Bibel

Fiktives und Wirkliches in den Evangelien

Der Kern des biblischen Geschehens lässt sich am besten im Zusammenspiel von Realität und Erdachtem verstehen.
Evangelium - Fiktion und Wirklichkeit?
Foto: Victoria Bonn-Meuser (dpa) | Welcher Art die Wirklichkeit des Evangeliums ist, hängt von der Art der Erzählung ab. Geschichtliche Fakten bilden den Kern.

Fiktion und Wirklichkeit sind immer wieder ein Thema, wenn die Evangelien im Fokus sind. Ohne einen Ausflug in die Exegese machen zu wollen, lassen sich auch dramaturgische Maßstäbe anwenden. Zum Verständnis der Realität durch Fiktion lassen sich auch Texte ganz verschiedener Gattungen vergleichen. Die griechische Tragödie etwa bildete keine realen Geschehnisse ab, sondern wollte die conditio humana durch fiktiven Erzählstoff verdeutlichen.

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Auf wahren Tatsachen beruhen

Auch Christen versuchten durch Gleichnisse Wirklichkeit zu vermitteln, deren Kern nicht in der Wirklichkeit gründen musste. So ist es letztlich unerheblich, ob es einen real existierenden „barmherzigen Samariter“ gegeben hat, dessen Taten Jesus nacherzählt, oder aber ob er diese Parabel „erfand“. Anders als bei Cervantes´ „Don Quixote“, Shakespeares „Romeo und Julia“ oder Dostojewskis „Schuld und Sühne“ ist es auch nicht entscheidend, ob diese literarischen Werke auf „wahren Tatsachen“ beruhen. 

Den Anspruch des Historischen hingegen stellt etwa der Evangelist Lukas: „Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben“ (Lk 1, 1-3).

Historische Schichtungen

Die geschichtlichen Fakten aus dem Leben Jesu mit Wundern und Zeichen gehören ebenfalls zum Stoff der Wirklichkeit. Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. spricht in „Jesus von Nazareth“ von den „historischen Schichtungen“, die Fiktives und Historisches zusammenhalten. Diese beiden als Einheit zu verstehen hält er für den tiefsten Sinn des biblischen Geschehens, „wenn wir nur die Bibel, und insbesondere die Evangelien, als Einheit und als Ganzheit lesen, die in all ihren historischen Schichtungen doch eine von innen her zusammenhängende Botschaft ausdrückt.“ DT/ari

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost einen Bericht über die Frage, wie historisch die Evangelien sind.

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