Nach der sechsten und letzten Vollversammlung des Synodalen Weges in Stuttgart hat der Passauer Bischof Stefan Oster eine umfassende und grundsätzliche Kritik am Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland vorgelegt. Zwar erkennt er wenige positive Aspekte an, insgesamt jedoch überwiegen für ihn die negativen Folgen für Glauben, Kirche und kirchliche Einheit. Echte Aufbrüche, schreibt Oster auf seinen Blog www.stefan-oster.de, würden nicht im Kontext des Synodalen Weges geschehen, sondern in solchen, die sich vielmehr mit der großen Tradition der Kirche auseinandersetzen und nach Tiefe suchen würden.
Zu den positiven Seiten zählt Oster insbesondere persönliche Begegnungen sowie die öffentliche Auseinandersetzung mit dem sexuellen Missbrauch in der Kirche. Die Einbindung von Betroffenen und die kontinuierliche Rückbindung des Reformprozesses an den Missbrauchsskandal hätten dazu beigetragen, Prävention, Intervention und Aufarbeitung voranzubringen. Dennoch sei der Synodale Weg aus seiner Sicht kein geeigneter Rahmen, um die tieferliegenden geistlichen Ursachen der Kirchenkrise zu bearbeiten, die aus seiner Sicht zudem „zuerst eine Krise des geistlichen Lebens und der Verinnerlichung der Inhalte unseres Glaubens ist“.
Oster widerspricht thematischer Schwerpunktsetzung
So widerspricht Oster der thematischen Schwerpunktsetzung des Synodalen Weges. Zwar erkennt er strukturelle Probleme wie Klerikalismus und Machtmissbrauch an, lehnt jedoch die Schlussfolgerung ab, wonach Sexualmoral, Zölibat oder die Frage der Frauenordination maßgebliche Ursachen von Missbrauch seien. Teilweise würden neuere Aufarbeitungsstudien diese Annahmen ausdrücklich relativieren, so Oster. Dennoch seien genau diese Themen seit Jahrzehnten Teil einer liberalen kirchenpolitischen Agenda und nun erneut in den Mittelpunkt gerückt worden.
Wenn Autorität nicht geistlich gelebt und ausgeübt werde, „das heißt ohne Demut, ohne geistliche Tiefe, ohne innere Erfahrung der Gegenwart des Herrn und ohne Liebe zu den Menschen“, dann verkomme sie zur bloß weltlichen Macht. Insofern teile er das Anliegen, dass die Frage „nach der Ausübung von Macht und Autorität“ geprüft werden müsse, jedoch so, dass dabei der sakramentale Charakter der Kirche nicht grundsätzlich geschwächt oder gar eliminiert würde.
Klerikalisierung von Laien im negativen Sinn
Konkret prangert Oster an, dass es auf dem Synodalen Weg „immer neu um Eindämmung der klerikalen Macht“ gegangen sei, und zwar „durch die Infragestellung des sakramentalen Charakters des Priestertums“. Wenn „das innere Verstehen des priesterlichen Dienstes als Sakrament verblasst, dann changiert das Ringen um dessen geistlichen Charakter hinüber zu einem Ringen um bloß weltlich verstandene Macht“. kritisiert der Passauer Bischof. Die Folge: eine Klerikalisierung von Laien im negativen Sinn.
Als Beispiel nannte Oster die Synodalkonferenz, die während der Synodalversammlung in Stuttgart von jemanden als „Souverän“ vorgestellt wurde, weshalb „sich die Bischöfe an die Umsetzung der Beschlüsse zu halten“ hätten. Oster wörtlich: „Die Macht soll nun bei der Versammlung liegen, in der die Nichtbischöfe die Mehrheit haben.“
Auch die Zusammensetzung der Synodalkonferenz kritisiert Oster. Diese werde wieder nur „ aus so genannten Reformern bestehen“, während traditionsverbundene Gläubige sich weiter marginalisiert fühlten und abgehängt würden. Papst Franziskus habe jedenfalls eine andere Vision einer synodalen Kirche gehabt als alles, was er, Oster, „in Frankfurt oder zuletzt in Stuttgart beim deutschen Synodalen Weg erlebt habe“.
Das katholisch profilierte Menschenbild steht zur Debatte
An den bekannten Forderungen des Synodalen Wegs — „katholische Sexualmoral insgesamt, der Zölibat und die Frage nach dem sakramentalen Amt für Frauen“ — kritisiert Oster, dass die „christliche und besonders das noch einmal katholisch profilierte Menschenbild zur Debatte“ stehe. Dessen Kern lasse sich „mit dem Begriff der Sakramentalität im Verhältnis etwa zum christlich protestantischen Menschenbild unterscheidend beschreiben“, schreibt Oster und erinnert an Papst Franziskus, der „mit einigem Recht die Protagonisten des Synodalen Wegs mehrmals gewarnt“ hatte, „nicht noch eine evangelische Kirche hervorzubringen“.
