Goslar

„1.100 Jahre Goslar“: Auf den Spuren des verlorenen Doms

„Wo Kaiser ihr Herz verlieren“: Eine über die ganze Stadt verteilte Sonderausstellung feiert „1.100 Jahre Goslar“.
Die Architektur der Neuwerk-Kirche
Foto: ret | Goslar: Die Architektur der Neuwerk-Kirche sieht noch so aus wie zur Zeit ihrer Erbauung im 12. und 13. Jahrhundert. Wohl einzigartig sind die „Ösen“ ausbildenden Pfeilervorlagen.

Wer hätte das gedacht? Das beschauliche Goslar ist eine Stadt der Superlative. Ihre Kaiserpfalz ist Deutschlands größter und am besten erhaltener Profanbau des 11. Jahrhunderts. Vor dem historischen Rathaus steht der größte Bronzeguss der Romanik: Die untere Schale des Marktbrunnens. Ihr Kupfer stammt von der ehemals größten Erzlagerstätte Europas: dem Rammelsberg.

Das Bergwerk Rammelsberg, die Kaiserpfalz und die Innenstadt mit ihren fünf alten Kirchen und 1 500 weiteren historischen Gebäuden sind UNESCO-Weltkulturerbe. Nun feiert die 50 000-Einwohner-Stadt ihr stolzes Alter mit der Sonderausstellung „1 100 Jahre Goslar – Mit Erfolg gebaut“. Sie wird in der Kaiserpfalz, dem Goslarer Museum und im Museum Besucherbergwerk Rammelsberg präsentiert. Tatsächlich aber erstreckt sie sich über die ganze Stadt. In ihr sind zahlreiche Bauwerke als Außenstationen der Sonderschau kenntlich gemacht.

„ Erhalten ist nur die zur Zeit Friedrich Barbarossas errichtete Vorhalle.
Bis heute trauern die Goslarer ihrem so schmählich vernachlässigten Dom nach“

Nachdem die Bergleute über 3 000 Jahre am Rammelsberg Kupfer, Blei und Zink, Silber und Gold gewonnen hatten, waren die Lager erschöpft. Die Stadt wandelte die 1988 geschlossenen Anlagen in ein Museum und ein Besucherbergwerk um. In der Dauerausstellung erfährt man, dass das Kupfer für mehrere herausragende uralte Werke der Kirchenkunst vom Rammelsberg stammt. Im Essener Dom steht die älteste Nachbildung des jüdischen Tempelleuchters, gestiftet von der 971 bis 1011 amtierenden Äbtissin Mathilde.

Ihr Zeitgenosse Bischof Bernward von Hildesheim ließ für den Dom die ältesten figürlichen Bronzetüren des Mittelalters gießen. Die Rammelsberger Sonderschau wiederum stellt uns vier Wohnviertel vor, die enge Beziehungen zum Erzbergwerk aufweisen. Etwa das gen Rammelsberg ansteigende Frankenberger Viertel. Über den Fachwerkhäusern, von denen viele von oben bis unten dekorativ mit Schiefer verkleidet sind, steht die einst in die Stadtbefestigung einbezogene Kirche der Berg- und Hüttenleute: St. Peter und Paul. Ein bemerkenswertes Detail in der evangelisch-lutherischen Kirche sind die an der Brüstung der „Bergmannsprieche“ genannten Empore angebrachten Relieffiguren aus dem Jahr 1689. Sie demonstrieren Harmonie über Konfessionsgrenzen hinweg: Luther und Melanchthon flankieren den katholischen Kaiser.

Am Vorbild des Domes orientieren sich die Kirchen

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Die in die Kaiserpfalz eingezogene Sonderschau blickt zurück auf das 11. bis 13. Jahrhundert, in denen Könige und Kaiser Goslar durch ihre zahlreichen Aufenthalte zu einem Herrschaftszentrum des Reiches erhoben. Wie ein Chronist schildert Kurator Jan Habermann auf zahlreichen Textfahnen die konfliktreichen Ereignisse, in denen Gegenkönige und streitsüchtige oder ergebene Päpste auftreten.
In ihren ältesten Bauteilen geht die Kaiserpfalz auf Kaiser Heinrich III. zurück, der von 1039 vis 1056 regierte. Letzte mittelalterliche Baumaßnahmen veranlasste Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1152 bis 1190). Nachdem die Preußen 1866 das Königreich Hannover annektiert hatten, ließen sie die baufällige Kaiserpfalz restaurieren und mit architektonischen Zutaten versehen.

