Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Katholisches Hochfest der Türkei

Der Lobgesang Mariens, der Lobgesang der Wahrheit

Wie türkische Katholiken das Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel feiern: Eindrücke von der Wallfahrt zum Haus der heiligen Maria in Ephesus.
Wallfahrt zum Haus der heiligen Maria
Foto: Nathalie Ritzmann | Erzbischof Delpini (r.) aus Mailand predigte über die scheinbaren Wahrheiten der Welt und den riesigen roten Drachen aus der Apokalypse des Johannes.

Es gibt wohl keinen friedlicheren Ort in der Türkei, als das Haus, in dem die heilige Maria lebte, und die Umgebung, in der sie spazierte und betete. In einem Naturpark mit Kieferwäldern auf der Spitze des Aladağ (griech. Salmissos) in der Nähe des Bülbül Dağ (Nachtigallenberg) im Westen der heutigen Türkei in der Nähe des antiken Ephesus (heute Selçuk) und südlich der Metropole İzmir (dem biblischen Smyrna) auf 420 Metern Höhe über dem Meeresspiegel mit Blick auf das blau schillernde Wasser des Mittelmeeres liegt das Steinhaus, in dem die Mutter von Jesus Christus wohnte und sich an die Kreuzigung ihres Sohnes erinnerte. Hier betete sie auch für den Erfolg der Missionsreisen der Apostel.

Der 15. August ist der nationale katholische Feiertag der Türkei, den die Wallfahrer aus dem In- und Ausland gemeinsam feiern. Sehr gut organisiert fahren Busse aus dem gesamten Land und bringen einen Teil der nur 10.000 Katholiken großen katholischen Gemeinde in der schönen Türkei zum Haus der heiligen Maria.

Auch viele Muslime sind anwesend

Als der Erzmärtyrer Stephan schon gestorben war und die Verfolgung der Judenchristen in Jerusalem immer stärker wurde, hatte der Evangelist und Apostel Johannes, der Lieblingsschüler Jesu, dem der Herr seine Mutter anvertraut hatte, eine große Sorge, denn die Verhaftung der Jungfrau Maria war nicht mehr auszuschließen. Der heilige Johannes verließ Jerusalem und ging mit ihr in die damals drittgrößte Stadt des römischen Reiches, nach Ephesus, in der vermutlich 200.000 Menschen lebten und wo es bereits Fußbodenheizungen in den Villen gab. Auch dort gab es Verfolger, wie die Apostelgeschichte es uns berichtet, und so brachte man die heilige Maria zu dem besagten Steinhaus, neun Kilometer von Ephesus entfernt, zusammen mit einigen christlichen Begleitern, unter denen sich vermutlich auch ihre Magd Maria von Magdala befand. Münzfunde und archäologische Untersuchungen belegten, dass das Fundament des Hauses aus dem 1. Jahrhundert stammt.

Lesen Sie auch:

Und heute sind wir da, vielleicht 3.000 Christen, die wissen, dass Jesus Christus an einem Freitag am Kreuz starb, vor dem Angesicht seiner Mutter, die die ganze Zeit bei ihrem Sohn war, und an einem Sonntag von den Toten auferstand. Aber auch viele Muslime sind anwesend, denn die Muslime verehren die ‚Meryem Ana‘ (Mutter Maria) ebenso wie Katholiken. Die Verehrung der ‚Meryem‘ wird dadurch sichtbar, da sie die einzige Frau ist, welche im gesamten Koran namentlich genannt wird. Auch die jungfräuliche Empfängnis wird dort entsprechend unserer Bibel wiedergegeben. 

Die Atmosphäre auf dem Gelände des Marienschreins ist einzigartig friedlich und besinnlich. Alle Pilger spüren, dass heute etwas Heiliges geschieht. Das Gelände ist klein, die Menschen sind etwas gedrängt und voller Freude. Die Pilger singen und beten türkische und internationale Rosenkränze unter der Leitung der Kapuzinerpriester und den Laienschwestern aus Italien, den ‚Sorelle di Maria e dell’Apostolo Giovanni‘ (Schwestern Mariens und des Apostels Johannes) aus Salerno in Italien. 

Sie feiern jeden Tag die heilige Messe

Der Rektor des Marienschreins, Pater Robert Bondea, lebt seit 2018 an diesem Ort. Er und seine Mitbrüder reden mit christlichen Pilgern und Besuchern aus aller Welt, hören Beichten und feiern jeden Tag die heilige Messe. Pater Robert weiß von den vielen Gebetsanliegen und erzählt, dass die mit Abstand wichtigste anvertraute Bitte das Geschenk des Lebens für Ehepaare sei, welche sich nach einem gemeinsamen Kind sehnen. Die Frauen und Ehepaare, die hierher pilgern, glauben an die Kultur des Lebens, sowohl Christen als auch Muslime. Sie wissen genau, trotz scheinbar „moderner“ Ansichten, dass ein Kind ein Gottesgeschenk und die Ehe etwas Heiliges ist. Die Votivgaben im Haus der heiligen Maria belegen diese und viele andere Gebetsanhörungen. 

