Der Weltdeuter

Der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch war nicht nur ein literarischer Virtuose, er versuchte, das Unsagbare auszudrücken. Von Burkhardt Gorissen
Jahresrückblick 2010 - Harry Mulisch gestorben
Foto: dpa | Unvergessen: Harry Mulisch (1927–2010) stieg mit seinem Roman „Die Entdeckung des Himmels“ auf in das Literatur-Pantheon.

Harry Mulisch gehört, zusammen mit Willem Frederik Hermanns und Gerard Reve, zu den „Großen Drei“ der modernen niederländischen Literatur. Seine Bedeutung geht weit über die Grenzen hinaus, sein weltweit gelesenes Werk umfasst Romane, Novellen, Essays, Dramen, Opernlibretti und Gedichtbände.

Gleich, was Mulisch schrieb, ob kriminalistisch unterhaltend oder buchhalterisch fabulierend, er blieb dabei immer der uneingeschränkte Meister der Kunst, gesellschaftsrelevante Fragen leitmotivisch miteinander zu verweben. Seine Bücher sind durchwirkt von der häretischen Klugheit des ortlosen Weltbürgers; langweilig sind sie nie, dafür fast immer ein intellektueller Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden. In seiner Sprachmächtigkeit steht er Jahrhundertliteraten wie Thomas Mann oder William Faulkner in nichts nach. Seine seelenkundliche Versiertheit ist seiner Auseinandersetzung mit der Psychologie geschuldet, die im nicht unumstrittenen Essay, „Das sexuelle Bollwerk, Sinn und Wahnsinn von Wilhelm Reich“, einen Niederschlag fand.

Kritikerschelte oder Leserunmut interessierten ihn, wenn überhaupt, bestenfalls am Rande. Viele Jahre war er das Lieblingskind des Feuilletons, immer nah am Nobelpreis, den er trotz namhafter Befürworter nicht erhielt. Schon früh distanzierte er sich vom Literaturbetrieb mit ironischem Paukenschlag: „Die bestehende Literatur sagte mir nichts, ich war ein Schriftsteller, kein Literat. Das einzige, was mir etwas sagte, war das, was ich nicht ausdrücken konnte, aber um jeden Preis sagbar machen musste.“

Unabhängig von Hybris und Nemesis reüssierte er als Romancier, Sachbuchautor, Dramatiker, Feuilletonist – ein Intellektueller von hohen Graden, ein Dialektiker, der sich selbst als Seelenverwandter von Nicolaus von Kues sah, da er sich, wie der Cusaner, „nie vor Gegensätzen, ja nicht einmal vor Widersprüchen gefürchtet“ habe.

Mulischs Tragik-durchwobene Biographie liest sich wie ein Roman. 1927 in Haarlem als Sohn eines österreichischen K.u.K.-Offiziers und einer jüdischen Bankierstochter aus Antwerpen geboren, wuchs er bei seinem Vater auf. Der, so wollte es die dramatische Wende nach dem Überfall der Wehrmacht, wurde als gebürtiger Österreicher zum „Reichsdeutschen“ erklärt und von der deutschen Besatzungsmacht gezwungen, als Angestellter einer Amsterdamer Bank jüdische Vermögen zu „arisieren“. Immerhin konnte Mulischs Vater qua status seine getrennt lebende Frau und seinen jüdischen Sohn vor der Deportation schützen. Harry Mulischs Groß- und Urgroßmutter hingegen wurden im Konzentrationslager vergast. Er habe den Krieg nicht nur erlebt, bekannte Mulisch. Seine Aussage umfasst die ganze Tragik: „Ich bin der Zweite Weltkrieg.“

