Wolfgang Palaver gehört als Vorsitzender von Pax Christi Österreich zu den friedensbewegten Stimmen in der katholischen Kirche, die international theologische wie politische Aufmerksamkeit genießen. Vor einem Jahr wurde er von der finnischen Außenministerin Elina Valtonen zum „Persönlichen Vertreter“ der Organisation für strategische Zusammenarbeit in Europa ernannt, zuständig für die Bekämpfung von Intoleranz, Rassismus und Diskriminierung, auch gegenüber Christen und Mitgliedern anderer Religionen. Gerade erscheint in aktualisierter Neuauflage sein Buch „Für den Frieden kämpfen“. Auf seiner Leserreise durch Deutschland hatte die Tagespost Gelegenheit, dem Theologieprofessor aus Innsbruck einige Fragen zu stellen.
Herr Palaver, die Weltpolitik entwickelt sich in Sachen Krieg und Frieden mit einer Dynamik, der man kaum folgen kann. Antworten auf aktuelle Fragen sind möglicherweise schon überholt, wenn sie gerade formuliert werden. Trump und Putin: Viele sehen die Verantwortung fast allein bei diesen beiden Männern. Sie auch?
Zusammen mit Xi Jinping sind Wladimir Putin und Donald Trump die entscheidenden Player, die zurzeit die geopolitische Lage in der Welt bestimmen. Sie neigen zur Logik des Schachbretts, nach der nicht mehr Diplomatie und Dialog im Zentrum politischer Lösungsversuche stehen, sondern das Recht des Stärkeren. Sie stehen für eine imperiale Aufteilung der Welt.
Wenn es jetzt darum geht, den Frieden sozusagen „in Angriff zu nehmen“: Sie widmen sich in Ihrem Buch den historischen Gestalten Nelson Mandela und Mahatma Gandhi. Warum haben Sie ausgerechnet diese Figuren herausgegriffen, die nicht in Bezug auf große Kriege zwischen Nationen Geschichte schrieben, sondern wegen ihres Eintretens gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung?
Mahatma Gandhi und Nelson Mandela stehen für einen gerechten Frieden, weil sie beide wissen, dass die Betonung des Friedens allein zu wenig ist. Sie verstanden außerdem, dass Unrecht nicht passiv hingenommen werden darf, sondern der gerechte Friede erkämpft werden muss. Beide erkannten auch die große Ansteckungsgefahr, die mit der Gewalt einhergeht, und setzten sich für einen möglichst gewaltfreien Kampf ein. Für Gandhi war die aktive Gewaltfreiheit ein Lebensprinzip. Mandela sah in ihr ein taktisches Mittel. Zusammengenommen stehen sie für ein graduelles Verständnis von Gewalt und Gewaltfreiheit. Wo immer es möglich ist, gilt es, gewaltfreie Mittel vorzuziehen.
Aber sind Mandela und Gandhi mit ihren Zielstellungen nicht historisch überholt? Brauchen wir nicht in Zeiten von KI, Umweltzerstörung und Klimawandel mit ihren kriegerischen Folgen ganz andere Helden?
Es geht nicht um Helden, sondern es geht darum, von den Einsichten und Methoden beider zu lernen. Natürlich müssen diese für unsere Zeit übersetzt werden. In meinem Buch zeige ich, dass wir noch immer von diesen Friedenskämpfern lernen können.
Wir Christen, wir alle wollen ja im Grunde Frieden. Gleichzeitig verhalten wir uns weder wie Mandela noch wie Gandhi: Unterdrückung und Kriege machen uns ratlos, wir fühlen uns hilflos. Wo und wie kann der einzelne Mann, die einzelne Frau, trotzdem wirken?
Auch Gandhi und Mandela begannen ihr Friedensengagement als ganz gewöhnliche Menschen. Zu bewunderten Vorbildern wurden sie erst durch ihren jahrzehntelangen Einsatz. Gandhi betonte mit John Henry Newmans Hymne „Lead kindly light“, dass es immer zuerst um den nächsten Schritt in Richtung Frieden geht. Wir alle können immer schon den nächsten kleinen Schritt gehen. Über Jahre wird daraus ein Weg des Friedens.
Blicken wir noch einmal auf die Weltlage. Ihr Buch ist kein bedingungsloser Appell, nur zu hoffen und zu beten. Sie geben sich mit Ihren Protagonisten kämpferisch und nicht immer antimilitaristisch. Kommen wir um den gerechten Krieg mitunter doch nicht herum, wenn wir etwa an die Ukraine denken?

Gewalt und Gewaltfreiheit müssen graduell verstanden werden. Es kann Situationen geben, in denen gewaltfreie Mittel nicht eingesetzt werden können, weil es dazu keine Vorbereitung gab, die Menschen dazu noch nicht bereit sind oder die militärische Übermacht des Gegners diese nicht zulässt. Es geht hier aber um seltene Ausnahmen, denn es gibt empirische Studien, die zeigen, dass der gewaltfreie Widerstand sich als doppelt so nachhaltig gegenüber militärischem Widerstand erweist. Antimilitaristisch bin ich aber schon, weil ich mit Papst Leo XIV. gegen die sich gegenwärtig ausbreitende „Normalisierung des Krieges“ kämpfe. Mit dem Papst bin ich auch der Meinung, dass der „gerechte Krieg“ als Theorie überwunden werden muss. Das gilt nicht für die in dieser Tradition entwickelten Kriterien, die zur Begrenzung des Krieges dort notwendig sind, wo trotz des nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesprochenen Gewaltverbotes immer noch Krieg geführt wird.
Herr Palaver, auch die Kirche, die ganze Christenheit, wird von inneren Konflikten geschüttelt. Wie kann sie sich trotzdem glaubwürdig den globalen Fragen von Krieg und Frieden zuwenden?
Für die Friedensethik der Kirche gilt, dass sie in den eigenen Reihen vorbildhaft gelebt werden muss. Das Friedenswort der deutschen Bischöfe von 2000 ist hier immer noch richtungsweisend. Es gilt, der Welt ein Beispiel für den schon im Alten Testament verkündeten messianischen Frieden zu geben, der über die gewaltbewehrten Formen der Friedenssicherung hinausgeht. Gegen die Logik des Schachbretts sind die Kirchen dazu aufgerufen, das Gewebe zwischen den Menschen zu stärken. Mit diesem Bild hat Papst Franziskus sich vom Bild des Schachbretts abgesetzt und sich für Diplomatie und Dialog eingesetzt. Papst Leo setzt mit seinem Ruf nach der Stärkung des Multilateralismus diesen Weg fort.
Letzte Frage: Was haben Sie heute schon für den Frieden getan, was tun Sie morgen?
Heute habe ich Ihre Fragen beantwortet und in den nächsten Tagen werde ich mein Buch bei zwei Veranstaltungen vorstellen. Immer geht es aber darum, sich um den Frieden im eigenen Herzen zu bemühen. Auch wenn es nicht immer gelingt, ist es die Voraussetzung für den nächsten guten Schritt.
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