Ein Wochentag ist in knapp zehn Minuten vorbei. Dann springt der Zeiger zum nächsten Tag. Die Uhr mit den sieben Wochentagen statt den Ziffern mit den zwölf Stunden hängt kaum auffallend im Foyer von Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln. Manchen Besuchern mag das eher unscheinbar gehängte Kunstobjekt womöglich gar nicht auffallen. Dabei macht doch gerade dieses Werk des US-amerikanischen Künstlers Finnegan Shannon sowohl Titel wie Untertitel der neuen Jahresausstellung so leicht nachvollziehbar. „Have you ever fallen in love with a clock?“ (Hast du dich schon einmal in eine Uhr verliebt?) fragen die Ausstellungsmacher ihre Besucher und liefern mit dem Hinweis „Über Norm und Abweichung“ auch gleich einen Hinweis auf mögliche Antworten.
Die Uhr des 1989 geborenen Künstlers entschleunigt, stellt die Selbstverständlichkeit des bekannten zeitlichen Tageslaufs in Frage und zeigt einen anderen, eben abweichenden Taktgeber. „Statt der Stunden, die unseren Alltag diktieren und uns ständig Termine vorgeben, wird das Leben von den Tagen bestimmt“, sagt Marc Steinmann.
Schutztiere für ein Leben auf der Straße
Der seit Anfang des Jahres amtierende Direktor von Kolumba – er gehört seit über zwei Jahrzehnten zum Museumsteam – weist auf die Vitrine im Eingangsbereich hin. Dort liegt ein Konvolut aus Objekten, die unerbittlich die zeitliche Taktung des Alltags verdeutlichen: Wanduhr, Küchenuhr, Eieruhr, digitaler Wecker, Armbanduhr, Metronome, Glocken. Seit dem Mittelalter bestimmt bis heute in Klöstern das Stundengebet den Tag der Mönche und Nonnen.

In einem Ausstellungsraum zwei Stockwerke höher wird spürbar, wenn die Welt eines Menschen aus den Fugen gerät, dessen Existenz aus der Norm fällt und in einen völlig eigenen Kosmos abweicht. „Schutztiere“ ist die an der Decke montierte und bis zum Boden über fast zehn Meter lang reichende Installation von Bärbel Lange betitelt. Es handelt sich um ein riesiges Mobile, in dem sich die Zeichnungen, die durch zwei nebeneinander verlaufende Linien die Konturen von Ratten, Igeln und beispielsweise Affen bilden, in einem eigenen Kosmos drehen. Die 1965 geborene Künstlerin lebte viele Jahre auf der Straße. Tiere wurden während ihrer Lebenszeit auf der „Platte“ zu ihren Begleitern, eben den „Schutztieren“, die seitdem im Zentrum ihres künstlerischen Schaffens stehen.
Besonders Bewegend
„Die Künstler in unserer Ausstellung befragen einerseits das Entstehen und Funktionieren von Normen“, erklärt Steinmann. „Sie stellen sie andererseits aber in Frage, zeigen Abweichungen oder Alternativen und laden daher zu Gedankenspielen ein, über Normen und Normalität nachzudenken, wenn sie eben nicht mehr greifen.“ Besonders bewegend, geradezu beklemmend ist die wie ein begehbares Zimmer angelegte Ausstellungsarchitektur „Der Grafenberg“ von Felix Droese.
Das vielteilige Konvolut konfrontiert die Besucher mit dem Alltag in der Landesheilanstalt in Düsseldorf-Grafenberg Anfang der 1970er-Jahre. Der Künstler absolvierte in dieser psychiatrischen Einrichtung seinen Zivildienst. Entstanden ist daraus eine rund 500 Objekte umfassende Zusammenstellung von Werken des Künstlers selbst, aber auch von den dort untergebrachten Menschen in einem permanenten Ausnahmezustand – Gemälde, Zeichnungen, Notizbücher, Aquarelle, Gedichte, Fotos, Filme, Akten, Briefe, Zeitungsartikel. Gemäß dem Untertitel verdichten sich beim Betrachten der Sammlung die Fragen, wie eine Gesellschaft eigentlich mit Menschen umgeht, die nicht normal sind, sowie physisch und psychisch von der Norm des Gesunden abweichen.

