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Rhythmus, Ross und Reiter 

Als Gefährte des Menschen wurde es zum Kulturträger – und ist es bis heute geblieben. Vor allem die Verbindung zwischen dem Pferd und der Musik ist besonders eng. 
Das Dressurpferd „Totilas" rührte mit seinem Schicksal Millionen, seine Musikalität war legendär.
Foto: Schockemoehle | Das Dressurpferd „Totilas" rührte mit seinem Schicksal Millionen, seine Musikalität war legendär.

Auch ohne eigentlichen Pferdeverstand ist Staunen erlaubt: Dreizehn Mal wurden die deutschen Dressurreiter, Frauen und Männer, Weltmeister. Gerade erst war es wieder in Aachen soweit. Mensch und Tier als vollkommene Einheit: Superstar Isabell Werth betonte immer wieder diese magische Verbindung zwischen Ross und Reiter. Pferde wie der zuverlässige Satchmo oder die traumwandlerisch sichere Stute Bella Rose, der faszinierende Gigolo oder Weihegold mit seiner sagenhaften Leichtigkeit – sie alle wurden an Werths sanftem Zügel zu Legenden. Weltweit wurde das Drama um das legendäre Dressurpferd „Totilas" verfolgt: seine Verletzungen und sein Tod rührten Millionen. Doch lange stand nicht wie heute der Sport im Mittelpunkt der Beziehung zwischen Mensch und Huftier. 

„Das letzte Jahrhundert der Pferde": In seiner 2015 erschienenen Monografie beschreibt Ulrich Raulff die Veränderungen dieser ganz speziellen Mensch-Tier-Beziehung. Als unverzichtbarer Begleiter auf Schlachtfeld und Acker, als Arbeitstier oder Statussymbol – das Pferd war jahrtausendelang von enormer kulturgeschichtlicher Bedeutung. Mit dem Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert und der fortschreitenden Technisierung wurde Reiten von der Notwendigkeit zu einem Sport- und Freizeitvergnügen. Geblieben aber ist etwas, das sich mit dieser Zuordnung kaum beschreiben lässt: die eigentümliche, mystisch-kulturelle Aura des Pferdes. Denn als es aus dem Alltag wich, ist es aus unseren Vorstellungswelten keineswegs verschwunden. Im Gegenteil. Das Pferd migrierte vom Acker in die Sparten der Kultur. Es wurde zum Gegenstand von Malerei und Literatur, zum Symbol von Freiheit und Eleganz, von Krieg und Macht, von Wildheit und Zähmung. Der „Blaue Reiter" wurde zum Epochenbegriff, Franz Marcs „Turm der blauen Pferde" zur expressionistischen Metapher. Bei Picasso symbolisiert es als geschundene Kreatur den Schrecken des Krieges: Guernica. Und immer wieder tritt das Pferd in eine erstaunlich enge Verbindung zu einer anderen Kunstform, die wie keine andere als Sprache der Seele gilt: Musik. 

Im Takt der Hufe 

Vielleicht beginnt diese klingende Verbindung ganz prosaisch mit dem Hufschlag. Schritt, Schritt, Schritt – ein Rhythmus, der älter ist als jede Partitur. Der Gang des Pferdes hat seine eigene Metrik: den ruhigen Schritt, den federnden Trab, den Galopp. Wer einmal ein Pferd hat laufen hören, kennt die eigentümliche Wirkung dieses Geräuschs. Viele Komponisten hat das inspiriert, nicht zuletzt Franz Schubert, dessen „Erlkönig" mit seinen eröffnenden Klaviertriolen den eilenden Hufschlag des Pferdes nachzuahmen versucht. Weniger dramatisch, sondern geradezu verzückt erscheint hingegen Hugo Wolfs Mörike-Vertonung „Der Gärtner": Das verliebte lyrische Ich beobachtet die verehrte und doch unerreichbare Prinzessin, die auf ihrem „Leibrösslein" in einem leichten, eleganten Trabrhythmus fast zu schweben scheint. Das Pferd ist hier auch Symbol des Standesunterschieds, musikalisch nicht zuletzt durch den so ganz anders gearteten Rhythmus der Singstimme gegenüber der Klavierbegleitung. 

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Überhaupt ist der Rhythmus vielleicht die tiefste Verbindung zwischen Pferd und Musik. Ein Pferd bewegt sich nicht einfach durch den Raum, es bewegt sich in der Zeit – und sein Reiter muss diese Zeit mit ihm teilen. Schritt, Trab, Galopp: Schon die Bezeichnungen klingen wie musikalische Grundbegriffe. Wer reitet, erlebt den Rhythmus nicht nur mit dem Ohr, sondern mit dem ganzen Körper. Der Takt wird zum körperlichen Ereignis, die Bewegung des Pferdes überträgt sich auf den Menschen. Gute Reitkunst hat deshalb etwas Musikalisches: Sie besteht weniger darin, einen Takt vorzugeben, als darin, einen gemeinsamen Takt zu finden. 

Auch die Militärmusik zeigt, wie eng Pferd und musikalischer Rhythmus einst verbunden waren. Kavallerie und Blasmusik gehörten über Jahrhunderte zusammen. Märsche strukturierten den Bewegungsablauf der Truppen; Trommeln, Fanfaren und Hörner gaben Signale, die auf dem Pferderücken ebenso funktionieren mussten wie auf dem Boden. Musik war hier keine bloße Begleitung, sondern ein praktisches Mittel zur Koordination. Der Rhythmus half dabei, viele einzelne Körper – Menschen und Pferde – zu einer gemeinsamen Bewegung zusammenzufassen. Die Vielzahl der Kavalleriemärsche zeugt davon: Der berühmte „Fehrbelliner Reitermarsch" von Richard Henrion und „Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" von Cuno Graf von Moltke, der heute besonders häufig im Kontext militärischer Zeremonien erklingt. Sie sind genau so bekannt wie die Walzer, Märsche und Polkas rund ums Pferd bei der Strauß-Familie. 

