine seiner Leserinnen, die attraktive Amerikanerin Lady Catherine Walston, die durch die Heirat mit einem britischen Adeligen zwar zu Wohlstand, aber auch zu sexueller Frustration gekommen war, fühlte sich durch die Lektüre von Greenes Romanen zu diesem sakramentalen Schritt angeregt. Der Schriftsteller wurde Zeuge der Taufe und nicht nur das, denn Lady Walston lag sehr viel daran, das wesentliche Leitmotiv der Romane Greenes konkret umzusetzen: Nur der Sünder kann in seiner ganzen Schwachheit zum Helden werden und die Erlösung finden – frei nach Charles Peguy:

„Le pecheur est au coeur meme de chretiente“

(Der Sünder lebt mitten im Herzen der Christenheit),dem Epigraph des Romans „Das Herz aller Dinge“.

Ein exzessiv lebendes katholisches Skandalliebespaar

Greene verließ seine Frau, ohne dass die beiden sich scheiden ließen, und formte zusammen mit Walston, wie auch die posthum veröffentlichten kleinen Gedichtsammlungen Greenes an Lady Walston („After Two years“, „For Christmas“) belegen, ein exzessiv lebendes katholisches Skandalliebespaar. So exzessiv, dass in fast jeder Greene-Biographie darauf hingewiesen werden muss, es gebe in Italien kaum einen Kirchenaltar, hinter dem die beiden Konvertiten nicht ihr promiskuitives Treiben verrichtet hätten. Viel spricht dafür, dass diese Kolportage tatsächlich stimmt. Zumindest im Ansatz, wenn auch nicht, was die genaue Zahl der Altäre betrifft. Zumal beide ihre sinnlichen Ansprüche nicht aufeinander beschränkten: Was Greene die Prostituierten (47 hat er, wie sein autorisierter Biograph Norman Sherry bestätigt, namentlich in seinem Tagebuch festgehalten) und später eine ganze Reihe von verheirateten Damen waren, bedeutete für Walston eine stattliche Zahl ihr erotisch ergebener Priester.

Die Lust am Katholisch sein – bei Greene und Walston war sie eng verknüpft mit dem Reiz, auf diese Weise noch intensiver sündigen zu können. Was aber – felix culpa! – bei aller moralischen Verdorbenheit immerhin die Realität der Sünde als solcher voraussetzt, welche Greene trotz seiner Laxheit in der Lebensführung auch nie bestritt.

Der Roman „Das Ende der Affäre“

Sein Sensorium für Gut und Böse (nicht nur im sexuellen Bereich) war äußerst fein ausgebildet, interessierte ihn mehr als pragmatische Unterscheidungskriterien. Weshalb ihm sein Schriftstellerkollege George Orwell („1984“) sogar unterstellte, ganz bewusst an die von Charles Baudelaire kultivierte Idee anknüpfen zu wollen, dass „etwas distinguiertes darin liegt, verdammt zu sein“.

Im Roman „Das Ende der Affäre“ (1951) wird Greenes persönliche Sündenmystik auf äußerst kunstvolle Weise sublimiert. Was nicht heißt, dass er beim Schreiben des Romans darauf verzichtete, wie bei anderen Büchern auch, die Erfahrungen seines Lebens intensiv auszubeuten. In diesem Fall mit einem interessanten Personentausch, was Dorothy Glover und Lady Walston betrifft: In dem Buch, das 1954 und erneut 1999 (diesmal mit Julianne Moore und Ralph Fiennes in den Hauptrollen) verfilmt wurde, geht es um den Schriftsteller Maurice Bendrix, der von einer heftigen Leidenschaft für Sarah Miles, der Frau seines Nachbarn, ergriffen wird, welche diese ebenso heftig erwidert. Bei einem erotischen Stelldichein der beiden im Bombenhagel des Krieges entgeht Bendrix nur knapp dem Tod, woraufhin Sarah die unerlaubte Beziehung abrupt beendet und jeder Erklärung ausweicht. Als Bendrix einige Zeit später Henry Miles trifft, wecken die Verdächtigungen des Gehörnten die Eifersucht Bendrix'. Der ratlose Ehemann – unwissend, dass er mit dem Ex-Liebhaber seiner Frau spricht – vermutet nämlich, dass seine Frau einen aktuellen Liebhaber hat. Bendrix beauftragt einen Detektiv, dessen Recherchen ans Licht bringen sollen, wer der geheimnisumwitterte „Dritte Mann“ ist, dem Sarah nun ihre ganze Aufmerksamkeit widmet. Zur Überraschung des Ex-Liebhabers und Ehemannes ist es niemand geringerer als Gott, verkörpert in Christus, wie Bendrix bald in einem an ihn adressierten Brief der Geliebten lesen kann:

„Ich glaube, dass es einen Gott gibt, und ich glaube alles übrige auch. Es gibt nichts, was ich nicht glaube; und wenn sie die Dreifaltigkeit in ein ganzes Dutzend Teile unterteilten, so würde ich doch glauben. Meinetwegen können die Wissenschaftler Aufzeichnungen ausgraben, die beweisen, dass Christus eine Erfindung des Pilatus ist, der sich damit eine Beförderung verschaffen wollte – ich würde trotzdem glauben. Ich habe mich mit dem Glauben angesteckt wie mit einer Krankheit, bin dem Glauben verfallen, wie ich einstmals der Liebe verfiel.“

Maurice Bendrix erkennt, dass sich seine Geliebte nicht wegen mangelnder Gefühle von ihm abgewandt hat, sondern aufgrund eines Gelübdes in der fraglichen Bombennacht. Lebt der Geliebte, muss die Affäre beendet werden, so lautete der Deal Sarahs mit Gott, an den sie sich hält und der „allen Vernünftigen und Abgeklärten zum Trotz“ zu ihrer Hinwendung zur Kirche führt. Denn wenig später tauchte der totgeglaubte irdische Liebhaber tatsächlich auf, wie ein Auferstandener. Ein Zeichen für Sarah, dass Gott existiert und fassbar ist – in den Zeichen und Symbolen der einen heiligen katholischen Kirche, so streng und unbarmherzig diese für Außenstehende auch wirken mag. „Natürlich hat er Erbarmen, aber es ist eine so absonderliche Art von Erbarmen, dass es bisweilen wie eine Strafe aussieht.“ Das Heilige hat eben seinen Preis. Sarah stirbt und verrichtet in ihrer reuevollen Schwachheit und Umkehrbereitschaft sogar ein Heilungswunder an einem ungläubigen Geistlichen, womit das Greenesche Ehebruchs-Melodrama eine letzte katholische Pointe erhält.

Reaktionen auf das Buch

Schnell stieß das Buch auf Lob und Anerkennung, sowohl bei Kritikern wie auch bei Greenes Schriftsteller-Kollegen. So lobte der britische Romanautor Evelyn Waugh („Brideshead Revisited“), der Greene bereits in Oxford kennengelernt hatte und ebenfalls konvertierte, die „einzigartig schöne und bewegende Geschichte“ von „Das Ende der Affäre“. Greene sei „ein Dichter von echtem Format“.

Auch für den US-amerikanischen Schriftsteller William Faulkner stand fest: „Ich halte diesen Roman für den besten, wahrhaftigsten und herzbewegendsten meiner Zeit, weil er an die Herzen aller Menschen auf dieser Welt appelliert.“

Wenn überhaupt Kritik und Ablehnung, so kam diese von Lady Walstons Ehemann, Baron Harry Walston, der die dem Buch in der amerikanischen Ausgabe vorangestellte Widmung „To Catherine with love“ vielleicht nicht zu Unrecht als etwas zu dick aufgetragen empfand. Doch kehrte auch bei ihm wieder Friede ein. Fand er doch, wie Sherry berichtet, zunehmend Gefallen an Dorothy Glover, der direkten Vorgängerin seiner Frau im Reigen der Greeneschen Favoritinnen, der Ur-Inspirations-Figur für die Bombennacht-Szene. Weshalb man dem Biographen nur bedingt zustimmen kann, wenn er schreibt, dass die Wahrheit über Greene in seinen Romanen zu finden sei. Das Leben des Schriftstellers war wohl doch noch um einiges abgründiger und verworrener als das, was zwischen den Buchdeckeln zu lesen ist.

