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Zwölf Leben für einen Künstler

Zu seinem 300. Geburtstag wird der Grafiker Daniel Chodowiecki in Schloss Neuhardenberg neu entdeckt.
Chodowieckis Tochter Suzette
Foto: Brinkermedia | So sah Chodowieckis mittlere Tochter Suzette, verheiratete Henry, ihren Vater Ende des 18. Jahrhunderts. Sie war Schülerin von Anton Graff und später selbst Mitglied der Preussischen Akademie der Künste.

Nicht nur Kanzler Friedrich Merz mit seinem Kabinettstreffen beschert Schloss Neuhardenberg breite Wahrnehmung. Zum 300. Geburtstag von Daniel Chodowiecki geht es unter dem Subtitel „Die zwölf Leben des Künstlers“ um seine Wiederentdeckung in der Sonderausstellungshalle im Schloss.

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Der Titel ist keine Übertreibung, wenn man sich diesem Mann nähert, der Zeichner und Radierer, Maler und Buchillustrator, Kaufmann und Unternehmer, Familienvater und Hugenotte, Kunstsachverständiger und Akademiereformer war. Mehr als 4.000 Arbeiten sind überliefert. Allein sein druckgrafisches Werk umfasst mehr als 2.000 Blätter. Die Neuhardenberger Ausstellung zerlegt diese Biografie in verschiedene Rollen und setzt sie mit Originalrechnungen, Briefen, Vorzeichnungen, Druckplatten und Gemälden wieder zusammen. Jugendzeichnungen, Pastelle aus dem Familienkreis und ein bislang nicht öffentlich ausgestelltes Selbstporträt gehören zu den Leihgaben.

Vom Autodidakten zum Akademiedirektor

Die Karriere begann alles andere als geradlinig. Der Vater starb früh, mit siebzehn verdingte er sich im Geschäft des Onkels. Eine Kunstakademie hat er nicht besucht. Erst jenseits der vierzig gelang ihm der große Erfolg. Am Ende seiner Laufbahn stand er dort, wo er als junger Mann nie ausgebildet worden war: an der Spitze der Berliner Kunstakademie. 1797 wurde er deren Chef und setzte sich für Reformen der Institution ein. Die Akademie der Künste erinnert heute an ihn als einen Direktor, der die Akademie wieder stärker als Gemeinschaft der Künstler verstand.

Ein Schlüssel zu diesem Leben liegt im Glauben. Chodowiecki blieb der französisch-reformierten Tradition seiner Mutter verbunden. Er heiratete 1755 Jeanne Marie Barez, ebenfalls aus einer hugenottischen Familie, und übernahm in der Französischen Kirche zu Berlin Ämter als Diakon und Ältester. Überliefert ist, dass er sonntags Gottesdienste besuchte, sich Predigtnotizen machte und darüber im Familienkreis sprach. Arbeit und Religion waren für ihn keine zwei Welten.

In Neuhardenberg lässt sich das unmittelbar an seinen Bildern verfolgen. Da sind Titelillustrationen zur Bergpredigt und Illustrationen für Gesangbücher, „David beim Harfenspiel“ und „Das Gebeht“. Christus erscheint in einem 1778 entstandenen Kopf für Johann Caspar Lavaters „Physiognomische Fragmente“. Chodowiecki arbeitete für den Zürcher Pfarrer Lavater, der meinte, aus Gesichtszügen auf Charakter und Wesen eines Menschen schließen zu können. Auch der katholische Priester Johann Joseph Gaßner, der als Krankenheiler und Exorzist weithin bekannt wurde, begegnet dem Besucher in einem Blatt von 1770. Die Ausstellung führt damit mitten hinein in eine Epoche, in der Frömmigkeit, Vernunft, medizinische Erkenntnis und der Glaube an übernatürliche Kräfte miteinander rangen.

Moral und Geschichten

Besonders sichtbar wurde Chodowieckis Glaube im Berliner Stadtraum. Für den Französischen Dom am Gendarmenmarkt entwarf er in den 1780er-Jahren Teile des Figurenschmucks. Die Zeichnungen für Allegorien wie „Treue“, „Freude“ und „Einigkeit“ gehören in diesen Zusammenhang. Das Programm des Doms umfasste Szenen aus dem Leben Christi, Apostel, Heilige und personifizierte Tugenden. Chodowiecki arbeitete daran neben Christian Bernhard Rode. Doch der fromme Chodowiecki war kein Künstler, der sich von der Aufklärung abwandte. Religion und Vernunft gehörten für ihn zusammen. Das zeigt sich besonders bei seinen Arbeiten für die neue Pädagogik. Johann Bernhard Basedows 1774 erschienenes „Elementarwerk“ sollte Wissen anschaulich vermitteln. Chodowiecki gehörte zu den Illustratoren. Eine seiner Tafeln trägt den Titel „Wirkungen der Religion“. Zu sehen sind Unterricht, Gebet und Gottesdienst; an einer Wand steht die Aufforderung, vor Gott zu wandeln und auch Feinden Gutes zu tun. Das Blatt verbindet religiöse Unterweisung mit praktischer Moral.

Chodowieckis Arbeite
Foto: Rocco Thiede | Chodowieckis Arbeiten sind nachsichtig erstellt, eine genaue Betrachtung belohnen sie mit dem Detailreichtum in der Ausführung und der sichtbaren, technischen Perfektion der grafischen Umsetzung.

