Gründonnerstag

Das Mahl, die Nacht und die Angst

Durch die Feier des Gründonnerstags wird das Opfer Christi spürbare Gegenwart. Doch nicht nur erreicht er uns mit seinem Opfer. Mit unserem Bleiben bei ihm und mit unserer Liebe können wir ihn trösten.
Das letzte Abendmahl
Foto: Imago Images | Die Jünger versammeln sich mit Jesus zum Paschamahl. Noch bevor sie es begehen, wird deutlich, dass einer von ihnen Jesus verraten wird.

Der Gründonnerstag ist eine Liturgie mit offenem Ende. Dass die Feier an diesem Tag keinen Abschluss findet, hat einen tiefen Sinn. Denn so verbindet sich das, was in diesem sehr alten, in die verborgenen Seelenschichten hineinwirkenden Ritual geschieht unmittelbar mit der Gegenwart. Um zu verstehen, worum es geht, müssen wir uns den Ablauf dessen vor Augen führen, was sich an diesem Abend ereignet hat.

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Bin ich es, der verraten wird?

Die Jünger versammeln sich mit Jesus zum Paschamahl. Noch bevor sie es begehen, wird deutlich, dass einer von ihnen Jesus verraten wird. Es ist keine unbefangen fröhliche Gesellschaft, die hier zusammensitzt. Die Gemeinschaft ist vielmehr geprägt von einem Riss und von dem Wissen Jesu, dass dieses letzte Abendmahl in die Nacht vor seinem Tod münden wird. Obwohl alle gemeinsam am Tisch sitzen, ist die Einsamkeit jedes Einzelnen spürbar. Sie konkretisiert sich in der Frage: Bin ich es, der dich verraten wird?
 
Sie, die Apostel, die engsten Wegbegleiter Jesu, die er in dieser Stunde als Priester und Bischöfe einsetzen wird, sind sich ihrer Treue nicht sicher. Sie spüren vielmehr die Grenzen ihrer Fähigkeit, ihm ähnlich zu werden, dem nachzufolgen sie sich entschlossen und für den sie alles hinter sich gelassen haben. Ihre Unsicherheit ist ein Echo der Traurigkeit Jesu, der die ersten Schatten der Finsternis, in die er nach dem Mahl hineingehen wird, bereits wahrnimmt.

Das Bewusstsein des nahen Sterbens verändert den Blick auf die Welt. Er wird abschiedlich. In dem, der ihn wagt, ordnet sich die Liebe, scheidet sich Wesentliches von dem, was verzichtbar ist. Mehr noch, es wird deutlich, dass von jedem Einzelnen von uns in dieser Stunde der vollkommene Verzicht gefordert sein wird. Wir werden uns mit diesem Leben von allem trennen müssen, was uns lieb ist. 

Ein unermesslich großes Geschenk

Der heilige Papst Johannes Paul II. hat einmal gesagt: „Gerade das will Gott mit dem Tod: dass wir uns wenigstens in dieser einen hohen Stunde unseres Lebens ganz in seine Liebe fallen lassen ohne jede andere Sicherheit als eben diese seine Liebe.“ Die Verwüstung des Altares, das Leerwerden, mit dem die Liturgie des Gründonnerstags in die Ölbergnacht übergeht, versinnbildlicht genau dieses Loslassen. Das, was bleibt, ist das Alleinsein, die Dunkelheit, die Todesangst.

Dass Jesus für uns in diese Nacht hineinging, ist ein unermesslich großes Geschenk. Er, der das Licht ist, das in der Finsternis leuchtet, lässt sich auf die Nachtschwärze unserer Sünden ein. Das ist keine Kleinigkeit. Denn in diesem Augenblick erlebt er, der Gott und Mensch zugleich ist, die radikale Inkarnation, entledigt sich des Schutzes seines Gottseins und taucht in die Tiefe der Angst der menschlichen Natur vor dem Leiden ein. Die Freunde, die er bittet, mit ihm zu wachen, Petrus, Jakobus und Johannes, jene drei, die auf dem Berg der Verklärung dabei waren, bestehen die Prüfung nicht. Die Jünger verschlafen, wie Karol Wojtyla als Erzbischof von Krakau an Papst Paul VI. schrieb. 

Die sühnende Teilhabe an der Passion Christi wagen

Und genau dies gibt uns heute, worauf der spätere Papst Johannes Paul II. damals hinwies, die Gelegenheit, die verpasste Chance nachzuholen. Das ist es, was heute jeder Einzelne tun kann.  Denn durch die Feier des Gründonnerstags wird das Opfer Christi, sein Gang auf den Ölberg, spürbare Gegenwart. Daran teilzunehmen bedeutet, die sühnende Teilhabe an der Passion Christi zu wagen. Was sie bewirkt, zeigt das Leben des Franz von Assisi. „Warum weinst du?“, fragte ihn ein Wanderer. Darauf der Heilige: „Die Liebe wird nicht geliebt…“.

Und genau hier können wir aktiv werden. Denn unser Mitleiden macht für Jesus Christus in der Dunkelheit der Todesangst im Garten von Gethsemane den entscheidenden Unterschied. So, wie er uns mit seinem Opfer erreicht, können wir ihn mit unserem Bleiben bei ihm und mit unserer Liebe trösten. „Meine Tochter, wisse, dass deine lebendige Liebe und das Mitgefühl Mir Trost im Ölgarten waren“, sagt Jesus der heiligen Faustyna während der Anbetung. Die Stunde ist da. Bleiben wir hier, wachend, betend, liebend.

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Barbara Stühlmeyer Bischöfe Eucharistie Franz von Assisi Geistliche und Priester Jesus Christus Johannes Paul II. Liturgie Passion Paul VI. Päpste Todesangst

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