Mein Leben mit Gott

Über die Freude an der Verkündigung

Wie Deutschunterricht das ganze Leben bestimmen kann.
Andrzej Kucinski vor dem Petersdom
Foto: Privat | Pfarrer Andrzej Kucinski arbeitet derzeit im römischen Glaubensdikasterium.

Was hat die Entscheidung eines 15-Jährigen, welches Fach er als zweite Fremdsprache in der ersten Klasse des Gymnasiums wählen möchte, mit der priesterlichen Mitarbeit im Glaubensdikasterium zu tun? Für Zufallsgläubige ist der Zusammenhang schwer herzustellen, eine Glaubenslektüre der Ereignisse kann uns aber weiterbringen.

Als einer der letzten Jahrgänge in der achtklassigen Grundschule im kommunistischen Warschau konnte ich noch Russisch als Pflichtfach erleben. Der Wechsel ins Gymnasium kam nach der Wende, also herrschte bereits Demokratie: Die neue Klasse durfte die zweite Fremdsprache selbst wählen. Kaum verwunderlich, aber zu meiner anfänglichen Unzufriedenheit, da ich keine neue Sprache lernen wollte und für die Russisch-Fortsetzung votierte, entschied die nun westlich orientierte Klassenmehrheit sich für Deutsch. Während ich mich dann mit Dativ und Genitiv dank einer guten Lehrerin langsam versöhnen konnte, dachte ich über eine mögliche Priesterberufung nach. Eigentlich war der Gedanke zunächst im Alter von etwa sechs Jahren aufgetaucht, vermutlich im Zusammenhang mit der Bewunderung für einen Kaplan, der die Kindermesse gestaltete.

Beten, Beichten, die Messe besuchen

Ansonsten waren solche Gedanken in der grauen Wirklichkeit des zusammenbrechenden Kommunismus nichts Besonderes. In den 80er Jahren entfaltete sich gerade in Polen mit einer nie dagewesenen Wucht die geistliche Wirkung des unerwarteten Pontifikats von Johannes Paul II., eines Papstes „aus einem fernen Land“. Es war ein Land, in dem die katholische Kirche zum letzten Zufluchtsort für Freiheitsstrebende avancierte, und nun dabei war, die Hoffnungen der Menschen auf den endgültigen Durchbruch der Freiheit zu fokussieren. Die Priesterseminare waren voll. Für mich war die Welt irgendwie abgesichert und spielte sich zwischen Schule, kleinem Plattenbauzuhause und der Mutter Kirche ab. Der Papst war ja ein Pole, er war immer ein Pole gewesen – seinen ersten Auftritt nach der Wahl habe ich mit knapp einem Monat auf dem Arm meiner Mutter im Fernsehen angeschaut – und natürlich sollte er für immer ein Pole bleiben. Insofern waren gute Voraussetzungen für die Priesterberufung gelegt. Es ging um die Verkündigung, die hat mich schon immer begeistert. Was fehlte, war die Sicherheit. Als kleiner Perfektionist stellte ich mir den Ruf schon etwas konkreter vor – etwa nach dem biblischen Modell: Es erscheint ein Engel oder sogar Jesus höchstpersönlich und ruft mich – alternativ hätte er mir die Frau meines Lebens zeigen müssen, auch diese Möglichkeit kam natürlich infrage. Bis heute ist mir aber keiner erschienen.