Eine Audienz beim Papst

Ganz gewiss spannender als das, was Greene in seinen Autobiographien „Eine Art Leben“ (1971) und „Fluchtwege“ (1980) zum Besten gab. Denn: Als Geheimniskrämer par excellence hielt Greene, was aus heutiger Sicht enorme Anerkennung verdient, wenig von öffentlichen Beichten und Schuldbekenntnissen. Lieber hielt er sich fern vom lauten Treiben und spionierte weiter die Seelen aus. Seine eigene und die der anderen. Mit aller Ambivalenz, die für ihn dazugehörte. Ist dies vielleicht auch der Grund, wieso der Vatikan für einige Zeit ein nicht ganz eindeutiges Verhältnis zum damals populärsten katholischen Schriftsteller pflegte, was dieser auf die gleiche Weise erwiderte? Einerseits warnte man vor Graham Greenes Schriftstellermoral, andererseits gewährte man ihm eine Audienz bei Papst Paul VI. Greene hingegen bekräftigte in Briefen an die Päpste seine Treue zur Kirche, relativierte sich aber selbst als „katholischer Agnostiker“ in Interviews.

Fest stand für Greene, dessen Großonkel der berühmte Schriftsteller Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“, „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“) war, dass Religion eine unbedingte Voraussetzung für große Literatur ist. „Mit dem Tod von Henry James verlor der englische Roman sein religiöses Gefühl, und mit dem religiösen Gefühl verlor er das Gefühl für die Wichtigkeit menschlicher Handlungen. Es war, als ob die englische Literatur eine Dimension verloren hätte.“

Letzte Worte und Tod von Graham Greene

Wie wichtig Graham Greene das Thema Gott und Glaube am Ende seines Lebens trotz all der Irrungen und Wirrungen war, zeigt der Umstand, dass im Frühjahr 1991 seine damalige Geliebte Yvonne Cloetta (zusammen mit Greenes Tochter Caroline) extra einen Priester aus Spanien herbei beordern musste, um Greene in der Schweiz das Sakrament der letzten Ölung zu spenden: Pfarrer Leopoldo Duran, ein langjähriger Freund Greenes und Literaturexperte, machte sich auf den Weg. Doch als er eintraf, war der 86-jährige Großmeister des mystisch Mysteriösen in der modernen Literatur bereits ins Koma gefallen. Das Sakrament wurde also einem schon Bewusstlosen gespendet.

„Why must it take so long to come?“ (Warum muss es so lange dauern, bis es kommt?) – die letzten überlieferten Worte Graham Greenes deuten an, dass der Schriftsteller, der sich so gern am gefährlichen Rand der Dinge aufhielt, nicht mit Angst und Schrecken der Begegnung mit dem allmächtigen Richter entgegensah. Woran lag das? An seinem Glauben oder an seinem Unglauben?

Seine Frau Vivienne hielt jedenfalls ein Leben lang fest an der Ehe mit ihrem untreuen Ehemann, der – wie sie zugab – „niemals hätte heiraten sollen“. In Oxford, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2003 lebte, hütete sie neben den 1 200 Briefen, die Graham Greene in der Zeit des Kennenlernens an sie geschrieben hatte, einen Raum mit frisch bezogenem Bett und Pyjama für ihn. Die katholische Ehe kennt eben kein Ende, dafür manche verborgenen Helden und im Fall von Graham Greene immerhin großartige Ehebruchsromane.

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