Vom Cyberspace bis zur Pfarrei-Kleingruppe: In vielen Bereichen erlebten die religiösen Gemeinschaften in der Volksrepublik China während der letzten zwölf Monate neue behördliche Einschränkungen. Wie schon seit Jahrzehnten kontrolliert der Parteistaat die fünf staatlich zugelassenen Religionen – Buddhisten, Daoisten, Muslime, Protestanten und Katholiken – mit Hilfe ihrer behördlich sanktionierten offiziellen Dachverbände. Es gibt ein engmaschiges System von Verwaltungsverordnungen, welche die kollektive Religionsausübung umfassend und detailliert regeln, unter anderem durch eine Registrierungspflicht für religiöses Personal und religiöse Stätten. Gleichzeitig versucht der Staat zunehmend, die Religionen auch ideologisch zu vereinnahmen, sie zu „sinisieren“, wie ein zentrales religionspolitisches Schlagwort der Ära Xi Jinping lautet.
Welche Handlungsoptionen haben christliche Gemeinden in China in diesem Kontext? Das kommt ganz auf den Sachverhalt an, wie die folgenden Beispiele aus der katholischen Kirche zeigen. Während manchmal Konformität als sinnvollste Option erscheint, können in anderen Fällen durch Kreativität und flexible Nutzung von Chancen Spielräume erweitert werden. In wieder anderen Situationen müssen Grundlinien des Glaubens verteidigt werden.
Vor den Kirchen hängen „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“
Religionspolitische Forderungen staatlicher Stellen werden von den Gemeinden oft umgesetzt, solange Belange des Glaubens nicht direkt berührt sind. Man möchte unnötigen Ärger mit den Behörden vermeiden. Dies gilt besonders dann, wenn es sich um Anweisungen von zentraler Ebene handelt und die lokalen Kader daher nicht „ein Auge zudrücken“ können. Ein gutes Beispiel sind die Landesflaggen: Auf behördliche Weisung wehen sie inzwischen überall vor Kirchen, Tempeln und Moscheen. Vor den Kirchen müssen zudem die „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ ausgehängt werden.
Weitgehend unvermeidlich sind auch die Überwachungskameras, oft mit Gesichtserkennung, die inzwischen an vielen Kirchentüren installiert sind. Sie sind nur einer der Bausteine der digitalen Kontrolle, die mithilfe Künstlicher Intelligenz immer umfassender wird. Priester, aber auch Schwestern und in der Gemeindeleitung engagierte Laien können sich den vielen politischen Sitzungen und Schulungen, zu denen sie verpflichtet werden, kaum entziehen. Seit einem Jahr werden alle fünf Religionen landesweit der Religionserziehungskampagne „Die Rechtsnormen studieren, religiöse Disziplin wahren, Selbstkultivierung betonen, ein gutes Image aufbauen“ unterzogen. Manche Pfarrer klagen, dass ihnen nicht mehr genug Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben in der Gemeinde bleibt.
Kreativer Umgang mit den Vorgaben
Handlungsspielräume für die Glaubensverkündigung zu schaffen, indem politische Konzepte christlich uminterpretiert werden, ist eine Strategie, die Gemeinden immer wieder anwenden. Unter der von Präsident Xi Jinping ab 2015 lancierten Politik der Sinisierung sollen Christen – im Sinne der kulturellen Integration – etwa auch das traditionelle Qingming-Fest begehen, an dem Chinesen ihrer verstorbenen Ahnen gedenken. Im vergangenen Jahr nutzten mehrere Pfarreien im Bistum Tangshan dieses Fest zu einer Veranstaltung für junge Erwachsene mit dem Thema „Von den Tugenden unserer Ahnen erzählen“. Dabei berichteten junge Katholiken, wie auf der chinesischen katholischen Website Xinde (Faith) zu lesen war, teilweise sehr emotional vom Glaubenszeugnis ihrer verstorbenen Verwandten, und die Pfarrer sprachen über Menschen, die Vorbilder für ihre Berufung waren. So wurde der Sinisierung formal Genüge getan, aber in einer Weise, die die jungen Katholiken zum Einsatz für ihren Glauben motivieren sollte.
