Kommentar um "5 vor 12"

Missbrauchs-Trauerspiel: Kein Ende in Sicht

Pleiten, Pech und Pannen bei der Aufarbeitung bischöflicher Fehltritte rauben auch dem langmütigsten Gläubigen noch das letzte Bisschen Geduld.
Eric de Moulins-Beaufort
Foto: Charly Triballeau (AFP) | Eric de Moulins-Beaufort, Erzbischof von Reims und Präsident der «Conference des Eveques de France» (Französische Bischofskonferenz), bei einer Pressekonferenz nachdem der ehemalige Vorsitzende der Bischofskonferenz ...

Wenn auch die katechismus- und papsttreuesten Katholiken endgültig die Nase voll haben, dann brennt tatsächlich die Hütte. Nach der gestern veröffentlichten Selbstanzeige des französischen Kardinals Jean-Pierre Ricard wegen „verwerflichen Verhaltens“ gegenüber einer 14-Jährigen ist es im Nachbarland soweit. Die heillos überfordert wirkenden Bischöfe könnten einem leidtun, wenn man nicht gleichzeitig so stinksauer wäre: Das ist der Eindruck, der unter französischen Gläubigen mittlerweile vorherrscht.

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Zahlreiche Ermittlungen

Insgesamt 11 französische Bischöfe sind oder waren Gegenstand einer strafrechtlichen Untersuchung in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch, teilte der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, der Reimser Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort gestern mit. Dass so viele Mitglieder eines Episkopats unmittelbar mit Missbrauchstaten in Beziehung stehen, ist schockierend, aber nicht überraschend. Ihre Taten lagen vor ihrer Zeit als Bischöfe. Beim massiven Aufkommen von Missbrauch in den letzten Jahrzehnten – der CIASE-Bericht spricht von 216.000 Opfern sexuellen Missbrauchs durch Kleriker – ist es rein rechnerisch kein Wunder, dass einige der Täter Bischöfe wurden. Dass dazu auch ein Kardinal gehört, ist schlichtweg zum Heulen. Eine kleine Anmerkung: Frankreich zählt über 100 Diözesen – Deutschland nur 27 – und endsprechend viele Bischöfe. Das darf man bei der Rechnung nicht vergessen.

Namentlich bekannt sind acht der elf Bischöfe, davon zwei wegen Vertuschung verurteilt, einer freigesprochen – Kardinal Barbarin. Die anderen fünf wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt oder in laufendem oder noch anstehendem Prozess. Einer ist verstorben, keiner mehr im Bischofsamt. Gegen drei weitere emeritierte Bischöfe laufen kirchen- und/oder zivilrechtliche Untersuchungen. Namen und Details sind der Öffentlichkeit unbekannt.

Hilflose Versuche

Über die schrecklichen Taten der Vergangenheit hinaus liegt das Trauerspiel heute weiterhin in den hilflosen Versuchen des Episkopats, reinen Tisch zu machen. Seit Wochen steht der französische Episkopat hart in der Kritik, weil die kirchenrechtlichen Sanktionen gegen den emeritierten Bischof Michel Santier nicht öffentlich gemacht und der Verurteilte zweimal bei öffentlichen Anlässen in seiner ehemaligen Diözese aufgetreten ist. Die Bischofskonferenz sei nicht in das Verfahren einbezogen worden, keiner der französischen Bischöfe habe alle Elemente in der Hand gehabt, es sei nicht klar gewesen, wer wen dann über was informieren sollte, Rom sei auch ein bisschen schuld. So lauteten die schwachen Erklärungen des Vorsitzenden der französischen Bischofskonferenz zum kommunikativen Desaster. 

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Das mag alles stimmen. Doch alle Beteuerungen, man wolle es in Zukunft besser machen, klingen wie Hohn angesichts der drei laufenden Untersuchungen, über deren Inhalte sich die Bischofskonferenz ausschweigt. Es liege am Generalstaatsanwalt, über die Verfahren zu kommunizieren oder nicht. Und Hopp, da ist die Verantwortung wieder weitergeschoben. Dabei ist eins klar: Diese drei Fälle anonym auf den Tisch zu bringen, ist geradezu eine Einladung an Journalisten, die drei Namen auszugraben. Genauso ist es im Fall Santier passiert. Jeder der drei Fälle wird vorhersehbar nach dem gleichen Drehbuch ablaufen: Schock, Empörung, Enttäuschung, Betroffenheitsrhetorik und weitere Willensbekundungen seitens der Bischöfe, Wut der Gläubigen und ein immer weitergehender Vertrauensverlust in die Kirche.

Dynamik stoppen

Dabei wäre jetzt der Moment, diese unselige Dynamik zu stoppen und selbst für Transparenz zu sorgen. Das ist keine leere Forderung zu Zwecken des Kirchen-Bashings, sondern es geht um Opferschutz. Der Fall Santier hat es erneut gezeigt: Erst auf die Berichterstattung hin haben sich weitere Betroffene gemeldet.

Der Schritt von Kardinal Ricard regt zum Nachdenken an. Zum ersten Mal – womöglich weltweit – zeigt sich ein kirchlicher Würdenträger selbst wegen sexuellen Missbrauchs an. Das ist man weder aus der Kirche, noch aus Politik und Gesellschaft gewohnt. Sein Fall wäre ohne sein Zutun womöglich nie ans Licht gekommen, er selbst als geachtete und geschätzte Figur der Kirche Frankreichs in die Geschichte eingegangen. Seine Tat ist durch nichts zu entschuldigen, aber offensichtlich hat er erkannt, dass die Wahrheit, das Leid der Opfer und ja, vielleicht auch sein Seelenheil, schwerer wiegen als sein Ruf. Vielleicht ist es doch nicht naiv, zu glauben, dass weitere Täter zu echter Reue fähig sind und entsprechende Konsequenzen ziehen. Vielleicht können einfache Gläubige genau dafür beten. 

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Franziska Harter Erzbischöfe Kirchenrecht

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