Kaum eine Stadt in Deutschland wird so einseitig wahrgenommen wie Frankfurt. Anders gesagt, hat die Metropole am Main über Jahrzehnte an ihrem schlechten Ruf gearbeitet. Ob das berüchtigte Bahnhofsviertel, das gar nicht mal so berüchtigt ist, die B-Ebene am Hauptbahnhof, die gefühlt seit Jahrzehnten renoviert wird, oder das stete und allgegenwärtige Obdachlosen- und Drogenproblem: Die größte Stadt Hessens tut scheinbar alles, ihrem negativen Image gerecht zu werden, was schade ist, hat sie doch, bei allen Problemen, viel mehr zu bieten.
Als Kind empfand ich Frankfurt als höchst faszinierend. Die nächstgrößere Stadt jenseits meiner Heimat hieß Würzburg und dann kam auch schon, neben Nürnberg, Mainhatten. Mir gefiel alles an Frankfurt. Der große Flughafen, zu dem wir nachts via Taxi fuhren, um nach Kreta zu fliegen, der für einen Jungen mit acht Lenzen völlig überdimensionierte Hauptbahnhof, der in seinen Augen eine eigene Stadt darstellte, bis hin zu den hohen Türmen, sorgten bei Klein-Julian regelmäßig für einen offenen Mund.
Die Hochhäuser Frankfurts
Und damals wie heute ist eine meiner Lieblingsserien „Ein Fall für zwei“, nicht zuletzt, weil Staatsanwälte und Polizisten nicht immer sehr gut wegkommen, weil Detektiv Josef Matula einfach unglaublich cool ist und weil, na klar, in Frankfurt gedreht wurde.
Apropos hohe Türme. Mainhatten verdankt seine Skyline einer einzigartigen Konstellation aus Zerstörung, Wiederaufbaupolitik und Finanzökonomie nach der Nazizeit. Durch die starken Kriegsschäden an der Bausubstanz standen große Flächen für moderne Stadtplanung zur Verfügung.
Maßgeblich war dabei der Stadtplaner Ernst May, dessen funktionalistisches Denken aus der Zwischenkriegszeit in Frankfurt nachwirkte. In den 1950er- und 1960er-Jahren entstanden die ersten Hochhäuser im deutlich amerikanisch geprägten Stil, zunächst noch relativ niedrig und vereinzelt. Wichtig war, dass Frankfurt die Grundlagen schuf, um Hochhäuser zu bündeln statt zu zerstreuen.
Ein einmaliges, urbanes Wahrzeichen
Mit dem Aufstieg Frankfurts zum führenden Finanzplatz der Bundesrepublik wuchs der Bedarf an repräsentativen Bank- und Konzernzentralen, was seit den 1970er-Jahren einen regelrechten Hochhausboom auslöste. Einflussreich waren hier insbesondere Akteure wie der langjährige Oberbürgermeister und spätere hessische Ministerpräsident Walter Wallmann - seine rechte Hand war übrigens ein gewisser Alexander Gauland, der die Positionierung Frankfurts als Finanz- und Dienstleistungsmetropole politisch unterstützte.
Türme wie Eurotower, Silberturm, die Deutsche-Bank-Hochhäuser und später der Main Tower oder Tower 185 schärften die vertikale Silhouette: Frankfurt war nun Frankfurt Mainhatten. Parallel begannen Stadt und Wirtschaft, die Skyline bewusst als identitätsstiftendes Bild der Stadt zu begreifen - unterstützt von Immobilienentwicklern, Banken und Architekturbüros -, und machten aus einem funktionalen Finanzcluster ein urbanes Wahrzeichen, das Frankfurt im Städtespektrum sichtbar heraushebt und in Deutschland einmalig ist.
Jüdisch-katholisches Frankfurt
Im Frankfurter Westend stehen sich Teile der Skyline und die historischen Gründerzeitvillen in einer harmonischen Spannung gegenüber. Zwischen Bankenviertel und Messe ragen Türme wie Deutsche Bank, Opernturm oder Westend Gate über dicht begrünte Straßenzüge mit reich gegliederten Fassaden und Erkern aus dem 19. Jahrhundert auf.
Dieser Kontrast betont in einer atemberaubenden Weise die vertikale Geste der Hochhäuser aus dem feinen Gewebe kleinerer, alter, aber exzellent hergerichteter Bauten. Kostengünstig ist das alles nicht. Bei einem Spaziergang wurde uns im vergangenen Jahr eine Wohnung von 90 Quadratmetern² für rund 5 000 Euro Monatsmiete angeboten, was dann doch das Budget überschritt.