Es ist heute ein sonniger aber nicht zu heißer Tag mit viel Vogelgezwitscher und zirpenden Grillen. Die zahlreichen Busse werden effizient geparkt und die Wallfahrer strömen in den Garten des Hauses der heiligen Maria. Um 10 Uhr werden Brote und Speisen gesegnet und im Anschluss findet die heilige Messe statt, welche mit zahlreichen Lautsprechern übertragen wird. Viele Bänke sind aufgestellt, um sich auszuruhen und zu speisen. Die Stimmung erinnert an Fátima, nur ohne den riesigen Platz, dafür gemütlich überschaubar, inmitten der vielen Blumensträucher, Kiefern- und Olivenbäumen. Es ist ein Tag, der uns an die Ferientage unserer Kindheit erinnert.

Heute sind auch dabei: der Erzbischof von İzmir, Martin Kmetec, und als Gäste Erzbischof Mario Delpini aus Mailand sowie der emeritierte chaldäisch-katholische Erzbischof des Iran, Ramzi Garmou, sowie aus dem Presbyterium und der Schwesternschaft der drei türkischen Diözesen İzmir, İstanbul und Anatolien. Erzbischof Delpini predigte über die scheinbaren Wahrheiten der Welt und den riesigen roten Drachen aus der Apokalypse des Johannes. Dem stellt sich die heilige Maria „singend“ entgegen. Gegen das Offensichtliche, Deprimierende und Unbestreitbare, das der Feind des Guten verkündet, erhebt sich im Herzen der Geschichte ein Lobgesang, ein Freudengesang, der den Kopf hebt, das Herz weitet, Lächeln sät und uns zum Singen einlädt. Überall auf der Erde erklingt das Echo der riesigen Menschenmenge, die niemand zählen kann, ein fröhliches Lied, ein unzähliger Chor von Männern, Frauen, Kindern, aus jeder Sprache und jedem Volk. Es ist der Lobgesang Mariens zugleich der Lobgesang der Wahrheit.

Der wichtigste Besucher der letzten Jahre: Papst Benedikt XVI.

Der wichtigste Besucher der letzten Jahre war sicher Papst Benedikt XVI., der während seiner Apostolischen Reise in der Türkei am Dienstag, 28. November 2006, den Marienschrein besuchte und mit vielen Gläubigen eine heilige Messe feierte. Seine Predigt, die auf „den Dialog zwischen Muslimen und Christen […] in Respekt und in Freundschaft“ verweis, endete damals mit den türkischen Worten “Aziz Meryem Mesih’in Annesi, bizim için Dua et. Amen.” („Heilige Maria, Gottesmutter, bitte für uns. Amen.“)

Und dieser Ort war sicher ideal für dieses Anliegen. Denn dieser Marienschrein ist der einzige Ort, wo die heilige Maria nicht nur erschien, wie zum Beispiel im bereits genannten Fátima, oder in Lourdes oder Guadalupe, sondern, wo sie selbst auch lebte und den Boden berührte, vermutlich in den Jahren AD 40 bis 48. Und dieser Boden befindet sich heute in einem islamisch-geprägten Land. 

Dass die von jedem Makel der Erbsünde befreite Jungfrau Maria vor ihrer Entschlafung nach Jerusalem reiste, wird von der „Jerusalemer Tradition“ angenommen, weswegen dort auch die Dormitio-Basilika auf dem Berg Zion existiert. Die „Epheser Tradition“, welche vom Vatikan seit 1950 favorisiert wird, nimmt dagegen an, dass die Jungfrau Maria in ihrem Haus, vielleicht sogar in ihrem Schlafzimmer, dem Raum rechts vom Altar, entschlief, aus Sehnsucht nach ihrem Sohn im Himmel, welche sie erschöpfte und altern ließ. Wunderbar wird diese Sehnsucht nach Jesus von der Ikone im Haus der heiligen Maria beschrieben, die ihre Hände nach ihrem Sohn ausstreckt, welche von Schwester Ampelia Theyerl OSB im Jahre 1991 geschrieben wurde. Nach der „Epheser-Tradition“ trugen dann Engel die Gottesmutter von diesem Haus hinauf in den Himmel, so wie es die seliggesprochene Mystikerin Anna Katharina Emmerick in ihrem sehr schönen Buch „Leben der heiligen Jungfrau Maria“ (Kap. 84) beschrieb. 

