Auf die Operation folgt ab Freitag ein physischer Härtetest für den Papst: Die elftägige Reise Leos XIV. nach Lateinamerika ist im Zusammenhang mit seinem Pastoralbesuch in Spanien im vergangenen Juni zu sehen – in beiden Fällen handelt es sich um Reiseziele, die Papst Franziskus ausließ. Welche Botschaft bringt der amerikanische Papst in seine einstige Wahlheimat mit? Die großen Leitlinien dieses Pontifikats sind zwar bereits erkennbar, insbesondere seit der Enzyklika „Magnifica humanitas“, die weit mehr als eine Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz darstellt. KI ist hier ein Querschnittsthema, das der Papst immer wieder aufgreift und unter dem sich zahlreiche Fragen der Gegenwart zusammenfassen lassen.
Leo XIV. verkörpert in hohem Maße jene augustinische Vorstellung von Frieden als „die Ruhe der Ordnung“.
Gemeint ist ein Friede, der auf innerem Gleichgewicht beruht und den der Papst auch durch sein persönliches Auftreten vermittelt. In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen, in der die weltweite politische Führung vielfach von Unsicherheit und Zerrissenheit geprägt ist, erinnert Leo XIV. mit seiner Konzentration auf das Wesentliche des christlichen Glaubens, auf die Einheit des Lebens und die Einheit der Kirche, ohne ausgefallene Ideen oder aufsehenerregende Gesten, an seinen geistlichen Lehrer Augustinus von Hippo.
Dieser Heilige und Denker lebte selbst in einer historischen Umbruchszeit.
Sein Beitrag bestand nicht nur darin, Zeuge des Endes einer Epoche zu sein, sondern auch entscheidende Antworten auf die Herausforderungen einer neuen Zeit zu geben, die vom Untergang der römischen Welt und dem Aufkommen neuer Formen der Barbarei geprägt war. Drei grundlegende Themen der Theologie des heiligen Augustinus kommen auch im Pontifikat Leos XIV. zum Vorschein: das Verhältnis von Natur und Gnade; die Beziehungen zwischen Lebensformen und Geschichte – theologisch gesprochen zwischen Eschatologie und Geschichte – sowie das Verhältnis von Kirche, Staat und Gesellschaft. In diesen Fragen knüpft Leo XIV. auch an Papst Benedikt XVI. an.
Der Einfluss der Kirche schwindet seit Jahren
Papst Leo bereist eine Region, die tiefgreifende politische, ideologische und gesellschaftliche Veränderungen durchläuft. Mehr als 537 Millionen und damit über 40 Prozent aller getauften Katholiken leben einer Studie des Pew Research Centers zufolge in Lateinamerika. 86 Prozent der Menschen in Lateinamerika sind laut statistischen Angaben des Vatikans katholisch.
Lateinamerika ist trotz rückläufiger Zahl von Ordenschristen weiterhin ein Kontinent der Hoffnung. Leo XIV. wird der fünfte Papst sein, der Süd- und Mittelamerika besucht. Den Anfang machte der heilige Paul VI., der am 22. August 1968 in Bogotá, Kolumbien, eintraf. Der heilige Johannes Paul II. unternahm zahlreiche apostolische Reisen und besuchte mehr als 20 Länder. Benedikt XVI. reiste nach Brasilien, Mexiko und Kuba, während Franziskus zehn lateinamerikanische Länder besuchte: Brasilien, Ecuador, Bolivien, Paraguay, Kuba, Mexiko, Kolumbien, Chile, Peru und Panama.
Früher vorherrschende Stellung
In Lateinamerika hatte die Kirche früher eine vorherrschende Stellung. Inzwischen nimmt sie eine weniger einflussreiche Position inne. Sie steht nun im Wettbewerb mit anderen Kirchen und Glaubensgemeinschaften, insbesondere mit freien evangelikalen Gemeinschaften. Damit geht eine eigene Form der Säkularisierung einher. Denn die Familie bleibt als prägende Form der Kultur, und die transzendente Dimension des Lebens ist tief verwurzelt. Damit verbunden ist auch eine besondere Form der Solidarität zwischen den Generationen. Lateinamerika ist aber auch zu einer der Herkunftsregionen großer Migrationsbewegungen geworden. Die Abwanderung zahlreicher Menschen beeinträchtigt zunehmend die Zukunftsperspektiven dieser Länder.
