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Fadi Krikor: „Hier wird ein Prototyp von Einheit sichtbar“

500 Jahre nach der Reformation hat Deutschland heute eine Berufung zur Einheit, meint Fadi Krikor. Ein Gespräch über Gottvertrauen, Wunder und Ökumene.
Fadi Krikor
Foto: Jordan Stiftung | Hat des Öfteren himmlische Impulse: Fadi Krikor.

Herr Krikor, vor zehn Jahren haben Sie auf eine göttliche Eingebung hin ein altes Kloster gekauft – ohne zu wissen, was Sie eigentlich damit wollen. Hat sich mittlerweile eine Verwendung dafür gefunden?

Ja. Am Anfang hatte ich wirklich keine Ahnung, und als Freikirchler konnte ich den katholischen Nonnen, die damals ihr Kloster verkauften, irgendwie nicht sagen, gebt es mir, denn Gott hat zu mir gesprochen. Anders als die anderen Bewerber hatten wir überhaupt keinen Plan gemacht. Das war damals eine ziemlich peinliche Situation, und ich war sicher, dass es nicht klappen würde. Aber nach ein paar Monaten haben wir das Kloster bekommen. Der ganze Orden hatte gebetet, und sie hatten das Gefühl, es mir verkaufen zu sollen. Und so ist das Kloster jetzt unser „Father’s House for all Nations“.

Und was passiert im Father’s House for all Nations?

Es ist ein Christliches Zentrum mit einem Gebetshaus und wir bieten auch Tage der Stille, geistliche Begleitung, Eheseminare und derartige Veranstaltungen an. Demnächst haben wir auch wieder unser internationales „Road to Damascus“-Treffen, das machen wir einmal im Jahr, und da dreht es sich eigentlich um mein persönliches Hauptanliegen. Wir versuchen wahrzunehmen wie sich Gott in der Geschichte bewegt, und wie sich die Kirche dementsprechend positionieren kann. Aber auch andere Gemeinschaften nutzen unsere Räume. Mittlerweile haben wir ein Team von über 20 Leuten, die auch teilweise als Gebetshausmissionare im Kloster leben. Ich selbst bin aber gar nicht so oft dort, weil ich viel international unterwegs bin.

In unserer Interviewreihe versuchen wir zu erkunden, was Zukunftsmodelle für die Kirche sein können. Ist das also die Zukunft? Statt zu planen einfach auf Gott hören und loslegen – und dann entsteht schon was?

Naja, es ist so: Gott sucht das Kind und den Mann in uns. Manchmal verhalten wir uns wie Kinder, beginnen wegen eines Eindrucks oder eines Impulses ständig etwas Neues, und dann fallen wir auf die Nase. Manchmal sind wir nur noch Erwachsene, die alles von A bis Z berechnen und dann nur machen, was einen absehbaren Mehrwert verspricht. Aber es braucht beides. Wir müssen auf Gott vertrauen, und auch wenn es sich verrückt anfühlt, dem Wind des Geistes folgen. Gott will, dass wir kommen, wenn er ruft. Und andererseits müssen wir auch so ausgereifte Persönlichkeiten sein, unser Gottvertrauen zu kultivieren, und langfristig zum wachsen zu bringen, was Gott uns anvertraut.

Woher haben Sie Ihr Gottvertrauen? Waren Sie immer schon so?

Ich bin in einer christlichen Familie in Syrien aufgewachsen und war schon christlich sozialisiert, bevor ich nach Deutschland gekommen bin, konnte viele Kapitel der Bibel auswendig, das ist im orientalischen Christentum normal. Aber ich habe eine zweite Bekehrung im Rahmen einer persönlichen Lebenskrise erlebt, nach der der Glaube sozusagen vom Kopf ins Herz gefallen ist. Ich war damals eigentlich schon zwei Jahre so gut wie agnostisch, und hatte dann die Erfahrung einer Art von heiligem Erschrecken über mich, wie weit ich mich von Gott entfernt habe. Ich habe dann wieder angefangen Bibel zu lesen, und hatte Erfahrungen im Geist. Es war letztlich einfach eine göttliche Gnade.

Was brauchen wir für eine wirklich lebendige Gottesbegegnung? Angenommen, ich fühle mich saturiert und irgendwie distanziert von Gott. Muss ich dann erstmal eine Krise erleiden? Oder wie fange ich an, wenn ich im Glauben wachsen will?

Es braucht in der Tat diese Begegnung, mit der der Geist wachgeküsst wird. Und es ist immer so, dass wir selbst der Flaschenhals der Erfahrung sind, und nicht Gott. Er will immer in unser Leben einbrechen! Es gibt verschiedene Türen, die wir aufstoßen können. Wir müssen uns eben nach ihm ausstrecken, und Zeit mit ihm verbringen. Gebet ist ja keine Einbahnstraße, sondern Kommunikation. Am Anfang muss also die Bereitschaft stehen, Zeit mit Gott zu verbringen, in der Kontemplation auch auf ihn zu hören. Man kann und soll das kultivieren, und dann wird sich etwas verwandeln: Man wird dem ähnlich, was man anschaut. Wenn Sie auf der Straße ein Herrchen und einen Hund sehen, ähneln die sich manchmal. Oder ein älteres Ehepaar. Die ähneln sich, weil sie sich ständig anschauen. So ist es auch mit Gott.

