Hundeblick und Katzengesicht: Für die Theorie, dass sich Menschen, die stark auf ihr Haustier fixiert sind, den Vierbeinern äußerlich anpassen, gibt es zahllose Beispiele. Transzoonismus statt Transhumanismus. Max Mundhenkes „Haustiere“ sind seine Chatbots, die kleinen Helferlein, die uns allzeit bereit wie fleißige Pfadfinder durch die digitale Welt geleiten. Und spricht man mit dem prominenten, 34-jährigen Cyber-Kapitän aus dem deutschen KI-Universum, dann klingt er tatsächlich ein bisschen wie ein grundsympathischer Bot. Bei allen Fragen weiß er immer alles – und zwar sofort. KI ist gefährlich? Ja, natürlich. Aber er bleibe optimistisch: „Als 2017 Elon Musk die Gefahr eines dritten Weltkriegs durch KI heraufbeschwor, fand ich das unverantwortlich!“ Mundhenkes Kritik an künstlicher Intelligenz ist immer ganz nah bei den Menschen: die Arbeitsbedingungen von ausgebeuteten Clickworkern, die ungelöste Energiefrage, die rechtlichen Grauzonen beim Schutz der Persönlichkeit, Deep-Fake-Pornografie. KI sei wie der Hammer, so Mundhenke, mit dem man eine Welt zertrümmern – oder aufbauen kann. So spricht ein KI-Prophet.
„Magnifica Humanitas“: Mundhenke begrüßt ohne Wenn und Aber das aktuelle päpstliche Lehrschreiben zur künstlichen Intelligenz. Aus dem Glauben könne die Kirche Orientierung liefern. Letztlich gehe es immer um die Menschlichkeit, die die Enzyklika sogar im Namen führe. Dabei könne die Kirche selbst stark von KI profitieren. In fast allen Bereichen, wenn man einmal die Seelsorge der direkten Zuwendung ausklammere, müsste die Kirche mit ihren Strukturen durch KI-Anwendungen besser werden, effizienter, transparenter. Aber sie könnte auch näher an den Menschen sein, glaubt Mundhenke. Nach seiner Meinung ließe sich echte Synodalität im Sinne von Teilhabe an Entscheidungen mit KI-Tools entscheidend verbessern. „Ich arbeite zurzeit an einer Parlaments-KI. So werden alle Abstimmungsvorgänge, Anträge und Beschlussfassungen in den Parlamenten unseres politischen Systems plötzlich verfügbar. Ein Stichwort, und die KI präsentiert, was etwa im Bundestag rund um jede politische Herausforderung gerade passiert. Oder welche Debatten wie geführt wurden und wer was sagte.“ Das könnte man auch auf den Zugang der Gläubigen zu kirchlicher Gremienarbeit übertragen, die sich normalerweise recht abgeschirmt vollzieht, obwohl eigentlich das Gegenteil versprochen wird.
Ohnehin umgibt uns im Netz eine Menagerie von mittlerweile vertrauten Chatbots aus allen Bereichen der digitalen Erlebniswelt. Max Mundhenke selbst ist kein Teil seines Chatbot-Zoos. Deshalb liegt die Sache etwas anders als bei den oben erwähnten Herrchen und Frauchen mit ihren Fellkindern. Er ist Schöpfer und Zoodirektor. Denn seine Chatbots stammen nicht aus fremder Zucht, sie sind eigene Kreaturen, quasi sein digitales Fleisch und Blut. „Botbakery“ heißt das aktuelle Start-up, das mehr leisten will als das bloße Programmieren von Chatbots für Online-Serviceleistungen. Max Mundhenke programmiert keine Chatbots, er erdenkt sie vielmehr, mit aller Komplexität, die ein systemischer Angang erfordern könnte. Studiert hat er einmal Soziologie und Medienwissenschaften in Bielefeld, also die klassische Kombination für jemanden, der erklären will, was das Netz mit uns macht. Schließlich heißt die historische Verkörperung der Bielefelder Academia Niklas Luhmann. Luhmanns Kernbegriff der „Autopoiesis“ – Systeme reproduzieren sich durch ihre eigenen Operationen – lässt sich möglicherweise auf manche KI-Systeme anwenden, die durch Feedback-Schleifen, sogenanntes „Reinforcement Learning“, ihre eigenen Parameter justieren. Sie operieren nach einer internen Logik, die sich gegen die Umwelt abschließt und nur über strukturelle Kopplungen anschlussfähig bleibt. Hat KI diese alte Systemgesetzlichkeit bereits überwunden, oder hält sie, möglicherweise auch aus kommerziellen Gründen, hier und da gezielt an ihr fest?
