Feuilleton

Francis Thompson: Fernab der Bürgerlichkeit

Das Leben des Dichters Francis Thompson war zerrissen – doch Gott spielte darin stets eine Rolle. Von Urs Buhlmann
Francis Thompson.
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Eine ganz eigene Blüte im Paradiesgärtlein christlich-katholischer Dichtung ist Francis Thompson (1859–1907), der bei uns fast gar nicht bekannte Engländer, als Sohn von Konvertiten in Preston/Lancashire geboren. Einem Leben am unteren Rande der Gesellschaft rang er ein staunenswertes dichterisches Werk ab. Tief im Glauben verankert, konnten ihn weder äußerliche Armut noch lebenslange Einsamkeit von Gott trennen oder seinen künstlerischen Ausdruckswillen behindern. Das recht erfolgreiche Theaterstück „Hound“ von Chris Ward holte 2011 den bewusst fernab der Bürgerlichkeit lebenden Dichter wieder in die Welt der Gegenwart zurück. Auf andere Art und Weise versuchte das eine britische Boulevard-Zeitung, als sie 2015 Überlegungen darüber anstellte, ob Thompson nicht Jack the Ripper gewesen sein könnte, der berüchtigte und nie identifizierte Frauenmörder des viktorianischen London. Eine zweifelhafte Ehre, die freilich auch einer ganzen Reihe weiterer Persönlichkeiten, darunter einem Mitglied des Königshauses, zuteil wurde.

Der Sohn eines Landarztes sollte die väterliche Praxis übernehmen, obwohl ihm der Sinn zunächst eher nach der Theologie stand. Er begann diesen Studiengang am Ushaw College der Universität Durham im Nordosten Englands, nicht weit von der schottischen Grenze. 2011 aus Mangel an Berufungen geschlossen, war Ushaw für lange Zeit der Hauptausbildungsort für katholische Priester im Norden Englands gewesen und hatte seine Wurzeln in einem im 16. Jahrhundert ursprünglich in Frankreich gegründeten Missions-Seminar. Doch Francis Thompson war niemand, der einen Lehrgegenstand systematisch durchdringen wollte oder konnte.

Das Theologie-Studium lag ihm ebenso wenig wie die sich in Manchester auf Drängen des Vaters anschließenden medizinischen Studien, beide blieben ohne Abschluss. Wohl war er öfters auf den Cricket-Plätzen der Universität zu sehen. Es wurde schließlich klar, dass Francis keinen nach den üblichen Maßstäben erfolgreichen Lebensweg haben würde. Der Versuch, bei der Armee Aufnahme zu finden, scheiterte am allzu knabenhaften Körperbau. Das Vorbild zweier schriftstellernder Onkel führte ihn nach London, wo er als freier Autor eine prekäre Existenz führte. Und die Modedroge der damaligen Zeit kennenlernte, das Opium. Zu erwähnen ist, dass Opium damals noch nicht verboten war. Ganz im Gegenteil war es als „Laudanum“, das als Arzneimittel galt – eine Tinktur des Giftes mit Beigabe von Alkohol und Wasser – weit verbreitet und wurde in Künstler-Kreisen als wirkungsvolles Anregungsmittel geschätzt. Laudanum war damals billiger als Bier oder Gin zu haben und selbst in der Arbeiter-Klasse zur Leistungssteigerung geschätzt. Zudem hatte Thompsons Mutter, die er sehr verehrt hatte, kurz vor ihrem Tod 1880, ihm, dem Gedichteliebhaber, Thomas de Quinceys „Confessions of an English Opium-Eater“ geschenkt, was er als Ermutigung auffasste. Rasch verfiel Francis dem Suchtgift. Doch Gott, an den er festen Glauben hatte, war ihm freundlich gesonnen: Buchstäblich auf der Straße gelandet, wurde er von dem Redakteurs-Ehepaar Wilfred und Alice Meynell aufgelesen und so einem baldigen Tod entrissen. Sie waren ihrerseits Konvertiten zur katholischen Religion, vor allem aber warmherzige und mitfühlende Menschen.

Die Meynells – selber Eltern von neun Kindern – nehmen den verwahrlosten und drogensüchtigen Dichter bei sich auf, ermöglichen ihm mehrere Aufenthalte in einer Entzugsklinik und lassen ihn vor allen Dingen insgesamt zwanzig Jahre bei sich in Bayswater, einem wohlbürgerlichen Stadtteil Londons, wohnen. Es ist das Talent, aber auch die empfindsame, reine Seele, das sie erkennen und das sie anzieht. Ihre Unterstützung befreit Thompson von der Zumutung, als Zeitungs- und Streichholz-Verkäufer, als Schuhputzer und Gepäckträger auf Londons Straßen unterwegs sein zu müssen. Er spricht selber einmal von den „grausigen Kinnbacken“ der Großstadt, die er kennengelernt hatte.