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Sie haben gesagt, ihr persönliches Anliegen ist es, das Wirken Gottes in der Geschichte zu erkennen. Was meinen Sie damit?

Bismarck hat mal gesagt, Politik sei es, die Schritte Gottes zu hören, und dann hervorzutreten und den Saum seines Gewandes zu packen. Gott reagiert nicht, er agiert. Uns geht es darum, die Weisheit Gottes in dem, was passiert, zu erkennen.

Eine geopolitische Strategieberatung für Kirchen?

Könnte man so sagen. Die Kirche sollte nicht nur reagieren und dem Zeitgeist folgen. Unser Gott ist aktiv, und wir sind nun mal sein Leib auf Erden, seine Hände und seine Füße. Wir sind also gefragt, der Welt – auf eine attraktive Art – zu zeigen, wo es hingeht. Die Welt hungert eigentlich nach der transzendenten Dimension. Und wenn wir nicht in der Lage sind, das Licht der Welt zu sein, dann fehlt etwas.

Und konkret? Was soll die Kirche tun?

Wir müssen uns fragen, warum die Menschen Jesus gefolgt sind. Meiner Meinung nach gibt es drei Gründe: Erstens sein Charisma, das heißt Gottes Gegenwart, damit müssen wir wuchern. Das ist die Erfahrung, die wir suchen, eben in der Kontemplation, und zu der wir den Menschen verhelfen wollen. Das ist eigentlich das A und O.

Der zweite Aspekt ist kraftvolle Offenbarung. Die Leute haben über Jesus gesagt, wow, so etwas haben wir noch nie gehört. Das ist uns auch gegeben. Und drittens, Zeichen und Wunder. Klingt vielleicht kontrovers, aber das ist die Realität, in der nicht nur er, sondern auch seine Jünger gelebt haben. Wir erleben das auch heute. Ich war kürzlich auf einer Konferenz in Istanbul Kairo, und habe einen unserer Leiter, der für Nordafrika zuständig ist, gebeten, dass er zum Start ein Zeugnis von einer Gotteserfahrung gibt, damit wir frisch und ermutigt beginnen. Er hat dann eine Frau, eine ehemalige Muslima, auf die Bühne geholt, die war tot und wurde von Jesus auferweckt. Also haben wir die Konferenz mit einer ehemaligen Leiche begonnen (lacht). Das gibt es auch heute, wir müssen uns nur danach ausstrecken. Wir sind hier manchmal zu verkopft.

Wir bauen eine Arche auf der grünen Wiese. Noah haben auch alle ausgelacht, und wahrscheinlich hat er sich auch selbst gedacht,
was soll der Quatsch, das kostet Zeit, Geld und Energie und bringt auch noch Missgunst. Aber wir müssen einfach den Weg im Gehorsam gehen.

Ein paar mehr Wunder könnten bestimmt nicht schaden, aber das gilt vermutlich für alle Länder, oder? Was bedeutet es spezifisch für uns hier in Deutschland, den Saum von Gottes Gewand zu packen?

Ein Land ist immer ein Spiegelbild seiner Kirche. Wir sind das Licht der Welt und das Salz der Erde, wenn es mit dem Land bergab geht, hat das auch etwas mit der Kirche zu tun. Aber ich glaube, in Deutschland sind noch genügend Knie, die sich beugen, dass noch Gnade da ist. Wir sind nicht verloren, und ich glaube sogar, dass ein Segen aus Deutschland fließt und dass Deutschland eine große Berufung hat. Das klingt für deutsche Ohren oft befremdlich, weil diese Berufung zur Größe hier auch im Bösen umgesetzt wurde. Vielleicht fällt es mir als nicht-Biodeutschem leichter, das zu akzeptieren: Deutschland hat jedenfalls eine Autorität, auch im Geistlichen.

Vor über 500 Jahren ist die Spaltung der Kirche aus Deutschland hervorgegangen, und heute erleben wir hier eine Bewegung der kirchlichen Einheit, die vorbildlich ist. Hier wird ein Prototyp von Einheit sichtbar. Nehmen Sie die Bewegung „Deutschland betet gemeinsam“ – da sind Freikirchler, Katholiken und Protestanten in einer Weise vereint, die es sonst nirgends gibt. Wir wollen hier Christus im anderen entdecken, und nehmen dafür das hin, was wir möglicherweise nicht in Ordnung finden am anderen. Das ist in anderen Ländern wirklich nicht denkbar. In Südamerika verteufeln sich die Christlichen Kirchen gegenseitig. Auch in Syrien, wo ich herkomme, ist es viel schwieriger. Hier kann ich sagen, wer an Christus als den Sohn Gottes glaubt, ist mein Bruder und meine Schwester, und alles andere ist rudimentär.