Rückblickend habe er den „Eindruck, dass ein hintergründiges Motiv liberalisierender Bestrebungen, ob bewusst oder unbewusst, die Eliminierung des Anspruchs Gottes bei gleichzeitiger Überakzentuierung des Zuspruchs Gottes ist“. Damit jedoch würde „die Berufung des Menschen, selbst Sakrament zu sein und zu werden, Gefahr laufen verloren zu gehen“. Nirgendwo, so Oster, sei er auf dem Synodalen Weg „auf eine ernsthafte Debatte gestoßen, wie wir das tiefer verstehen könnten, was ,Sakrament‘ bedeutet und wie wir daraus neu begreifen könnten, was Erlösung bedeutet“.
Kaum noch Interesse an Sakramenten
In diesem Kontext erwähnt der Bischof die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 2024, der zufolge sich 90 Prozent der Menschen Reformen wünschten. Diesen gegenüber stünden allerdings, „ebenfalls weit über 90 Prozent“, die sich „nicht mehr für die Sakramente interessieren, zumindest nicht mehr für das Sakrament, das unsere Tradition ,Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens‘ nennt“.
In seiner ausführlichen Analyse über die Sakramentalität des Glaubens und das Verständnis von Kirche und Mensch im Licht der Tradition betont der Bischof, dass Sakramente nicht nur symbolische Handlungen, sondern echte Mitteilungen der göttlichen Gnade seien, durch die der Mensch in sein Heil und in die Gemeinschaft mit Gott hineinwachse. Kirche, Mensch und Heil seien im katholischen Verständnis untrennbar mit der wirksamen Gegenwart Gottes verbunden. „Besonders in der Theologie der Kirchenväter ist immer neu vom heiligen Tausch die Rede: Christus ist Mensch geworden, damit der Mensch „vergöttlicht“ werde – in diesem Sinn also: Sakrament.“
Mit Verweis auf die Konzilien von Nizäa, Chalcedon und Ephesus, die die Gottheit und Menschheit Christi sowie die Rolle Marias als Gottesgebärerin und Urbild der erneuerten Schöpfung definierten, zeigt Oster sich überzeugt, dass die „sakramentale“ Berufung jedes Menschen „theologisch auch nicht grundsätzlich verhandelbar“ sei. Vielmehr sei jeder eingeladen, „ein je tieferes und damit erneuertes Verstehen zu finden“.
Zunehmende Polarisierung innerhalb der Kirche
Grundsätzlich habe der Synodale Weg laut Oster die zunehmende Polarisierung innerhalb der Kirche verstärkt. Der Synodale Weg habe bestehende Spannungen zwischen liberal-progressiven und traditionsorientierten Positionen verschärft. Dies betreffe das Verhältnis zur Weltkirche und zum Vatikan ebenso wie die innerdeutsche Ebene – zwischen Bischöfen, Klerus und Gläubigen. Die Reformagenda sei von Beginn an klar liberal geprägt gewesen; neue Instrumente wie Monitoring und Evaluation verstärkten nun den öffentlichen Druck auf Kritiker, verschärften die liberale Agenda des Synodalen Wegs und förderten eine moralische Delegitimierung abweichender Positionen.
Das Monitoring setze faktisch bereits eine veränderte Sexualmoral und Anthropologie voraus und fordere deren Umsetzung in den Diözesen ein, moniert Oster. Die dahinterstehende Logik – Praxis müsse der Lehre vorausgehen – bedeute aus seiner Sicht einen Bruch mit dem katholischen Lehrverständnis. Er werde dem Ruf zur Umsetzung der Beschlüsse nicht folgen, „auch weil ich als Diakon, Priester und Bischof mehrfach feierlich versprochen habe, die Lehre der Kirche zu bewahren und zu verkünden“, stellte er klar.
Wahre Erneuerung der Kirche
Zudem würde die weitere Umsetzung der Beschlüsse des Synodalen Weges „die Auflösungserscheinungen der Kirche bei uns eher beschleunigen und nicht zu ihrer Erneuerung führen“, wie sie an anderen Orten zu beobachten sei: wachsende Taufzahlen junger Erwachsener in anderen europäischen Ländern, neue geistliche Bewegungen und eine verstärkte Suche junger Menschen nach liturgischer Tiefe, geistlicher Verbindlichkeit und theologischer Substanz. Diese Entwicklungen entstünden vielfach jenseits etablierter kirchlicher Strukturen.
Für Oster liegt die Erneuerung der Kirche nicht primär in strukturellen oder lehrmäßigen Anpassungen, sondern in einer geistlichen Vertiefung: in Bekehrung, missionarischer Jüngerschaft und einem erneuerten Leben aus den Sakramenten. Die Kirche werde sich letztlich nicht durch Mehrheiten, sondern durch Glaubwürdigkeit, geistliche Authentizität und Heiligkeit erneuern. Oster schließt seine Ausführungen mit dem Satz: „Diejenigen Christinnen und Christen, die die Kirche im Lauf der Jahrhunderte stets verändert und neu in die Tiefe geführt haben, waren immer die Heiligen.“ DT/dsc
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