Ein anderes Beispiel: Der von Xi Jinping popularisierte Leitspruch „Vergesst die ursprünglichen Intentionen nicht, haltet an der Mission fest“ soll Parteimitglieder ermahnen, den Gründungsidealen der Kommunistischen Partei treu zu bleiben. Dieser Parteislogan wird neuerdings auch von kirchlichen Gruppen häufiger benutzt – mit abgewandeltem, religiösem Sinn. So stand im Vorjahr ein Aktionstag für die Priester und Schwestern des Bistums Taiyuan unter dem Motto „Vor dem Altar die ursprüngliche Intention neu entzünden“. Ortsbischof Meng Ningyou ermahnte alle mit den Worten: „Vergesst eure ursprüngliche Intention der Nachfolge Christi nicht und haltet an eurer Mission fest, das Evangelium zu verkünden!“ Diese eigenwillige Neuinterpretation des Slogans lässt sich als Annäherung und Abgrenzung zugleich verstehen: Man verwendet den von der Partei geprägten Begriff, hat aber eine eigene „ursprüngliche Intention“.

Beeindruckend ist die Fähigkeit katholischer Gemeinden, Handlungschancen zu erkennen und zu ergreifen. Hierzu ein Beispiel aus dem Bereich der weltkirchlichen Beziehungen. Die chinesische Führung kontrolliert strikt die Auslandskontakte der Kirche. Sie fürchtet „religiöse Infiltration“. Laut Verfassung dürfen die religiösen Organisationen und Angelegenheiten Chinas „von keiner ausländischen Kraft“ – wie etwa dem Vatikan – „beherrscht“ werden. Die chinesischen Bischöfe haben beispielsweise keine regulären Möglichkeiten, mit dem Vatikan zu kommunizieren. Seit Ende 2025 müssen alle Kleriker und Ordensfrauen ihre Reisepässe zur Verwahrung abgeben, sie erhalten sie nur für die Zeit genehmigter Auslandsreisen mit festem Programm zurück.
Als nun im Frühjahr 2025 Papst Franziskus starb und Papst Leo XVI. gewählt wurde, unterbanden die Behörden öffentliche Trauer- und Freudenbekundungen der chinesischen Katholiken, auch in den sozialen Medien. Dafür nutzten die Diözesen und Gemeinden im gleichen Jahr sehr ausgiebig die Chance, das noch von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr zu begehen und auf diese Weise ihre Zugehörigkeit zur Weltkirche zu zeigen. Dabei scheint es keine Restriktionen gegeben zu haben. Das vatikanische Logo des Heiligen Jahres hing deutlich sichtbar überall in China über den Eingängen und in den Altarräumen katholischer Kirchen.
Auswege suchen, Rote Linien verteidigen
Wenn ein Weg verschlossen wird, versuchen die Gemeinden, auf Umwegen ans Ziel zu kommen – vor allem, wenn es sich um eine in ihren Augen wichtige Angelegenheit handelt. Ein Beispiel ist die kirchliche Jugendarbeit. Xi Jinping bezeichnet die ideologische Erziehung der Jugend als strategische Grundaufgabe der Partei; ein internes Parteipapier über die Verhinderung der religiösen Missionierung Minderjähriger aus dem Jahr 2025 schildert, wie künftig die Verbreitung von Religion in Schulen, Religionsgemeinschaften und selbst in den Familien unterbunden werden soll. Bis vor etwa acht Jahren konnten die Kirchen Religionsunterricht in Sommerlagern und Sonntagsschulen für Kinder und Jugendliche organisieren. Inzwischen verbieten die Behörden so gut wie überall im Land, dass Minderjährige in Moscheen, Kirchen und Tempeln an religiösen Zeremonien teilnehmen oder dass Religionsunterricht für sie organisiert wird.