Luhmann wird plötzlich wieder aktuell
Die Frage, ob große Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude tatsächlich autopoietische Systeme im Luhmannschen Sinne sind oder nur ein hochkomplexer Mechanismus, der Autopoiesis simuliert, scheint zumindest überlegenswert. Mundhenke beteuert, dass er seine Chatbot-Schöpfungen immer wieder darauf hinterfragt, welche negativen Kräfte sie in sich tragen. Und er geht in seiner Arbeit, in seinen digitalen Produkten, permanent in kritische Distanz zu den geschaffenen „Digitalwesen“ – und damit zu sich selbst.
Der von ihm erdachte „Business Cringe Generator“ – ein ChatGPT-Bot, der jene LinkedIn-Textperlen produziert, über die man dort schmunzelnd stolpern darf – machte ihn vor einiger Zeit schlagartig bekannt. Solche KI-Entlarvung ist eine intelligent-phantasievolle Selbstermächtigung: Hier bin ich Mensch, und ich darf es sein. Wer den Generator ausprobierte, sah sofort, wie leer die Sprache der digitalen Selbstoptimierung ist. Das ist heute anders, nicht mehr so offensichtlich, aber die gefühlte Leere ist keineswegs gänzlich verschwunden. Mundhenke baute später 100 ChatGPT-Bots in 100 Tagen – ein Selbstversuch als Demonstration, was KI-Werkzeuge für Nicht-Programmierer leisten können. Aufsehen erregte er zudem mit KI-generierten Visualisierungen der Wahlprogramme zur Bundestagswahl, die in etablierten Medien landeten. Aufregende Fantasie-Animationen, die zeigen, wie eine digitale Bilder-Maschine viel zu komplizierte politische Texte in leicht verständliche Zukunftslandschaften übersetzt. Kunstvolle Mindscapes mit teilweise erschreckender Plastizität, aber immer auch ironisch gebrochen. Die AfD-Welt als Nuke-Park mit einem Atommeiler neben dem anderen, die CDU-Stadt als Mischung aus Freizeitpark und Hochhauskulisse, die SPD-City als Schrebergarten-Idylle mit Mainhattan-Ausblick. „Viele können sich gar nicht vorstellen, dass die meisten Menschen noch nie ein Wahlprogramm gelesen haben. Und viele wissen gar nicht, dass es überhaupt große Unterschiede bei Parteien gibt“, entkräftet Mundhenke aufkommende Kritik an der plakativen Reduktion. Er wollte hier Anstöße zum Nachdenken und Debattieren geben, keine Schlusssteine setzen. Virale Pädagogik als Do-it-yourself-Impuls für mehr politische Bildung.
Noch einmal zurück ins Prä-KI-Zeitalter und zu Niklas Luhmann aus Bielefeld: Dessen Einsicht, dass Systeme Komplexität reduzieren müssen, um handlungsfähig zu bleiben, trifft auf künstliche Intelligenz in dramatischer Weise zu, Mundhenke beweist und kritisiert das zugleich. Große Modelle komprimieren uferlose Datenmassen in Wahrscheinlichkeitsverteilungen – das ist Komplexitätsreduktion par excellence.
KI als Beobachter kann sich nicht selbst beobachten
Zugleich eröffnet Luhmanns Beobachtertheorie eine wichtige Perspektive auf das, was etwa ChatGPT nicht kann: Es beobachtet nicht, dass es beobachtet. Der blinde Fleck der KI liegt genau dort, wo Luhmann die Grenze jeder Beobachtung vermutet – nur dass beim Menschen Reflexivität möglich bleibt. Immer schön nachdenklich bleiben, mit und vor allem auch ohne KI: So ungefähr scheint Mundhenkes Geschäftsmodell in der persönlichen Grundeinstellung ausgerichtet zu sein, im Kleinen das beherzigen, was im Großen an politischer Regelsetzung kaum geleistet werden kann. Luhmanns Skepsis gegenüber gesellschaftlicher Steuerung scheint hier besonders relevant: Das erklärt die Ratlosigkeit regulatorischer Ansätze wie den sogenannten „AI Act“ der Europäischen Union, der künstliche Intelligenz einhegen will. Politik versucht externe Steuerung, stößt aber auf geschlossene Systeme, die zwar Offenheit suggerieren, aber ihre Regeln selbst bestimmen. Mundhenkes Technik-Evangelismus mit der Kernaussage, dass der Mensch das letzte Wort haben muss und „Humanitas“ der entscheidende Maßstab ist, macht auch ihn zu einem Verbündeten des Papstes. Und er ist bei Weitem nicht der Einzige. Das Beobachtungs-Tool „Google Trends“ weist die frische Enzyklika des Papstes als ein Thema aus, das auf riesiges Interesse im weltweiten Netz stößt. Wann hat zuletzt ein Lehrschreiben des Papstes die Menschheit in dieser Weise bewegt? Der Papst hat eine Lücke in der Werteversorgung der digitalen Welt erkannt – und er hat sie entscheidend besetzt.
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