Stattdessen führte der Weg eines unsicheren, fertigen Abiturienten an die Katholische Universität Lublin – fern von Zuhause –, um beim Studium der neutralen Soziologie ernsthaft die Frage der Priesterberufung zu betrachten. Übrigens: Die zwei Semester Philosophiegeschichte, die in meinem Curriculum vorgesehen waren, haben den späteren Zusammenstoß mit dem in Deutschland reichlich angebotenen Kant etwas abgefedert, ich wusste nämlich, dass vor ihm auch Philosophie betrieben wurde…. In Lublin tat ich allerdings eifrig, was meine geistlichen Begleiter empfahlen: beten, beichten, Messe besuchen und an Einkehrtagen im Berufungszentrum des Neokatechumenalen Weges, dem ich angehörte, teilnehmen.
Es folgte eine Reihe von Ereignissen, die ich bis heute als meine intensivsten Gottesbegegnungen bezeichne. Inmitten weiterhin vorhandener großer Unsicherheiten habe ich einige Zeichen bekommen, die andeuteten, dass es der Herr war, der mich nach diesem einen Jahr Studium zu einem anderen Abenteuer rief. Es waren bestimmte Begegnungen, unerwartete Wendungen und passende Schriftworte in entscheidenden Momenten. Sogar eine Bronchitis, gegen die meine Ärztin die besten Medikamente anbot, als sie plötzlich erfuhr, dass an dieser Krankheit mein Eintritt ins Priesterseminar scheitern könnte.

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Wann, wenn nicht jetzt Priester sein?

Da ich in ein missionarisches Diözesanseminar Redemptoris Mater eintreten wollte, musste ich eine Busreise zu einem internationalen Treffen an der italienischen Adriaküste unternehmen. Bei den dortigen Einkehrtagen zeigte sich, dass man mich nach Köln schicken wollte. Soweit ich später verstanden habe, mag folgende Begründung dabei ausschlaggebend gewesen sein: Der kann etwas Deutsch! So hatte meine frühere Klasse mit ihrer Mehrheitsentscheidung mein deutsches „Schicksal“ mitbestimmt... Da das Kölner Priesterseminar Redemptoris Mater aber erst im Entstehen war (Kardinal Joachim Meisner hat es 2000 offiziell gegründet), kam ich zunächst am 28. September 1998 am Ostbahnhof in Berlin an und verbrachte meine ersten Monate im Berliner Redemptoris Mater.

Weder Kant noch manche exegetischen Auswüchse, noch anderweitige Infragestellungen des Glaubens mithilfe der deutschen Theologie haben mich jedoch davon abgehalten, am 19. Juni 2009 die Priesterweihe im Kölner Dom zu empfangen, zu Beginn des Priesterjahres, das ein Jahr später so katastrophal enden sollte. Im Gegenteil: Was nach 2010 in Bezug auf das Priestertum im Allgemeinen geschehen ist, hat mich darin bestärkt, das Gute den Menschen tun zu wollen. Der Nonkonformismus des großen Papstes aus Krakau geht mir dabei nach: Wann, wenn nicht jetzt Priester sein? Wann, wenn nicht jetzt das Evangelium unverkürzt verkünden? Wann, wenn nicht jetzt den Himmel öffnen, wo die Sünden einiger ihn für viele scheinbar verschlossen haben? Gerade in einer Zeit, in der manche ernsthaft überlegen, ob man das Priestertum in der Kirche überhaupt noch braucht, in der man häufig pauschale Urteile gegen alle Priester fällt, in der viele von mir als Priester nichts Gutes erwarten, bin ich sakramental ausgerüstet, um manche große Wunden mit übernatürlichen Heilmitteln zu behandeln, die ich nur verwalte, deren ich mich aber nicht bemächtigen kann. Denn als Priester werde ich mir selbst genommen, um in den Dienst am ewigen Leben der anderen gestellt zu werden. Da dies so anspruchsvoll und existenziell ernsthaft ist, kann ich mir nicht erlauben, mein Leben auch noch mit einer konkreten Person ganzheitlich zu teilen. Und dass ich nun nach zwei Jahren Kaplansdienst und nach weiteren sieben Jahren als Subregens beziehungsweise Studienpräfekt im Priesterseminar Redemptoris Mater Köln vom Kölner Erzbischof 2020 in das römische Glaubensdikasterium entsandt wurde, ändert nichts an meiner Freude, die mich beim Hören von Berufungsworten aus dem Evangelium bis heute immer begleitet hat: „Geht und verkündet! Das Himmelreich ist nahe!“ Denn sogar in Rom wird ein Priester gut gebraucht.

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