Fiktion trägt wesentlich dazu bei, die Realität zu verstehen. Diese paradoxe Erfahrung gehört zur abendländischen Kultur von Anfang an – von der griechischen Tragödie bis zu den Gleichnissen in den Evangelien. Dies gilt besonders für historische Filme, die Geschichte nicht nur abbilden. Bewegte Bilder schreiben sich in das kollektive Gedächtnis ein und tragen durch ihre Wirkmacht dazu bei, Mythen entstehen zu lassen.
Kaum ein Film hat die Macht der bewegten Bilder so unter Beweis gestellt, wie D.W. Griffiths „Die Geburt einer Nation“ (1915). Der größte Blockbuster der Stummfilmzeit erschuf zwar nicht den rassistisch verzerrten Gründungsmythos der Vereinigten Staaten, verlieh dieser Geschichtsdeutung aber enorme Wirkungsmacht. John Ford führte das Kino in diese Mythenwelt weiter. Seine Western erzählen von der Geburt einer Nation aus Wildnis, Gewalt und Gemeinschaft, bis er selbst die Legenden hinterfragte, die er mitgeschaffen hatte: In „The Searchers“ („Der schwarze Falke“, 1956) wird der Westernheld zur von Hass getriebenen Figur; „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ (1962) fragt, ob die politische Ordnung der USA nicht auf Gewalt und Lüge beruht.
Wahrheit und Spekulation
Oliver Stone, der am 15. September 80 Jahre alt wird, geht einen Schritt weiter: Während Griffith Mythen schuf und Ford auf ihre Widersprüche hinwies, misstraut Stone grundsätzlich den überlieferten Geschichten. Seine Filme behandeln Marksteine der US-Nachkriegsgeschichte: Vietnam, Kennedy, Nixon oder die Wall Street. Stone verknüpft historische Fakten mit persönlichen Erfahrungen und Spekulation in dramatischer Verdichtung.
Vietnam war für Oliver Stone eine persönliche Geschichte: 1967 meldete er sich freiwillig und wurde verwundet. In „Platoon“ (1986) verarbeitete er seine Erlebnisse: Das Ergebnis unterscheidet sich von den heroischen Kriegsbildern Hollywoods radikal. Sieben Jahre vorher hatte Francis Ford Coppola in „Apocalypse Now“ den Vietnamkrieg in einen halluzinatorischen Mythos verwandelt. Stone holte ihn zurück in den Schlamm und zeigte Angst und Orientierungslosigkeit des einfachen Soldaten. Blickte Coppola in die Abgründe der menschlichen Seele, so suchte Stone darin die moralische Krise der Vereinigten Staaten. In den Sergeants Elias und Barnes kämpfen die USA gegen sich selbst.
Rituale statt Fürsorge
Drei Jahre später führte Oliver Stone diese Auseinandersetzung in „Geboren am 4. Juli“ weiter: Ron Kovic (Tom Cruise) kommt am Nationalfeiertag zur Welt und wächst mit Flaggen, Paraden und der Verehrung von Kriegsveteranen auf. Aus Liebe zu seinem Land zieht er nach Vietnam. Er kommt querschnittsgelähmt zurück und muss feststellen, dass die Heimat zwar patriotische Rituale für die Opfer der Soldaten kennt, mit den konkreten Folgen aber kaum umzugehen weiß.
Stone bedient sich vertrauter Symbole, verändert aber deren Bedeutung: Der heimkehrende Soldat, der 4. Juli, selbst die Fahne stehen nun für schmerzhafte Desillusionierung. Kovics Wandlung vom begeisterten Soldaten zum Vietnamkriegsgegner wird zur Parabel. „Platoon“ und „Geboren am 4. Juli“ sind die zwei Seiten einer Medaille: Der erste Film zeigt den Verlust der Unschuld auf dem Schlachtfeld, der zweite dessen Folgen in der Heimat.
In „Wall Street“ (1987), den Stone zwischen beiden Anti-Vietnamkriegsfilmen drehte, befasste er sich mit einem anderen nationalen Mythos: Erfolg als Ausdruck von Leistung und damit als moralische Rechtfertigung. Gordon Gekkos „Die Gier ist gut“ wurde zu einem der berüchtigten Sätze der 1980er Jahre. Obwohl der Wall-Street-Millionär als Antiheld konzipiert war, wurde Gekko in Michael Douglas’ Darstellung so charismatisch, dass er zum Vorbild für eine Generation junger Banker wurde.
Mit „JFK - Tatort Dallas“ (1991) über das Kennedy-Attentat stellte Oliver Stone das offizielle Geschichtsnarrativ selbst in Frage. Der Film verknüpft nachgestellte Szenen und Dokumentarmaterial mit Fakten, Vermutungen und Verschwörungstheorien. Der Regisseur sah sich mit Vorwürfen konfrontiert, Spekulationen als historische Wahrheit auszugeben. Andererseits erhöhte „JFK“ den Druck auf die Freigabe zurückgehaltener Geheimakten, wodurch der Film unmittelbar in den gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte eingriff.
Eigene Bilder statt Überlieferung
Stones Misstrauen gegenüber offiziellen Narrativen hat auch Folgen für die Art der Darstellung, die sich von der herkömmlichen linearen Erzählung unterscheidet. Seine Dokumentarfilme über Fidel Castro („Comandante“, 2003), Hugo Chávez („South of the Border“, 2009, „Mein Freund Hugo“, 2014) und Wladimir Putin („Die Putin-Interviews“, 2017) brachten ihm den Vorwurf ein, autoritären Regimen nicht mit der Skepsis zu begegnen, die er gegenüber der eigenen Nation unerbittlich anwendet.
Oliver Stone kann als Bilderstürmer bezeichnet werden, der überlieferte Bilder durch seine eigene Interpretation ersetzt. Seine Filme provozieren, weil sie die Gewissheiten hinter offiziellen Geschichtserzählungen in Frage stellen. Damit schafft der Bilderstürmer freilich neue Bilder und neue Mythen.
Der Autor ist Historiker und schreibt aus Berlin über Kunst und Kultur.
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