Was Antisemitismus bedeutet, ging bei Mulisch, der qua Religionsgesetz Jude war, als Riss durch das eigene Denken. Sämtliche Gefühlserosionen seiner Figuren sind deshalb nicht, wie in aktuellen Romanen allzu oft üblich, am Reißbrett konstruiert, sind kein Erleben aus zweiter Hand, sondern selbst erfahrener Seelenschmerz. „Jedes Leben hat seine Geheimnisse, und die müssen gewahrt werden. Doch je älter man wird und je weniger man zu verlieren hat, desto uneinsehbarer wird es, warum man sie eigentlich wahrt, so dass man sie genauso gut erzählen kann“ (Augenstern) – ihm blieb aufgrund seiner Biografie gar nichts anderes übrig. Wenn die Kritik Mulischs Werk mitunter als Betroffenheitsliteratur diffamiert, liegt darin eine ausgesprochen chuzpische Form der Ignoranz. Mulisch ist weit entfernt von der gesinnungsästhetischen Banalität eines Martin Walser oder Günter Grass. Er blickt weit über den Tellerrand eines verordneten Humanitätsideals hinaus. Sprachliche Quacksalberei ist seine Sache nicht. Metaphern-Huberei oder Politclownerien sind ihm ebenso fremd wie existenzialistische Verätselungen a la Sartre, aus der schlussendlich nur ideologische Geisterdörfer entstehen.

Seine Bücher sind eine aufmerksame Enzyklopädie der westlichen Alltagskultur. Das wirklich Erstaunliche an den Romanen des Weltbürgers Mulisch ist, dass er selbst das Abstoßende in Anziehung verwandelt. Nie geht es um plakative Provokation. Ausdruck seiner großen erzählerischen Tugend ist die Liebe zu seinen Figuren. Er schildert ihre prekären Seelenzustände, als wären sie Masken einer antiken Tragödie. Thriller-Liebhaber oder Unterhaltungsroman-Fans weist er schon mal mit genialischer Arroganz zurück: „Wer sofort mitgezogen werden will, um die Zeit totzuschlagen, der kann dieses Buch besser gleich wieder zuschlagen, den Fernseher einschalten und sich auf der Couch nach hinten lehnen, wie in einem warmen Schaumbad.“ So geschehen ganz am Anfang seines Romans „Die Prozedur“.

Dieser Anspruch an den eigenen Text geriete einem weniger begabten Autor zu einer operettenhaften Plattitüden-Sammlung. Mulisch hingegen, trotz aller Gottesverneinung mysterienweiser Weltdeuter, entwirft einen Science-Fiction-Erguss, in dem Karel Capeks Robot neben der Sphinx und Ödipus zu seinem Recht kommt, und en passant noch Ovid und Pygmalion. „Die Prozedur“ ist viel, jedoch kein Klamauk, sondern eine Gratwanderung zwischen Roman, Krimi, philosophischem Essay und wissenschaftlichem Aufsatz. Kurzum, sie ist das Regelwerk zur Erschaffung von Leben. Mit unnachahmlicher Geschicklichkeit lässt Mulisch den Leser begreifen, dass dem Kern des Gebots „Du sollst nicht morden“ auch die Botschaft „Du sollst kein Leben schaffen“ innewohnt. Sein Golem, aus dem Lehm der Sprache geformt, löst sich in Licht auf. Eine Illuminierung der Geistseele? Das Vibrato des Seins? Gar das Licht der Welt? Einen Werbeprospekt für Gentechnologie jedenfalls hätte Mulisch nicht schreiben können. Er steht, auch als Agnostiker – und darin liegt kein Widerspruch – in einer großen Tradition: „Baruch atta adonai, elohenu melech ha-olam“ – „Gepriesen seist du Ewiger, du regierst die Welt“. Mulisch sagt das nicht, aber es schwingt mit.

Wie überhaupt der unausgesprochene Subtext, das Mitschwingen des Unausgesprochenen, eines ätherischen Kanons, typisch ist für sein Werk. In seinem frühen Roman „Das steinerne Brautbett“ lässt Mulisch einen amerikanischen Bomberpiloten sagen: „Wir haben Dresden vernichtet, weil es Dresden war, genauso wie die Juden geschlachtet wurden, weil sie Juden waren.“ So ein Satz wäre in einem deutschen Roman wohl undenkbar gewesen. Bei Mulisch umgreift dieser Satz das Unbeschreibliche. Er beschreibt den Menschen im Dauerzustand von Furcht und Zittern. Getrennt von Gott, entsetzt über seinen Inhumanismus. Als sich die Nazi-Täter von der Brutalität in Larmoyanz flüchteten, da detonieren noch einmal alle Sittenkonflikte der Nachkriegsära. Nacht, nur lichtlose Nacht, Schornstein in Auschwitz… Mulischs Pessimismus wächst aus dem moralischen Nihilismus, nur so ist der Satz des Piloten zu verstehen.