Thompson war zweifelsohne einer, der etwas zu sagen hatte, wie seine Samariter – Meynell war als Herausgeber der katholischen Monatszeitschrift „Merry England“ immer auf der Suche nach neuen Talenten – bald herausfanden. Thompsons Gedicht „Dream Tryst“ war gut genug, von Gustav Holst vertont zu werden – in einer schönen getragenen Chor-Melodie, was die Briten einen „Pastoral Partsong“ nennen. Der Essay „Paganism Old and New“ wurde 1912 von der „New York Times“ nachgedruckt. Auch ein weiterer nicht-dichterischer Text erregte Aufsehen: Ebenfalls erst nach seinem Tode erschien ein Essay Thompsons über Shelley, den Romantiker und Byron-Freund, der 1822 bei einem Bootsunfall in Italien ums Leben gekommen war und in dem Thompson eine Art Seelenverwandten sah, auch wenn ihm der erklärte Atheismus dieses Landsmannes gegen den Strich gehen musste. Francis war von seinen Gönnern mit dem Prämonstratenser-Priorat in Storrington in West Sussex bekanntgemacht worden, der damals einzigen Niederlassung des von Norbert von Xanten gegründeten Regularkanoniker-Ordens in Großbritannien. Es war offenbar nie eine Option, dass Francis dort eintreten würde, obwohl gerade die „Weißen Chorherren“ gerne auch Laienbrüder aufnehmen. Aber über einige Jahre war er längere Zeit dort zu Gast, hatte sein ständiges Zimmer und fand an diesem Ort die notwendige Ruhe – unterstützt durch die Teilnahme am monastischen Tagesablauf – um arbeiten zu können. Die Gedichte Thompsons – die alle erst in den Jahren unmittelbar vor und nach seinem Tod zum Druck gegeben wurden – sie sind es, und nicht die Prosa-Werke, die ihm heute noch, zusammen mit Gerald Manley Hopkins SJ, seinen Platz und seine rühmende Erwähnung in jeder Darstellung der angelsächsischen Literaturgeschichte garantieren. Der jugendlichen Cricket-Liebe verdankt sich das berühmteste Gedicht über diese so britische Sportart: „At Lord's“ – benannt nach der wichtigsten Londoner Wettkampfstätte dafür. Ein direktes Zitat aus einem seiner Gedichte findet sich sogar in der berühmten Entscheidung des „US Supreme Court“ über die Rassen-Segregation in der Schule aus dem Jahre 1954, so sehr war Thompson Allgemeingut geworden. Aber auch Daphne du Maurier zitiert ihn in ihrem Roman „Rebecca“. Von den insgesamt rund 50 Werken muss in besonderer Weise dem bekanntesten seiner Poeme aus dem Jahre 1893 Erwähnung getan werden, dem der schöne Titel „The Hound of Heaven“ – „Der Jagdhund des Himmels“, zuerst ins Deutsche übertragen 1925 von Theodor Häcker, letzte Übersetzung von 2009 – gegeben wurde. Eine ältere deutsche Literaturgeschichte vergleicht das Werk mit Brentanos „Frühlingsschrei eines Knechts aus der Tiefe“, fügt aber noch hinzu, dass der Rhythmus gewaltiger und unruhiger sei. Der gehetzte Jäger flieht vor dem, dem er doch nicht entkommen kann: „Die Dinge all verraten dich, der du/ verraten Mich./ Nichts schützet dich, der du nicht/ schützest Mich./ Sieh, nichts genüget dir, der du nicht/ genügest Mir./ Sieh, alle Dinge fliehen dich, denn du/ fliehst Mich./ Der, den du suchst, bin ich!/ Du triebst von dir die Liebe, der du/ vertrieben Mich!“

Der, der sich hier so leidenschaftlich dem zu entringen sucht, der ihn längst erkannt und ins Herz geschlossen hat, starb nach einem Leben, das Ähnlichkeiten zu dem mittelalterlichen Mystiker aufweist, mit 49 Jahren, doch reif für den Himmel, an Tuberkulose und den Spätfolgen seiner Drogensucht im ersten seit der Reformation errichteten katholischen Krankenhaus Londons, dem heute noch bestehenden „Hospital of St. John and St. Elizabeth“, wo er liebevoll von Ordensschwestern betreut worden war. Eine wenige Jahre nach seinem Tod herausgegebene Sammelausgabe seiner Gedichte erreichte auf Anhieb eine Rekordauflage. Francis Thompson wusste die Gnade Gottes in allen Dingen aufzuspüren und ist in der Zerrissenheit seines eigenen Lebens zum Wegbereiter des Menschen der Moderne geworden. Mit dem Unterschied freilich, dass er sich, einem modernen Augustinus gleich, wohl zu jedem Zeitpunkt seines Lebens von Gott gefunden wusste. Sein Grabstein im Nordlondoner Stadtteil Kensal Green trägt die letzte Zeile eines Gedichtes, das er für sein Patenkind geschrieben hatte: „Look for me in the nurseries of heaven“.

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