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Zuckerbrot und Peitsche aus dem Vatikan

Die Botschaft des Papstes lautet, dass große Veränderungen nur gemeinsam zu erreichen sind – und Umkehr immer möglich ist.
Feuilletonredakteur Henry C. Brinker, Papst Leo XIV.
Foto: DT / IMAGO / ZUMA Press | Klare Worte, freundliches Auftreten: Papst Leo XIV.

Die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. hallt weiter nach. Weltweit gibt es kaum eine ökonomisch oder politisch relevante Institution, die auf „Magnifica Humanitas“ nicht reagiert hätte, und zwar positiv. Bei der Präsentation der Enzyklika selbst – ein Novum, dass Leo XIV. persönlich erschien – war der KI-Milliardär und Anthropic-Mitgründer Christopher Olah auf dem Podium präsent. Der Papst und der 33-jährige, atheistische Tech-Unternehmer traten gemeinsam für eine Partnerschaft zwischen Kirche und Technologiebranche zum Schutz vor den Gefahren der KI ein. So sehr der Papst bisher die Übermacht einer alles beherrschenden Ökonomie geißelte, so sehr beeindruckt jetzt seine Doppelstrategie von Zuckerbrot und Peitsche.

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Leo will Menschlichkeit nach katholischem Verständnis nicht gegen, sondern mit der Industrie durchsetzen. Zur Erinnerung: Vorausgegangen war im letzten Jahr die Apostolische Exhortation „Dilexi te – Über die Liebe zu den Armen“ vom 9. Oktober 2025, gut fünf Monate nach seiner Wahl. Leo XIV. hatte das Schreiben am Gedenktag des heiligen Franz von Assisi unterzeichnet und griff dabei einen Text auf, den sein Vorgänger bereits vorbereitet hatte. Es ist also ein Dokument mit einer gewissen Doppelautorschaft, wobei der neue Papst aber auch eigene Akzente setzt. In dem Schreiben übernimmt Leo XIV. ausdrücklich einen der provokantesten Sätze seines Vorgängers und betont, es sei notwendig, weiterhin die „Diktatur einer Wirtschaft, die tötet“, anzuprangern. Der Begriff stammt von Franziskus, aber Leo hätte ihn auch stillschweigend übergehen können – tat er aber nicht.

Vom klaren Standpunkt einer Kirche für die Armen reicht er jetzt der Wirtschaft die ausgestreckte Hand. Das Kamel muss nicht durch ein Nadelöhr gehen, sondern darf den marmorgefassten Haupteingang nehmen. Dabei geht ein wenig unter, dass eine Strategie der Verständigung seit Langem vom Vatikan gepflegt wird, jedoch bisher ohne größere öffentliche Aufmerksamkeit. Bereits vor zehn Jahren etablierte der Vatikan Kontakte ins Silicon Valley. Vor der Veröffentlichung des Lehrschreibens trafen sich Kirchenvertreter und KI-Entwickler zu ethischen Fragen der Technologie; aus mehrtägigen Treffen von Theologen, Philosophen und Programmierern im Anthropic-Hauptquartier gingen konkrete Vorschläge zum Umgang mit Gefahren in KI-Modellen hervor. Im März trafen sich Geistliche am Firmensitz in San Francisco, im April diskutierten 15 christliche Führungspersönlichkeiten mit Anthropic-Programmierern über Normen und Prinzipien, die von Religionsgemeinschaften mitgestaltet werden sollen.

Die Geschichte von Johannes Paul II. und Enzo Ferrari

Auch die großen Wirtschaftstreffen meidet der Vatikan nicht, zum letzten Weltwirtschaftsforum in Davos hatte der Papst eine hochrangige Delegation entsandt. In Castel Gandolfo sprach er selbst zum Auftakt der internationalen Klimakonferenz „Raising Hope for Climate Justice“, die der Vatikan mit weiteren Partnern im Oktober organisiert hatte. Unter den Rednern war auch Kaliforniens Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger, der Leo XIV. als „Action-Held“ bezeichnete – weil der Papst sich für Solarenergie und Klimaneutralität im Vatikan stark mache. Damit nicht genug: An die Klimakonferenz in Belém richtete Leo eine eigene, engagierte Videobotschaft.

Und begleitet von Medienrummel inspizierte der Papst gerade den neuen E-Sportwagen von Ferrari. Was dahintersteckt? Nun, der verstorbene Firmengründer Enzo Ferrari hatte sich in seinem langen Leben als Ingenieur und Industrieller nicht gerade durch einen christlichen Lebenswandel ausgezeichnet. Das änderte sich mit der Wahl von Johannes Paul II. zum Papst. Das Attentat erschütterte den Autobauer aus Maranello derart, dass er in Tränen ausbrach, es entstand eine gewisse Verbindung zwischen Papst und Rennwagenbauer. Die Vatikanische Johannes-Paul-II.-Stiftung dokumentiert, dass Enzo Ferrari kurz vor seinem Tod intensiv um eine persönliche Begegnung mit dem Papst warb. Der Besuch Johannes Pauls II. in Maranello im Frühjahr 1988 – wenige Wochen vor Enzos Tod am 14. August desselben Jahres – war das späte Resultat. Und: Enzo Ferrari starb mit den Sakramenten der Kirche, seine Umkehr versöhnte ihn zum Lebensende mit Gott, obwohl er den Glauben an ihn verloren hatte.

Ob reicher Industrieller oder armer Sünder: Umkehr ist immer und für jeden möglich. Papst Leo lädt dazu ein und sucht das Gespräch. Auch diese Botschaft sendet uns die Enzyklika.

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