Nicht übersehen werden darf, dass die Säkularisierung – sieht man vom spezifischen europäischen Modell ab – keineswegs ausschließlich oder auch nur in erster Linie zu einem Rückgang des Glaubens geführt hat. Vielmehr hat sie einen Pluralismus der Werte und der Sinnangebote hervorgebracht. Amerika erlebt derzeit eine Intensivierung dieses Prozesses. An Bedeutung gewinnen unterschiedliche Weltanschauungen, etwa solche, die mit Formen des Heidentums und der einheimischen Religiosität verbunden sind. Dazu gehören indigene Glaubensvorstellungen, die über den Animismus hinausgehen.
Zweifellos spielen bei der Reise nach Peru auch persönliche und emotionale Gründe eine Rolle. Schließlich ist es das Land, in dem der Papst nach eigenen Worten gelernt hat, „Missionar zu sein“. Angesichts des tiefgreifenden Epochenwandels in Südamerika lassen sich jedoch zwei weitere Gründe erkennen: ein ekklesiologischer und ein historischer.
Der ekklesiologische Grund für diesen Besuch hängt mit der erneuten Hinwendung zum Zweiten Vatikanischen Konzil zusammen, die zu den vorrangigen Anliegen dieses Pontifikats gehört, wie sich insbesondere in den Katechesen des Papstes zeigt. Die Kirche, die „in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ ist (Lumen gentium, 1), ist eine Gemeinschaft des Lebens und der Wahrheit. Leo XIV. betont immer wieder die Vereinigung mit Gott und die Einheit der Menschheit. Ebenso greift er häufig den Gedanken auf, dass der Glaube dem Leben dient und die Aufgabe der Kirche darin besteht, die Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Damit verbindet sich seine erneute Betonung der Wahrheit für den Einzelnen ebenso wie für die Völker.
Ein Besuch beim „heiligen Vater Lateinamerikas“
Zu diesem ekklesiologischen Grund kommt ein historischer hinzu, der sowohl die ferne als auch die jüngere Vergangenheit umfasst. Wie bereits bei seinen Besuchen in Spanien und Frankreich deutlich wurde, misst Leo XIV. der historischen Verwurzelung des Glaubens im Leben der Menschen große Bedeutung bei. Seine Verweise auf Heilige vergangener Jahrhunderte zeigen, welchen Wert er der Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart beimisst.
Bei seiner bevorstehenden Reise überschneiden sich zwei historische Ebenen: die ferne Geschichte der Anfänge der Evangelisierung des Kontinents und die jüngere Geschichte, die mit Papst Franziskus in Argentinien sowie mit dem Wirken Robert Francis Prevosts als Priester und Bischof in Peru verbunden ist.
Eine besondere Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart verkörpert dabei der heilige Toribio von Mogrovejo (1538–1606), der während des Aufenthalts Leos XIV. in Peru eine wichtige Rolle spielen dürfte. Der aus Mayorga de Campos in der spanischen Provinz Valladolid stammende Heilige ist auch deshalb von Bedeutung, weil der Papst Zaña besuchen wird, jenen peruanischen Ort, an dem Toribio starb. Er liegt etwa eine Stunde von Chiclayo entfernt, wo Robert Francis Prevost viele Jahre als Bischof wirkte. Toribio de Mogrovejo, der als „der heilige Vater Amerikas“ bekannt ist, setzte sich als Erzbischof von Lima für den Schutz der indigenen Völker ein und legte die Grundlagen für die Evangelisierung dieser Länder. Sein umfassendes missionarisches Wirken hatte auch eine bedeutende kulturelle Dimension.
So veranlasste er die Veröffentlichung des ersten auf dem Kontinent gedruckten Buchs, der „Doctrina Christiana y Catecismo para instrucción de los indios“ (Christliche Lehre und Katechismus zur Unterweisung der Indigenen), die 1584 in Spanisch, Quechua und Aymara erschien. Johannes Paul II. erhob ihn zum Patron der lateinamerikanischen Bischöfe. Papst Leo zählt ihn zu seinen persönlichen Vorbildern und hat die lateinamerikanischen Bischöfe ermutigt, dem Beispiel des heiligen Toribio zu folgen. Konkret versteht er darunter: sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen, volksnahe Hirten und Christus treu zu sein, ein intensives Gebetsleben zu führen und bereit zu sein, die Last der eigenen Aufgabe zu tragen.
Der Autor ist Professor für Journalismus an der Universität CEU San Pablo in Madrid. Aus dem Spanischen von José García.
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