„Pforte der All-Heiligkeit“

Am 1. November 1950 formalisierte Papst Pius XII. mit der Apostolischen Konstitution „Munificentissimus Deus“ was bereits „ewig“ Teil des Glaubensgutes des Gottesvolkes war in Gestalt des katholischen Dogmas der „leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel“. Es besagt, dass „die makellose Gottesmutter, die allzeit reine Jungfrau Maria, nach Vollendung ihrer irdischen Lebensbahn mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde“. Der Wunsch nach Verkündigung dieses Dogmas, welcher unter anderem im 1. Vatikanischen Konzil (1871) artikuliert wurde, war mit zahlreichen Gründen versehen, von denen zwei erwähnenswert sind: Zum einen wurde auf die Aufnahme Elijahs in den Himmel (2 Kön 2,11) verwiesen, zum anderen auf die Tatsache, dass seit Menschengedenken keine einzige Reliquie von der heiligen Maria existiert, zumal jede Kirche sich mit dieser geschmückt und selbige behütet hätte, falls es sie jemals gegeben hätte. Weitere Gründe für Ephesus waren geographische Hinweise aus der Apostelgeschichte, die Existenz der damals monumentalen Basilika des heiligen Johannes mit dessen Grab sowie die Marienkirche, wo AD 431 im Konzil von Ephesus das Dogma der Gottesmutterschaft verkündet wurde und seither immer gefeiert wurde. Bei diesem Anlass wurde auch das älteste bekannte Mariengebet „Sub Tuum Praesidium“ gebetet.

Alle Christen danken Schwester Marie de Mandat-Grancey (1837-1915), von den Töchtern der christlichen Liebe aus der Vinzentinischen Familie, die das Grundstück mit ihrem Erbanteil am 14. November 1892 erwarb, um es der heiligen Kirche zu vermachen. Mutig war sie sofort von der Bedeutung des eingefallenen Steinhauses überzeugt, als sie es 1891 zum ersten Mal besuchte. Von den einheimischen orthodoxen Christen, die in den weiter entfernten Bergen inmitten von Olivenwäldern lebten, erfuhren die Katholiken, die diesen Ort gerade „entdeckt“ hatten, dass die orthodoxen Christen schon seit ewigen Zeiten jedes Jahr am 15. August eine Wallfahrt zu diesem Ort machten, den sie ‚Panaghia-Kapouli’ nannten. Denn der Ort, wo die heilige Maria lebte und nach ihrer Entschlafung der Himmel über dem Berg öffnete, und sich ein Lichtstrahl senkte, wurde „Pforte der All-Heiligkeit“ genannt, so die Übersetzung des griechischen Ausdrucks. Einst schuf die Jungfrau Maria mit ihrem „Ja“ zum Erzengel Gabriel die Brücke zwischen dem Himmel und den Menschen auf der Erde. Ebenso vereinigten sich Himmel und Erde bei ihrer Entschlafung als sich hier der Himmel öffnete und die Seele und den Leib der Jungfrau, getragen von Engeln, aufnahm.

Im Haus der heiligen Maria befindet sich eine Statue der Gottesmutter auf dem Altar, deren ausgestreckten Hände einst von Unbekannten abgeschlagen wurden. In einer Zeit der Sehnsucht nach Helden, die die Welt retten sollen, leihen wir unsere Hände der Gottesmutter Maria, denn mit unserer Hände Kraft vereint mit ihren Fürbitten kann alles gelingen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Julian K. Falkenberg Apostelgeschichte Christen in der Türkei Jesus Christus Johannes der Täufer Katholikinnen und Katholiken Mariä Aufnahme in den Himmel Mutter Gottes Pius XII. Vatikanisches Konzil

Weitere Artikel

Pietro Bernardo Paganelli war der erste Zisterzienserpapst und musste als Papst Eugen gegen republikanische Kräfte kämpfen. Eine Allianz mit dem Staufern half dem Pontifex.
08.07.2024, 05 Uhr
Claudia Kock

Kirche

Im Jahr 2025 jährt sich das Erste Ökumenische Konzil von Nizäa zum 1700. Mal. Ein Gespräch mit dem Kirchenhistoriker Michael Fiedrowicz über die Streitkultur der frühen Kirche.
13.07.2024, 09 Uhr
Regina Einig
Das Wiener „Institut für Islamisch-Theologische Studien“ wird jetzt ein Teil der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Wien.
12.07.2024, 07 Uhr
Stephan Baier