Chodowieckis kleine Bilder erzählen mit wenigen Figuren ganze Geschichten. Das gilt auch für seine Beobachtungen des Berliner Alltags. Das Ölgemälde „Die Zelten“ führt in den Tiergarten, zu jenem beliebten Ausflugsort, an dem Berliner flanierten und Erfrischungen von Hugenotten aus Zelten bekamen. Kleine Figurengruppen verteilen sich über das Bild. Chodowiecki interessiert sich für Kleidung, Haltung, Begegnung und gesellschaftliche Rollen. Das Gemälde gehört heute zur Stiftung Stadtmuseum Berlin. Seine Blätter funktionieren bisweilen wie Momentaufnahmen einer Gesellschaft, lange bevor es Fotografie gab.

Das machte ihn für den Buchmarkt so wertvoll. Kalender, Almanache, Romane und pädagogische Bücher brauchten Bilder. Chodowiecki lieferte sie in großer Zahl. Die Ausstellungsmacher sprechen zugespitzt vom „Superstar des boomenden Buchmarktes“. Schon zu Lebzeiten wurden Verzeichnisse seines Werkes angelegt. Seine kleinen Bildfolgen erinnern aus heutiger Sicht bisweilen an Comics: Figuren treten auf, reagieren aufeinander, wechseln ihre Rollen. Blatt folgt auf Blatt. Man könnte beim Betrachten sogar an die Bilderfolgen eines heutigen Social-Media-Feeds denken.

Goethe und Friedrich II.

Selbst Goethe gehörte zu Chodowieckis Bewunderern. Als er 1778 in Berlin weilte, besuchte er den Künstler zweimal. Zwei Jahre zuvor hatte Chodowiecki bereits das Porträt „D. I. W. Göthe“ nach einer Vorlage Georg Melchior Kraus’ radiert. Das Blatt erschien 1776 in Friedrich Nicolais „Allgemeiner deutscher Bibliothek“ und verbreitete das Bild des jungen Goethe weit über Weimar hinaus. Ein Exemplar ist in Neuhardenberg zu sehen.

Auch Friedrich II. wurde durch Chodowieckis Bilder zum Gegenstand öffentlicher Wahrnehmung. In Neuhardenberg hängt „Ziethen beim König“, als Entwurf und Stich von 1786. Daneben überrascht eine Federzeichnung mit dem Titel „Friedrich der Große tanzt mit der Europa“. Der Preußenkönig erscheint damit einmal in einer repräsentativen historischen Szene und einmal in einer eigenwilligen Bildidee. Chodowiecki bewegte sich zwischen Buchseite, privatem Bild, amtlicher Repräsentation und öffentlicher Kunst. Seine Tätigkeit als Kunstsachverständiger und Unternehmer gehörte ebenso zu diesen „zwölf Leben“ wie die Arbeit am Zeichentisch.

Und dann war da die Familie. Mit Jeanne Marie hatte er sieben Kinder; zwei erreichten das Erwachsenenalter nicht. Seine Töchter wurden künstlerisch ausgebildet und konnten mit ihrer Arbeit Geld verdienen. Auch seinen Bruder Gottfried bezog Chodowiecki in die Werkstatt ein. Sein Sohn Heinrich Isaak wurde dagegen Pfarrer, zunächst in Halle, später in Potsdam. Ein besonders persönliches Stück in Neuhardenberg ist ein Brief an die Enkelin Jeannette. Zwischen all den Radierungen, Entwürfen und öffentlichen Aufträgen tritt hier der Großvater hervor.

Er sah genau hin

Chodowiecki blieb zugleich ein Künstler zwischen mehreren Zugehörigkeiten. Geboren in Danzig, in Berlin zu Hause, mit polnischen, deutschen und französisch-hugenottischen Bezügen, lässt er sich schwer auf eine einzige nationale Identität festlegen. 1773 reiste er noch einmal nach Danzig. In nur zwei Monaten entstand ein umfangreiches gezeichnetes Reisetagebuch. Er hielt Straßen und Häuser fest, porträtierte Bekannte und zeichnete Gläubige beim Gebet in der Kirche.

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Darin liegt die eigentliche Qualität dieser Neuhardenberger Wiederentdeckung. Chodowiecki sah genau hin. Auf Familien, auf Kinder und Erziehung, auf Herrscher und Bürger, auf Frömmigkeit und Eitelkeit. Seine Bilder erzählen von einer Gesellschaft, die über Toleranz, Bildung, Religion und Moral stritt. Fragen, die ihm keineswegs abstrakt waren. Als französisch-reformierter Christ kannte er die Geschichte religiöser Verfolgung aus der eigenen Familientradition. Als Aufklärer vertraute er auf Beobachtung und Vernunft. Als Künstler wusste er, dass ein kleines Bild Menschen mehr bewegen kann als lange Abhandlungen.


Die Ausstellung „Die zwölf Leben des Daniel Chodowiecki. Eine Wiederentdeckung zum 300. Geburtstag“ ist bis zum 27. Dezember 2026 auf Schloss Neuhardenberg zu sehen. Sie gehört zum Jubiläumsjahr „Chodowiecki 300“, an dem 21 Institutionen in Deutschland und Polen beteiligt sind. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro.

Der Autor ist studierter Geisteswissenschaftler und gelernter Journalist.

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