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Motorrad-Sound und Posaunenklänge 

Die Konzertsaison 2026/2027 steht vor der Tür: Was ist bedenkenswert - was macht nachdenklich? Ein Überblick mit Vorschlägen.
Weil Konzerte vor allem über Steuergelder finanziert werden, sind die Eintrittskarten erschwinglich. In der Hamburger Elbphilharmonie (Foto), deren Entstehungskosten 800 Millionen Euro betrugen, gibt es Tickets bereits ab 20 Euro. Die Akustik ist auf allen Plätzen gut.
Foto: Brinkermedia | Weil Konzerte vor allem über Steuergelder finanziert werden, sind die Eintrittskarten erschwinglich. In der Hamburger Elbphilharmonie (Foto), deren Entstehungskosten 800 Millionen Euro betrugen, gibt es Tickets ...

Eigentlich wollte er seine Pianistenkarriere längst beendet haben: Die Wiener Philharmoniker musizieren gemeinsam mit Rudolf Buchbinder Klavierkonzerte von Haydn, Beethoven und Schumann (1. Dezember 2026). Der Solist, der immer öfter auch als Dirigent auftritt, gilt als einer der führenden Interpreten des Klavierwerks Beethovens und begeistert seit Jahrzehnten mit einer pianistischen Virtuosität, die seinen Interpretationen besondere Klarheit und Eleganz verleiht. 

Etwa sechzig Kilometer westlich von Wien eröffnet das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich die Spielzeit mit einer Reise in die (musikalische) Märchenwelt: Werke von Claude Debussy, Maurice Ravel und Gustav Mahler gelangen hier zur Aufführung (27. September 2026). Unter der Leitung von Fabien Gabel, der in seine zweite Spielzeit als Chefdirigent startet, erklingen eine Suite nach Debussys „Pelléas et Mélisande“, Ravels Vertonung der Rahmenhandlung der Märchen aus Tausendundeiner Nacht („Shéhérazade“) und „Das klagende Lied“, eine frühe Kantate Mahlers, die ein düsteres Märchen erzählt. 

Bajuwarischer Wagemut 

Das Sinfoniekonzert ist jene Form der Kulturveranstaltung, in der das Publikum heute am ehesten mit Überraschungen rechnen darf: Während sich anderswo ein stehendes Repertoire durchgesetzt hat, bieten Konzertabende vergleichsweise häufig die Möglichkeit der Begegnung mit ungehörten, neuen und seltenen Stücken. Ein gutes Beispiel dafür bietet das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das im Rahmen der musica viva neue Werke zur Genesis in Auftrag gegeben hat. Die Neukompositionen (unter anderem von Mark André und Francesco Filidei) widmen sich jeweils einem Tag der Schöpfung und werden durch die Ouvertüre von Milhauds „La Création du monde“ eingeleitet (9. Oktober 2026). 

Die Münchner Philharmoniker empfangen die kanadische Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan (29. Oktober 2026). Gemeinsam mit dem Pianisten Bertrand Chamayou interpretiert sie Werke von Olivier Messiaen, Maurice Ravel, Joseph Haydn, Franz Schreker sowie der zeitgenössischen iranischstämmigen Komponistin Golfam Khayam. Hannigan wird für ihre dramaturgische Intensität und künstlerische Neugier gelobt, doch zeigt das Programm dieses Abends eher Willkür als konzertplanerischen Mut. Die Tendenz, sehr Gegensätzliches gemeinsam aufzuführen, ist bisweilen reizvoll, doch lassen sich Probleme der Kohärenz nicht einfach übergehen. Die Distanz zwischen den Klangwelten Messiaens und Schrekers ist so groß, dass sich ein dramaturgischer Bruch auftut, der durch außermusikalische Programmatik kaum zu füllen ist. Das ist besonders schade, denn für sich genommen sind Aufführungen dieser beiden Komponisten nicht eben häufig – und sehr verdienstvoll. 

Das Ländle im Motorrad-Modus 

Die Stuttgarter Philharmoniker widmen sich in ihrem dritten Sinfoniekonzert (12. Dezember 2026) der als Soloinstrument so häufig übersehenen Posaune. Das sich einiger Beliebtheit erfreuende Konzert des Schweden Jan Sandström trägt den humorvollen Untertitel „Motorbike Odyssey“ und fordert dem Solisten eine Vielzahl höchst ungewöhnlicher Spieltechniken ab. Den Solopart übernimmt der britische Posaunist Peter Moore; am Pult steht Christian Lindberg, der das Konzert einst selbst in Auftrag gab. Klug eingebettet erklingt das Stück neben einer anderen „Maschinenmusik“: Arthur Honeggers „Pacific 231“, einer kleinen Tondichtung, die den Dynamismus einer Lokomotive musikalisiert. 

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In unmittelbarer Nachbarschaft präsentiert das Württembergische Staatsorchester Stuttgart in seinem vierten Sinfoniekonzert (21. und 22. Februar 2027) das Violakonzert des Australiers Brett Dean, der den Solopart selbst übernehmen wird. Dean, einst Bratschist der Berliner Philharmoniker, wirkt seither als Komponist und Interpret und konnte mit Bühnen- wie Konzertwerken Erfolge feiern. Sein Konzert beschrieb er als „Musik von zerrissener Virtuosität, voller rhythmischer Ecken und Kanten, die Art von Kreuzung, die vielleicht entstanden wäre, wenn Paul Hindemith in einer Band mit Tom Waits gespielt hätte“. Das Stück erklingt an diesem Abend in einem Programm mit Bruckners neunter Sinfonie. 