Zu den Gegenmaßnahmen der katholischen Gemeinden zählen die Stärkung der Familien und die Fortbildung der Eltern. Eine Reihe von Diözesen hat bereits ein „Jahr der Familie“ durchgeführt. Weitere Strategien sind Religionsunterricht an entlegenen Orten, in Kleinstgruppen zu Hause, unterwegs im Reisebus oder Kindergottesdienste zu ungewöhnlichen Zeiten. Das ist nicht ohne Risiko. Es wurden schon Personen, die Religionsunterricht organisierten, von der Polizei in Arrest genommen, mit Konsequenzen für ihre persönliche Zukunft. Für die Kirchen ist es jedoch keine Option, auf die Weitergabe der christlichen Überzeugungen an die nächste Generation zu verzichten.

Vielleicht die größte Herausforderung ist aus kirchlicher Sicht, dass Partei und Staat im Rahmen der Sinisierungspolitik auch in die Lehren der Religionen einzugreifen versuchen. Hier braucht es theologische Integrität, Klugheit und Mut, um nötigenfalls Glaubensgrundlagen zu verteidigen. Beispielsweise werden die Religionen von parteistaatlicher Seite ermahnt, Inhalte ihrer kanonischen Schriften, die nicht dem „Fortschritt der Zeit“ entsprechen, mit Kommentaren zu versehen, zu korrigieren oder neu zu übersetzen. Bei der laufenden Neuübersetzung der Bibel müssen chinesische Theologen rote Linien ziehen, wenn es zu Manipulationsversuchen staatlicher Stellen kommen sollte, was bisher nicht bekannt ist, und die Treue zu den Urtexten sichern. Zum Glück hat die katholische Kirche in China international gut ausgebildete Exegeten, die dazu in der Lage sind. Die christlichen Kirchen sollen außerdem „sinisiertes theologisches Denken“ aufbauen. Landauf, landab finden unter Anleitung der Religionsbehörden Konferenzen zur Sinisierung der Theologie statt, bei denen passende Beiträge geliefert werden müssen. Von einzelnen Konferenzen wissen wir, dass die Vorträge meist unpolitisch waren, beispielsweise über die Chinamission der kulturell aufgeschlossenen Jesuiten des 17. Jahrhunderts oder zu kirchlicher Kunst und Architektur in China.
Dennoch, der permanente Druck, „Sinisiertes“ zu liefern, ist hoch. Dabei ist es ja auch ein innerkirchliches Anliegen, auf die Fragen der eigenen Zeit und Gesellschaft theologisch zu antworten. Könnte die staatliche Sinisierungspolitik die Herausbildung einer solchen Theologie fördern? Ein chinesischer Theologe schrieb hierzu skeptisch: „Was nun die künftige Entwicklung einer Religion angeht, so kann sie nur von ‚religiösen Menschen‘ sinnvoll angeleitet werden, denn nur sie verfügen über ein tiefes Verständnis des Geistes und Gehalts dieser Religion.“
Option Untergrund, Diaspora als Chance
Die Ausübung des Glaubens im Untergrund, außerhalb der staatlich kontrollierten Strukturen, war seit den 1950er Jahren die Option derjenigen chinesischen Katholiken, die aus Gewissensgründen die massive staatliche Einmischung in kirchliche Belange, inklusive Bischofsernennungen, nicht akzeptieren konnten. Diese Option gerät zunehmend unter Druck. Bis vor wenigen Jahren schätzte man, dass etwa die Hälfte der rund zehn Millionen chinesischen Katholiken dem Untergrund angehört. Seit 2018 gehen die Behörden verstärkt gegen nicht registrierte religiöse Gruppen vor, sie versuchen, auch die katholischen Untergrundgemeinschaften zu „transformieren“. Dabei benutzen sie das 2018 zwischen China und dem Vatikan geschlossene vorläufige Abkommen über Bischofsernennungen als Druckmittel.