Wo jüdisches Leben sichtbar ist – und angreifbar wird
Ob I. E. Lichtigfeld-Schule, jüdische Volkshochschule oder die Westend-Synagoge entlang der Savignystraße: Der Stadtteil ist das wohl größte inoffizielle jüdische Stadtviertel, was leider auch die Feinde auf den Plan ruft. Das Klimacamp 2025 im Grüneburgpark wurde zu einem zunehmend unerträglichen Beispiel für Judenfeindlichkeit:
Jüdische Aktivisten erlitten Anfeindungen und Angriffe, weil sie auf die damals noch in Gefangenschaft befindlichen Geiseln in Gaza aufmerksam gemacht hatten. Die Folge: Die Polizei war seitdem im Camp dauerpräsent, was für Juden in Frankfurt oder in anderen deutschen Städten leider keine Neuigkeit darstellt. Jede jüdische Einrichtung erkennen Sie am Polizeiauto davor.
Der Kaiserdom als historisches Herz Frankfurts
Doch auch der Katholizismus findet in Frankfurt statt. So thront der Frankfurter Kaiserdom St. Bartholomäus ehrwürdig als gotisches Wahrzeichen am Römerberg und war Krönungskirche zahlreicher Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Seine markante Doppelturmfassade aus dem 14. Jahrhundert umfasst den höchsten Kirchturm Deutschlands mit 95 Metern, was nur folgerichtig zu sein scheint, dass dieser sich wie selbstverständlich in die Skyline einfügt.
Trotz schwerer Kriegsschäden wurde der Dom sorgfältig restauriert und dient nun als Bischofskirche. Er kontrastiert spektakulär mit den umliegenden Hochhäusern und bildet so einen zeitlosen Gegenpol zu den modernen Türmen. Neben dem Maintower bietet der Dom die zwei bekanntesten Aussichtsplattformen, mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass das Gotteshaus 1550 fertiggestellt wurde und der Büroturm 1990.
Hessische Gemütlichkeit und Altstadtflair
Ganz anders dagegen ist der Stadtteil Bornheim. Mit der heimeligen Berger Straße und dem alten Rathaus atmet es die Atmosphäre einer echten hessisch-originalen Altstadt, die bis 1877 als eigenständiges Dorf existierte. Bürgerhäuser prägen das Viertel mit ihrem historischen Flair rund um das Uhrtürmchen, wo seit 1980 mittwochs von acht bis 18.30 Uhr dreißig und samstags von acht bis 16 Uhr der Wochenmarkt lockt - mit frischem Obst, Käse, Brot und regionalen Spezialitäten.
Hessische Kultlokalitäten wie der Apfelwein Solzer bieten klassische Frankfurter Gerichte wie Handkäs mit Musik und Rippchen in traditionellem Ambiente. Und wer es sportlich mag, kommt auch hier auf seine Kosten. So spielt der ehemalige Bundesligist FSV Frankfurt, früher FC Bornheim, heute in der Regionalliga. Natürlich kann man auch zur Eintracht, wenn man denn unbedingt will. Immerhin hat sich inzwischen Präsident Fischer verabschiedet, der aufforderte, AfD-Wähler zu ohrfeigen, ihnen die Tür einzutreten und ihnen ins Gesicht zu kotzen.
Mainhattens Schattenseiten
Doch auch die Schattenseiten Mainhattens sind unverkennbar. So kämpft die Stadt seit Jahrzehnten mit einer explodierenden Drogenproblematik, wo offener Konsum von Heroin und Crack auf dem Hauptbahnhofsvorplatz sowie in Nebenstraßen die Normalität stört, doch nicht nur da. Als mir eine liebe Person den liebevoll genannten U-Bahn-Schacht an der Bockenheimer Warte unweit vom Hannelore-Elsner-Platz zeigte, drückte sich in dem Moment eine junge Frau ungeniert, vermutlich Heroin, in die Venen. Auch das ist Frankfurt.
2025 registrierte die Polizei in Frankfurt über 4 000 Drogendelikte. Kriminalität allgemein ist hoch, Beleidigungen, Bedrohung und Körperverletzungen summierten sich laut polizeilicher Kriminalstatistik auf über 16 000 Fälle. Problematisch ist die Integration vieler muslimischer Zuwanderer. Dieser toxische Komplex aus Drogenchaos, Kriminalität, Integrationsversagen und Obdachlosigkeit frisst Ressourcen und macht Teile der Stadt zunehmend unattraktiv, während die Politik außer markigen Sprüchen nicht zu bieten hat, um die himmelschreienden Probleme zu lösen - oder sich aus Angst scheut, politisch unkorrekte, aber längst notwendige Schritte einzuleiten.
Das alles macht die Stadt von Ignatz Bubis und Michel Friedman, von Jutta Ditfurth und Erika Steinbach, vom FSV und von Eintracht Frankfurt, von Josef Matula und „die Kommissarin“ Lea Sommer, gespielt von Hannelore Elsner, so widersprüchlich. Trotz aller Probleme bleibt die Binse am Ende eine Weisheit: Es sind die besonderen und liebevollen Menschen, die einen Ort zu einem zauberhaften Ort machen. Frankfurt hat mehr zu bieten als liegen gelassene Spritzen und Kriminalität. Doch wenn es so weitergeht, wird irgendwann nur noch das von Mainhatten übrig bleiben.
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