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Der Gläubige ist immer schon schuldig

Wie sich eine „Diktatur des Relativismus“ anfühlen würde, darauf gab das „Glaubenstribunal“ der Wiener Festwochen einen erschreckenden Vorgeschmack.
Außenpolitikkorrespondent Stephan Baier, Michel Friedman
Foto: DT / IMAGO / dts Nachrichtenagentur | "Mission ist Imperialismus", findet der Publizist Michel Friedman.

Jede Menge Vorverurteilungen, keine Unschuldsvermutung für den Angeklagten, Ressentiments und Betroffenheit statt Fakten und Argumenten, inkompetente und intellektuell überforderte Richter und keinerlei Chancengleichheit von Kläger und Angeklagtem: So kennen wir Diktaturen unterschiedlicher Couleur, und so ist wohl auch die von Joseph Ratzinger einst skizzierte „Diktatur des Relativismus“. Bei den Wiener Festwochen konnte man am Wochenende in Echtzeit verfolgen, wie der ideologische Relativismus über den Gottesglauben zu Gericht sitzt – und am Ende zu dem von Anfang an postulierten Urteil kommt.

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Das „Glaubenstribunal“ wurde seinem Namen gerecht: Als künstlerisch-intellektuelle Inszenierung getarnt, wurde ein dreitägiges Tribunal abgehalten – ohne tiefer gehende Debatte, ohne den Austausch von Sichtweisen, ohne das scholastisch-mittelalterliche intellektuelle Niveau im Schlagabtausch der Argumente. Dass es der Religion „immer auch um Macht“ gehe, dass sich „die katholische Rechte mit der Regierung in den USA verbündet“ habe, dass von alledem Gefahr ausgehe, all das meinte der Leiter des Tribunals bereits im Vorfeld ganz genau zu wissen.

Blinde Flecken glaubensferner Ideologien

Polemisch und mit unbelegten Unterstellungen durften dann Intellektuelle unterschiedlichen Formats undifferenziert über die Religion an sich herziehen – besonders aggressiv der Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, Gérard Biard, der deutsche Talkmaster Michel Friedman und der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon. Ihr Tenor: „Religion ist gefährlich“ (Biard), „Glaube ist eine Waffe der Macht … und irrational“ (Friedman), „Wir sind mit einer Internationale der religiösen Fundamentalisten konfrontiert“ (Schmidt-Salomon). Gewiss, auch einige wenige kluge Christen kamen zu Wort, wurden skeptisch bis kopfschüttelnd befragt. Der Grundduktus jedoch war: Die Errungenschaften der Aufklärung, nämlich Freiheit und Menschenrechte, sind durch „eine Resakralisierung“ (Schmidt-Salomon) in Gefahr und müssen gegen die Gläubigen verteidigt werden.

Der Beitrag des Christentums zur Idee der Menschenwürde und damit zur Entwicklung der Menschenrechte blieb da natürlich gänzlich unter dem Radar. Beharrlich ausgeblendet blieb ebenso, dass die größten Massenmörder der Weltgeschichte – Mao, Stalin und Hitler – keine Männer der Religion, sondern ideologische Atheisten waren. All das passt wohl nicht ins Weltbild eines ideologischen Relativismus, der sich als unfähig erwies, zwischen den Religionen und ihren Menschenbildern zu differenzieren oder die blinden Flecken der glaubensfernen Ideologien ins Scheinwerferlicht zu rücken.

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Stephan Baier Christen Fundamentalisten Gläubige Josef Stalin Menschenwürde Michel Friedman

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