Liegt das nicht einfach daran, dass wir nur noch so wenige, dass wir so irrelevant sind? Dass geteilter Glaube in einer postchristlichen Gesellschaft auch über Konfessionsgrenzen hinweg Nähe schafft, erscheint mir fast trivial.

Das würde ich nicht unterschreiben. Wenn wir zum Beispiel auf den Synodalen Weg der Katholischen Kirche schauen, da ist eine Selbstzerfleischung ja an der Tagesordnung. Und das gibt es in Freikirchen auch, den Streit über gleichgeschlechtliche Ehe, die Genderthematik und so weiter. Es gibt in jeder Denomination ausreichend Sprengstoff, um nicht zusammenzukommen. Und trotzdem passiert es. Ich glaube deshalb nicht, dass wir in die Einheit kommen, weil wir wenige sind. Was ich in Syrien erlebe, wo die Kirche praktisch nicht mehr existiert, ist, dass ein Klagelied erhoben wird, in dem der Grund für die Misere immer in den anderen gesucht wird. Die Erkenntnis, dass ich den Anderen in Demut und Sanftmut annehmen muss, ist in Krisenzeiten eher Mangelware.

Was passiert, wenn wir einig sind?

Dann wird die Welt erkennen, dass Christus vom Vater gesandt, dass er der Sohn Gottes ist! So steht es in Johannes 17. Darauf müssen wir vertrauen, auch wenn wir nicht alles verstehen, das habe ich in den letzten Jahren wirklich gelernt. Wir gehen auf dem Wasser, weil Gott es uns gesagt hat. Oder nehmen wir ein anderes Bild: Wir bauen eine Arche auf der grünen Wiese. Noah haben auch alle ausgelacht, und wahrscheinlich hat er sich auch selbst gedacht, was soll der Quatsch, das kostet Zeit, Geld und Energie und bringt auch noch Missgunst. Aber wir müssen einfach den Weg im Gehorsam gehen. Was genau kommt jetzt, wenn wir eins sind? Das wissen wir noch nicht, es ist ja Gottes Plan, und der ist immer auch ein Geheimnis, sonst bräuchten wir ihn ja auch nicht.

O'Bros
Foto: Christian Schaaf | Auch dabei: christliche Rap auf deutsch von den O'Bros

Im Juni findet die von Ihnen mitorganisierte „UNUM“-Konferenz in München statt. Wieso?

Ich hatte den Impuls, das zu tun (lacht). Es ist ein Event dieser Einheitsbewegung. Ich glaube, wenn das Volk Gottes drei, vier Tage zusammenkommt, und zusammen betet, dann verändert sich die Atmosphäre über dem Land. Wenn der Pessimismus wie eine schwere Decke über dem Land liegt, fühlt sich alles erdrückend an. Manchmal sind es dann unsere Gedanken, die Gott daran hindern, zu uns durchzukommen. Wir wollen zusammen Raum für Gott schaffen, und dann kann Gnade auf das Land kommen. Weil wir in die Einheit wollen, sind auch viele internationale Gäste da, messianische Geschwister aus Israel, arabische Leiter, auch Christen aus Asien und Afrika.

Man kann solche Konferenzen im Übrigen gar nicht oft genug machen. Im Alten Testament gibt es diese Geschichte, wie der Prophet Elisa auf dem Sterbebett liegt, und der König von Israel noch einmal zu ihm kommt. Elisa sagt zu ihm, er soll mit den Pfeilen seines Bogens auf den Boden schlagen, und der König weiß nicht, wieso. Er schlägt einmal, zweimal, dreimal, dann hört er auf. Elisa wird wütend und prophezeit ihm, dass er seine Feinde jetzt dreimal schlagen wird. Hätte er fünf- oder sechsmal geschlagen, dann hätte er sie vollständig besiegt. Ich betrachte UNUM auch als so etwas. Das klingt martialisch, aber es gibt den geistlichen Kampf. Wenn wir Gott zusammen erheben, können wir die drückenden Gedanken des Feindes in die Defensive treiben.

Gibt es neben dem Aufruf zur Einheit noch etwas, das sie speziell uns Katholiken mit auf den Weg geben wollen?

Haltet an Gottes Heiligkeit fest. Das habt ihr uns voraus, und das finde ich wunderbar. Gott ist heilig.


Die UNUM24 findet von 20. bis 23. Juni 2024 statt. Sprecher sind neben Fadi Krikor unter anderem Johannes Hartl, Bischof Heinrich Timmerevers und Bill Johnson. Den Lobpreis übernehmen Bethel Music, O'Bros, Outbreakband, Veronika Lohmer und viele weitere. Tickets kosten 169 Euro, für Kinder und Jugendliche gibt es Ermäßigungen. Alle Infos unter unum24.de

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