Viele Katholiken im Untergrund fühlen sich daher von Rom im Stich gelassen. Inzwischen ist an vielen Orten die Mehrheit der ehemaligen Untergrundpriester, oft unter Zwang, zur offiziellen Seite gewechselt. 13 ehemalige Untergrundbischöfe sind bisher im Rahmen des Abkommens offiziell installiert worden, allerdings oft nicht als leitende Bischöfe, andere sind gestorben, so dass Ende 2025 unter den 99 festlandchinesischen Bischöfen nur noch zehn Untergrundbischöfe waren. Für die Laien ist es extrem schwierig, sich in dieser Umbruchsituation zu orientieren; es ist zu vermuten, dass nur ein Teil von ihnen den Priestern in die offiziellen, beim Staat registrierten Gemeinden folgt.

Chinesen haben eine jahrhundertealte Tradition, auch im Ausland Netzwerke zu bilden. Fast überall in Europa gibt es chinesische katholische (und noch viel mehr protestantische) Gemeinden; sie vernetzen sich allmählich. Unter ihnen sind Theologinnen und Theologen – übrigens aus dem Untergrund wie dem offiziellen Teil der Kirche –, die sich zum Studium oder längerfristig in Europa und anderswo aufhalten. Viele von ihnen tauschen sich regelmäßig auf Konferenzen über ihre theologischen Projekte aus. Paradoxerweise könnten also eines Tages von außerhalb Chinas wichtige Beiträge zur Entwicklung einer kontextualisierten chinesischen Theologie kommen.
Papst Leo XIV. führt bisher im Hinblick auf China die Linie seines Vorgängers fort. In den ersten 16 Monaten seiner Amtszeit wurden im Rahmen des Abkommens sieben chinesische Bischöfe geweiht und vier ehemalige Untergrundbischöfe entweder als Weihbischöfe oder als Emeriti auch staatlich anerkannt. Auch die bilateralen Gespräche wurden wieder aufgenommen. Papst Leo setzt also weiter auf Dialog. China wiederum hat offenbar seine anfängliche Befürchtung abgebaut, ein Papst aus den USA könnte den Weisungen der amerikanischen Politik unterstehen.
Die Optionen des Papstes
Jedoch hat sich Leo auch andere Optionen vorbehalten. Dies kann man der einzigen längeren Aussage entnehmen, die er bisher zu seiner künftigen Chinapolitik gemacht hat. Im September 2025 sagte er der Journalistin Elise Ann Allen, er werde kurzfristig die bisherige Politik des Heiligen Stuhls fortsetzen. Langfristig könne er noch nicht sagen, was er tun werde und was nicht. Im „fortgesetzten Dialog mit einigen Menschen, Chinesen, auf beiden Seiten einiger der Probleme“, versuche er, klarer zu erkennen, wie die Kirche bei ihrer Mission sowohl wichtige kulturelle und politische Fragen, aber auch „eine bedeutende Gruppe von chinesischen Katholiken (...), die viele Jahre lang unter einer Art Unterdrückung oder Schwierigkeit, ihren Glauben frei zu leben, gelebt haben“, berücksichtigen könne. Das heißt wohl, dass der Papst alle, auch die Katholiken im Untergrund, anhören möchte und Kurskorrekturen nicht ausschließt. Das Abkommen in seiner gegenwärtigen Form läuft noch bis 2028.
Robert Prevost hat China und die Kirche dort mindestens einmal besucht, in seiner Zeit als Generalprior des Augustinerordens. Kein Papst vor ihm verfügte über diese Erfahrung. Sie dürfte ihm dabei helfen, die Handlungsoptionen realistisch einzuschätzen. Die chinesischen Katholiken selbst aber müssen sich weiter der Herausforderung stellen, wie sie im konkreten soziopolitischen Kontext ihres Landes Zeugnis für Christus ablegen können.
Die Autorin ist Sinologin und Chefredakteurin der vom China-Zentrum in St. Augustin herausgegebenen Zeitschrift „China heute“.
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