Das Museum bricht mit eigenen Normen Norm und Abweichung: Immer wieder kommt es beim Rundgang dabei zu spannenden Dialogen und Beziehungen. Etwa, wenn Stefan Lochners berühmte „Madonna mit dem Veilchen“ (um 1450) sich mit „Arm Piece #2“ trifft, einer auf Fabriano-Papier gebannten seriellen Untersuchung von Gesten und Armbewegungen, die Anna Bromley (geboren 1971) wie eine lebhafte Studie angelegt hat.
Behutsam durchbrochen
Dabei ist das Ölgemälde von Lochner ein wunderbares Beispiel dafür, wie das Museum seine eigenen Normen behutsam durchbricht. Das Bild des mittelalterlichen Künstlers hängt nicht mehr, wie seit der Eröffnung des neuen Kolumba-Museums im Jahr 2007 eigentlich als unverrückbares und wiedererkennbares Objekt platziert, in dem Raum mit dem großartigen Blick auf den Kölner Dom, sondern ist in einen anderen Bereich gewandert. Stattdessen ist dort nun die ebenfalls aus der letzten Jahresausstellung bekannte Lindenholzplastik aus dem 17. Jahrhundert eingezogen und blickt nicht nur auf die Kathedrale, sondern auch auf die Acrylbilder „Me in an no-time State“ (Ich in einem Nicht-Zeit-Zustand) aus den Jahren 1994/1995.
Mit der feinen Umgruppierung bekannter Ausstellungsstücke weicht das Museum von seiner selbst gesetzten Norm ab, die jeweils neue Jahresausstellung so zu gestalten, dass einige ausgewählte stets an ihrem angestammten Platz verortet bleiben. Das mag auch die auf den ersten Blick für regelmäßige Besucher des Hauses eher irritierende Beobachtung erklären, warum viele Objekte, ja gar Räume von der letzten Jahresausstellung übernommen worden sind. Etwa der wie ein Kabinett anmutende Raum sieben, in dem zwischen Andor Weiningers „Tischgesellschaft“ (1941), dem „Newspaper Painting (Earth Mandala)“ (1974) von Paul Thek und weiteren Objekten ein Bild der „Gregoriusmesse“ (Ende 15. Jahrhundert) vom „Meister des Aachener Altares“ hinzugekommen ist.
Der Gekreuzigte als Zumutung
Direktor Steinmann und das Kuratorenteam wollen fragen, bewusst auch irritieren, zum Nachdenken einladen, Antworten anbieten und nicht vorgeben: Was ist Norm? Was ist Abweichung? Wo stehe ich? Wo bin ich verwickelt? Zu welcher Kategorie Mensch gehöre ich? Wo finde ich Orientierung? Was gibt mir Halt? Zu seinen Antworten auf diese Fragen lädt ebenso unaufdringlich wie eindrücklich, wie schon seit Jahren an dieser Stelle, der etwas abseitig gehängte „Kruzifixus“ an der Wand im größten Ausstellungsraum ein. Das Objekt aus Elfenbein zeigt das „Ärgernis“ (1 Kor 1,23) der Kreuzigung Christi.
Der Gottessohn am Kreuz sei, fasst Marc Steinmann zusammen, „eine Zumutung für religiöse Heilsbotschaften wie auch für kulturelle Ordnungsmuster“. Genauer: „Jesu Kreuzigung stellt radikal alles in Frage, was normal ist. Sie bricht mit allen Erwartungen an Macht, Erfolg und göttlichen Triumph und markiert damit einen radikalen Normbruch“, heißt es dazu im Begleitheft. Die Besucher können es beim Eintritt als Orientierungshilfe auf den durch immer wieder herausfordernde Abweichungen gestalteten normalen Ausstellungsrundgang mitnehmen.
Das Autoren-Ehepaar aus Köln schreibt und fotografiert zu Kunst und Kultur.
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