Sehenswert ist auch die an die Kaiserpfalz angrenzende, dem heiligen Augsburger Bischof Ulrich geweihte Doppelkapelle. In der unteren Etage bedeckt eine figürliche Grabplatte das in einer Kapsel ruhende Herz Kaiser Heinrichs III. Darauf spielt das Motto der 1 100-Jahr-Feiern an: „Wo Kaiser ihr Herz verlieren“.
Während der Körper Heinrichs III. im Speyerer Dom bestattet ist, war der ursprüngliche Aufbewahrungsort der Grabplatte und des Herzens die von ihm in Goslar gestiftete Kirche St. Simon und Judas. Der Stadtrat verkaufte das als „Goslarer Dom“ berühmte Gebäude 1819 wegen Baufälligkeit. Bis 1822 waren seine Steine zwecks Wiederverwendung abgetragen. Erhalten ist nur die zur Zeit Friedrich Barbarossas errichtete Vorhalle. Bis heute trauern die Goslarer ihrem so schmählich vernachlässigten Dom nach. Ihm ist der dritte Teil der Sonderschau gewidmet.

Eine eindrucksvolle Lichterscheinung

Das Goslarer Museum präsentiert historische Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken des untergegangenen Bauwerks. Im „Domraum“ der Dauerschau sind überdies Kunstwerke ausgestellt, die zu seiner Ausstattung gehörten. Unter ihnen ist der merkwürdigerweise nach einer heidnischen Gottheit benannte „Krodo-Altar“ aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine Berühmtheit. Seine Wände aus teilweise vergoldeter Bronze weisen Öffnungen auf, in die einst Schmuckscheiben eingesetzt waren. Der mit Kerzen von innen beleuchtete Krodo-Altar muss den Dom um eindrucksvolle Lichterscheinungen bereichert haben.

Am architektonischen Vorbild des Doms orientieren sich alle anderen alten Kirchen Goslars. Ihr auffälligstes Merkmal ist der westliche Querriegel, dem zwei Türme aufgesetzt sind. Die 1086 St. Jakobus dem Älteren geweihte Kirche ist die älteste der Stadt. Ab 1529 war sie evangelisch-lutherisch, seit 1803 ist sie wieder katholisch

Am Portal zu sehen: der Kampf zwischen Gut und Böse

Der in üppigen barocken Formen schwelgende Hauptaltar und die beiden Nebenaltäre stammen aus dem ehemaligen Kloster Riechenberg. Unbedingt ansehen sollte man sich die heute evangelische Neuwerkkirche. Das im 12. und 13. Jahrhundert erbaute ehemalige Gotteshaus eines Nonnenklosters hat sich sein ursprüngliches architektonisches Aussehen bewahrt. Einzigartig in der Baugeschichte scheinen die vier Ösen an den Hauptpfeilern zu sein. Sie sind dadurch entstanden, dass sich die den Pfeilern vorgelagerten Halbsäulchen hoch oben von diesen bogenförmig lösen und dann wieder anschließen. Die vier Ösen sorgen dafür, dass in der Neuwerkkirche symbolisch der Kampf zwischen Gut und Böse tobt.

Das Böse verkörpern der an der südwestlichen Öse prangende Teufelskopf und die in der südöstlichen hängende steinerne Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Die nördlichen Ösen aber beschwören das Gute. An der einen ist der gefährliche Ungeheuer verzehrende „Gesegnete“ dargestellt, während in der anderen zum Zeichen des siegreichen Guten ein steinerner Kranz hängt.


Die dreiteilige Sonderschau läuft bis 20.11.2022 im Museum Besucherbergwerk Rammelsberg täglich 9-18 Uhr,
in der Kaiserpfalz und im Goslarer Museum Di.-So. 10-17 Uhr. Informationen: www.1100jahre.goslar.de

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