Credo

Der Kirchen-Heini rastet aus

Über einen Umzug nach Rom und ein hitziges Spiel, das wieder einmal lehrt: Es gibt keine bessere (oder schlechtere) Predigt als das eigene Leben.
Mehr Petersplatz - weniger Fußballplatz.
Foto: Andrew Medichini (AP) | Mehr Petersplatz - weniger Fußballplatz. Rudolf Gehrig wechselt nach Rom.

Hollywood hätte sich das nicht besser ausdenken können. Bei meinem letzten Spiel für TuS Makkabi Köln spielte ich am vergangenen Wochenende ausgerechnet gegen meine ehemaligen Mannschaftskameraden aus früherer Zeit. Meine alte Mannschaft mussten wir auflösen, viele Kollegen wechselten dann zu einem anderen Verein, doch jetzt stand ich ihnen erneut gegenüber.

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Zum letzten Mal

Schon in einer Woche werde ich am Sonntagnachmittag nicht mehr auf einem schäbigen Ascheplatz in Köln, sondern in Rom auf dem Petersplatz stehen. Ich habe einen neuen Job als Rom-Korrespondent für CNA Deutsch angenommen und werde zusätzlich künftig für EWTN Vatikan arbeiten. Eine große Ehre, aber auch eine große Verantwortung. In wenigen Tagen werde ich mit meiner Frau nach Rom umsiedeln.

Ich habe den Gedanken an den Abschied lange verdrängt, doch als ich am Sonntag auf das Spielfeld trabte, wurde mir diese Zäsur bewusst. Dann ertönte der Pfiff und sobald der Ball rollte, war ich zum Glück wieder abgelenkt. Ich wollte zum Abschied unbedingt gewinnen und versuchte deshalb, meine Mitspieler zu Höchstleistungen anzutreiben. Wie ein Berserker brüllte ich Kommandos und Anfeuerungen über den Platz und war schon zur Halbzeit heiser.

Gib die Pfeife ab

Weil der Schiedsrichter nicht aufgetaucht war, musste ein Kerl aus der gegnerischen Mannschaft pfeifen. Kein einfacher Job, er gab sich Mühe, doch nach einer Weile schien alles zu kippen. Ich hatte das Gefühl, dass er unser Team unfair behandelt, indem er einige Male fälschlicherweise Abseits pfiff und auf die Schwalben der Gegner hereinfiel. Ich war stinksauer. „Ist okay, dass du überfordert bist, aber dann sei ehrlich zu dir selbst und gib die Pfeife ab“, schrie ich ihm über den halben Platz zu.

Über den Papst?

Nachdem ein Spieler von uns verletzt vom Feld musste und wir zu zehnt weitermachen mussten, rief ich höhnisch: „Egal, wir gewinnen auch zu zehnt gegen die zwölf Mann da!“ Am Ende gewannen wir – sehr hollywoodmäßig – durch ein Tor in der allerletzten Sekunde. Zufrieden stapfte ich vom Feld. Dann kamen meine ehemaligen Mitspieler aus dem Gegnerteam auf mich zu. Es war sehr herzlich und sie hatten viele Fragen: „Ab wann gehst du nach Rom? Am nächsten Freitag schon? Was machst du dann da genau? Wie, du berichtest über den Papst?“

Mit einem Mal fand ich es sehr unangenehm, über meine Arbeit zu sprechen. Wie konnte ich ihnen glaubhaft machen, dass ich gerne für das Reich Gottes arbeite, während ich vor wenigen Minuten noch wie ein Kesselflicker geschimpft habe, ohne nur ein gutes Haar am Schiedsrichter zu lassen? Für viele von ihnen bin ich der einzige praktizierende Katholik, den sie kennen, ich bin der „Kirchen-Heini“. Was bringt mein Zeugnis, wenn ich in der Hitze des Gefechts meine Emotionen nicht im Griff habe und meine Mitmenschen herunterputze?

Darf der fluchen?

Ich fühlte mich zutiefst beschämt. Doch offenbar war ich nicht der Einzige. Ein anderer Mitspieler, der sogar Mitglied bei einer katholischen Personalprälatur ist, hatte sich wohl ebenfalls danebenbenommen, wie ich von einem anderen Mitspieler hinterher erfuhr. „Ich wollte ihm vorhin sagen, dass er den Ball mal klatschen lassen soll“, erzählte er lachend, „er sagte dann zu mir: ,Halt‘ die Fresse, ich laufe doch schon‘!“ Und dann fragte er mich: „Darf er denn überhaupt fluchen am heiligen Sonntag?“

Wie auch immer, es gibt noch viel zu tun. Und es gibt keine bessere (oder schlechtere) Predigt als das eigene Leben. Vielleicht kann ich ja von den Italienern lernen, ruhig und besonnen zu werden.

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