Erbarmen, die Hesse komme! 

Einem Hauptwerk der französischen Moderne widmet sich das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks, das unter der Leitung Alain Altinoglus Olivier Messiaens „Turangalîla-Sinfonie“ aufführen wird (14. Mai 2027). Das 1949 uraufgeführte Monumentalwerk bezeichnete der Komponist als „Hymne an die Freude“; Altinoglu spricht von „einem Exzess an Dauer, Farbe, Rhythmus und Emotion“. Zu hören ist das konzertfüllende Werk unter Mitwirkung des Pianisten Pierre-Laurent Aimard, der im Umfeld Messiaens ausgebildet wurde. 

Konzerthäuser bieten die Möglichkeit, internationale Ensembles zu hören. In der Kölner Philharmonie gastiert etwa das Kammerorchester Basel (11. April 2027), dessen Gründung auf die Initiative des Dirigenten und Mäzens Paul Sacher zurückgeht, der zahlreiche Werke der frühen Moderne in Auftrag gab. Der Musik der Gegenwart fühlt sich das Orchester bis heute verpflichtet, und so umfasst auch das Kölner Programm eine Uraufführung: ein Klavierkonzert von Hayato Sumino, der zugleich als Solist auftritt. Eingerahmt wird die Novität von Kompositionen Ravels und der selten aufgeführten ersten Sinfonie Georges Bizets. In der Bremer „Glocke“ ist unterdessen die US-amerikanische Geigenvirtuosin Hilary Hahn zu hören (5. November 2026), die mit der dort ansässigen Deutschen Kammerphilharmonie eine mehrjährige Zusammenarbeit beginnt, in deren Mittelpunkt die Violinkonzerte Mozarts stehen. 

Das seltene Vergnügen einer Begegnung mit der zweiten Sinfonie des Schönberg- und Mahler-Zeitgenossen Charles Ives bietet sich am 4. Februar 2027 in der Laeiszhalle. Das stimmig konzipierte Programm der Symphoniker Hamburg vereint den wohl wichtigsten Komponisten amerikanischer Musik mit dem im kalifornischen Exil entstandenen Cellokonzert Erich Wolfgang Korngolds und den „Bachianas Brasileiras“ von Heitor Villa-Lobos, der Bach mit brasilianischen Klängen verband. Es dirigiert der junge Portugiese Nuno Coelho, Solistin ist Jing Zhao. 

Hauptstadt-Highlights 

Zu den besonderen Ereignissen der Berliner Spielzeit gehört die Aufführung von Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ (19./20. September 2026), einem im Schweizer Exil entstandenen Kammermusiktheater, das „gelesen, gespielt und getanzt“ werden soll. Die Inszenierung, die ihre Premiere bei den letztjährigen Salzburger Festspielen feierte, vereint die Puppenspieler des Salzburger Marionettentheaters mit einem hochkarätig besetzten Ensemble um die Geigerin Isabelle Faust; als Erzähler tritt der Schauspieler Dominique Horwitz auf. Die Aufführung findet im Rahmen des Musikfests Berlin statt. 

Die Berliner Philharmoniker haben die chinesische Starpianistin Yuja Wang zu Gast, die den Solopart in Bartóks erstem Klavierkonzert übernimmt (7. bis 9. Januar 2027). Unter der Leitung von Jakub Hrůša erklingen außerdem Werke von Dvořák und Brahms, die mit ihrer zarten Textur einen Kontrast zu dem höchst energetischen Solokonzert bilden – zwei Komponisten, denen sich der tschechische Dirigent in seiner Diskographie immer wieder gewidmet hat. Das DSO setzt unterdessen auf Konzerte, die von verschiedenen Persönlichkeiten mit Reden eingeleitet werden. Das hat den Nachteil, dass der Hörer vor dem Genuss von Werken wie Debussys „La mer“ (4. Oktober 2026) Maja Göpel zuhören muss – oder vor Schostakowitschs achter Sinfonie Carolin Emcke (31. Januar 2027). 

Musikalischer Sachsenspiegel 

In Leipzig liegt es nahe, eine Aufführung der Musik Johann Sebastian Bachs zu erleben, und die Gelegenheit dazu ergibt sich regelmäßig. Besonders hingewiesen sei auf die Matthäus-Passion, die in der Fastenzeit 2027 gleich mehrfach vom Gewandhausorchester und dem Thomanerchor aufgeführt wird (im Gewandhaus am 7., 13. und 17. März). Die Sächsische Staatskapelle Dresden startet mit ihrem Eröffnungskonzert sogleich in einen Mahler-Zyklus, den Chefdirigent Daniele Gatti mit der sechsten Sinfonie eröffnet – jenem tragischen Werk, das die Frage nach dem Schicksal mit größter Vehemenz stellt (30. August bis 1. September 2026). Musik ist offen und doch voller Geheimnisse – sie ruft nach Resonanz bei all denen, die sich auf sie einlassen. 

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