Unterschiedliche Gangarten 

Das Pferd in der Musik: häufig ist es mit Takt und Disziplin, zugleich aber mit Freiheit und Geschwindigkeit verbunden. Diese beiden Bedeutungen widersprechen sich eigentlich - und gehören doch zusammen. Der Galopp ist wild und geordnet zugleich. Er hat eine enorme Energie, aber eben auch einen klaren Rhythmus. Genau diese Spannung macht ihn musikalisch so interessant. 

Besonders deutlich wird das im Galopp als musikalischer Form. Im 19. Jahrhundert wurde aus der Gangart des Pferdes ein populärer Gesellschaftstanz. Der Galopp, zunächst vor allem als schneller Tanz der europäischen Salons bekannt, übertrug die Bewegung des Pferdes auf den menschlichen Körper. Man musste dafür nicht im Sattel sitzen: Der Rhythmus genügte, um Geschwindigkeit und Sprungkraft des Pferdes gleichsam in den Ballsaal zu holen. Aus dem Fortbewegungsmittel wurde ein Tanz, aus dem Hufschlag ein Vergnügen. Vielleicht ist das eine der schönsten kulturgeschichtlichen Verwandlungen des Pferdes: Der Mensch ahmt nicht das Tier nach, sondern übernimmt dessen Rhythmus. Er tanzt den Galopp. Musik wird zum Medium, durch das eine tierische Bewegung in eine menschliche verwandelt wird. Und während das Pferd selbst im Laufe des 20. Jahrhunderts als alltägliches Transportmittel verschwindet, bleibt sein Rhythmus im kulturellen Gedächtnis erhalten. 

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Auch in der Konzertmusik begegnet der Galopp immer wieder als musikalisches Bild. Gioachino Rossinis „Guillaume Tell"-Ouvertüre hat das heranstürmende Pferd geradezu in Musikgeschichte verwandelt. Ihr berühmtes Finale ist längst von seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöst: Man muss weder Wilhelm Tell noch die Schweizer Alpen kennen, um in den schnellen Rhythmen Bewegung, Aufbruch und Geschwindigkeit zu hören. Der Galopp wird hier zum musikalischen Zeichen. Ein paar Takte genügen, und das Pferd ist in der Vorstellung bereits unterwegs. 

Filmmusik und letztes Geleit 

Musik erzeugt Bilder – und was liegt näher, als auch Filmmusik zu thematisieren? Hier sind es vor allem die Italo-Western Sergio Leones, die nicht selten mit der ironischen Wendung „Pferdeoper" versehen wurden. Leone hatte schon früh eine große Begeisterung für jene Szenen, die den Ritt auf Pferden zeigen; er suchte sogar nach den idealen Kameraeinstellungen, um die Kraft und Dynamik der Tiere besonders hervorzuheben. In seiner Zusammenarbeit mit dem Komponisten Ennio Morricone wird die Bedeutung des Pferdes für das Western-Genre auch klanglich offenbar: Peitschenschläge begleiten als Klangkulisse die Filmmusik zu „Für eine Handvoll Dollar". Steven Spielberg setzte dem Pferd im Krieg ein denkwürdiges Denkmal: In „War Horse" schildert er das Schicksal eines Schlachtrosses, das die Grabenkämpfe und Sturmangriffe an der Westfront des Ersten Weltkriegs überlebt. Die Musik dazu schrieb John Williams

Der Kinofilm hat das Bild des Pferdes als Fortbewegungsmittel, Begleiter und mythisches Wesen bewahrt, vom Hollywood-Western über „Sisi" bis „Die Odyssee". Seine einstige Funktion ist zur Erinnerung geworden, seine Bewegung zum ästhetischen Motiv. Und in einem besonders berührenden Zusammenhang transzendiert die Mensch-Pferd-Beziehung gar ins Jenseitige. Bei George Washingtons Trauerzug trug sein Pferd zum Marsch der Militärkapelle Sattel und Pistolenhalfter. Die leeren Stiefel hingen umgekehrt in den Steigbügeln, wie bei römischen Feldherrn. Fünf Jahre später folgte Alexander Hamilton mit einem grauen Pferd, dessen Stiefel und Sporen ebenfalls verkehrt herum angebracht waren. Berühmt wurde der schwarze Wallach „Black Jack", der bei gleich vier Staatsbegräbnissen als reiterloses Pferd diente: für John F. Kennedy 1963 und Präsident Herbert Hoover ein Jahr später, im gleichen Jahr für General Douglas MacArthur und dann noch für Präsident Lyndon B. Johnson 1973 – immer mit den umgekehrten Stiefeln im Steigbügel. Bei Ronald Reagans Staatsbegräbnis 2004 übernahm das ehemalige Rennpferd „Sergeant York" diese Rolle, mit Reagans eigenen Reitstiefeln.  

Erinnerungen und Bilder, Assoziationen und Klänge: Das Pferd wird uns Menschen bleiben – auch über den Tod hinaus. 


Der Autor ist promovierter Musikwissenschaftler und Dramaturg.

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