Das Thema bleibt virulent. Er greift es immer wieder auf, wie in „Das Attentat“. Am Ende des Zweiten Weltkriegs lebt der Junge Anton Steenwijk (übersetzt Steinweich, selbst der Name ist, typisch Mulisch, Symbol) allein. Seine Familie? Von Nazi-Schergen exekutiert. Das Elternhaus? Mit Flammenwerfern eingeäschert. Wieder antike Tragödien-Unentrinnbarkeit: Holländische Widerständler hatten einen Kollaborateur vor dem Nachbarhaus erschossen. Aus Furcht vor Repressalien schleppten die Nachbarn die Leiche vor das Haus der Steenwijks. Was folgte, war Willkür und Mord. Nur Anton überlebte die Racheaktion der Nazis und wächst bei Verwandten im nahen Amsterdam auf. Er wird Anästhesie-Arzt (ja, auch der Beruf ist symbolhaft). Die Vergangenheit kann er nicht abschütteln, trotz aller Betäubung. Darunter wabert die Erinnerung, ein dumpfer, unausgesprochener Schmerz.

„Das Attentat“ ist nah an der Realität. Zum Beispiel die Erschießung des Kollaborateurs und eines Mädchens aus dem Widerstand. Zum Vorbild nahm Mulisch die holländische Nationalheldin Hannie Schaft, von den Deutschen das „rothaarige Mädel“ genannt. Sie wurde drei Wochen vor Kriegsende hingerichtet und in den Dünen verscharrt. Kann man Worte dafür finden? Schreiben, sagte Mulisch, sei für ihn „nötig und notwendig, um die Wirklichkeit in den Griff zu bekommen“. 1961 fuhr er nach Jerusalem, zum Eichmann-Prozess. In seinem Glaskäfig erinnerte ihn Eichmann an eine „E.T.A. Hoffmann-Puppe“. Ein schiefgesichtiger Buchhalter der Grausamkeit, ein Massenmörder aus Ignoranz. 1963 erschien Mulischs Report „Strafsache 40/61“ auf Deutsch.

Mit seinem Roman „Die Entdeckung des Himmels“ gelang Mulisch schließlich der ganz große Wurf, mit dem er seither aus den Wolken des Dichter-Pantheons grüßt. Von der Top-Position der internationalen Bestsellerlisten allzumal. „Ein heiteres Spiel, ein ernster Scherz“, meinte er selbst dazu. Historisch angelegt als niederländischer Epochenroman, und geprägt durch die Generationenerfahrung der wilden Provo-Zeit der Amsterdamer Linken, schildert er auf achthundert Seiten das, was er einundvierzig Jahre zuvor in seinem Debütroman „Archibald Strohalm“ den intellektuellen Sidekick des Protagonisten, Boris Bronislaw, sagen ließ: „Ich habe vor, eine Geschichte zu schreiben, in der ein Mann dabei ist, eine Geschichte zu schreiben. Und in der Geschichte, die dieser zweite Mann schreibt, ist wiederum … Und weißt du, wer der Mann ist, der in der Geschichte des unendlichsten Mannes die Geschichte schreibt? Ich.“

Mulischs Opus magnum ist vor allem eins: Genreübergreifend eine unterhaltsame Mischung aus Bildungs-, Liebes- und Kriminalroman mit etlichen historischen, philosophischen und kabbalistischen Querverweisen. Fantasievoll komponiert, teils ernst, teils grotesk und voll ironischer Rückbezüge. Kurz: „Die Entdeckung des Himmels“. Das Kreatürliche der Figuren bleibt mitunter Schablone. Aber das sagt nichts über die Qualität aus. Auch das antike Theater hielt sich an Schablonen.

Und so klingt es nach, wenn Mulisch, mit der Bescheidenheit eines Seelen-Erspürers, im Roman einen kleinen niederländischen Schriftsteller sagen lässt: „Ich phantasiere nie, ich erinnere mich an Dinge, die nie geschehen sind“.

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Urs Buhlmann
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