Credo

Ihr sollt Zeugen sein

Doch es stellt sich die Frage, als wessen „Fan“ man sich zu erkennen gibt. Muss es denn immer ein Fußballverein oder etwas Ähnliches sein? Wie wäre es mit Kirche und Glaube?
Werder Bremen
Foto: Carmen Jaspersen (dpa) | Auch ohne Fahne am Balkon weiß jeder, welchem Verein unser Kolumnist Rudolf Gehrig zujubelt.

In dieser Kolumne wollte ich ursprünglich erklären, dass jeder Christ dazu berufen ist, Zeuge des Glaubens zu sein. Die Art, wie ich meinen Alltag lebe, kann dazu führen, dass Mitmenschen mich automatisch mit dem Glauben assoziieren. Als katholischer Journalist habe ich mir diese Berufung quasi zum Beruf gemacht. Wie „gut“ ich diesen Job mache, möchte ich im Folgenden anhand meiner Balkonfahne erzählen.

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Lästiges Klappern

Eines Tages haben meine Frau und ich einen Brief von der liebenswürdigen Mieterin unter uns erhalten. Höflich bat sie uns, mal bei ihr vorbeizuschauen, sie müsste uns etwas zeigen. Bald hatte meine pragmatische Frau einen Termin mit ihr vereinbart.

Als wir bei ihr ankamen, empfing sie uns gewohnt freundlich. Sie führte uns über ihre Küche auf den rückwärtigen Balkon. Dort angekommen, deutete sie nach oben und fragte schüchtern: „Hören Sie das?“ Als ich meine Ohren spitzte, wurde mir klar, worauf das hinauslief. Es musste die über zwei Meter lange Fahne sein, die ich ein paar Wochen zuvor an unserem Balkon darüber befestigt hatte und deren Ösen deutlich hörbar gegen das Geländer schlugen.

„Es tut mir schrecklich leid“, sagte die Nachbarin nun. „Immer, wenn ich auf dem Balkon entspannen will, höre ich das Geklimper. Ich möchte Sie nicht zwingen, die Fahne abzuhängen, vielleicht können Sie die anders befestigen, damit sie nicht so gegen das Geländer schlägt!“

Der Triumph der Gattin

Triumphierend blickte meine Frau mich an. Sie war von Anfang an gegen meine Werder-Bremen-Flagge, weil sie meinen „Flaggen-Krieg“ mit dem Köln-Fan vom gegenüberliegenden Haus ohnehin kindisch fand. Dieser hatte nämlich eine große Flagge des 1. FC Köln von seinem Balkon hängen, sodass ich jeden Morgen draufblicken musste, wenn ich in der Küche vor der Kaffeemaschine stand. „Das ist kein Problem. So richtig festmachen kann man die gar nicht. Es ist wohl wirklich besser, ich hänge sie ab“, hörte ich mich sagen. Meine Frau nickte eifrig. „Ich hoffe, das ist wirklich okay für Sie“, erwiderte die Nachbarin. „Es ist mir sehr unangenehm, zumal ich mittlerweile herausgefunden habe, dass dies ja eine Fahne Ihres Lieblingsfußballvereines ist!“

Wessen Zeichen ist das?

Sie berichtete, dass sie die grün-weiße Raute auf meiner Fahne nicht erkannt hatte. Nach etwas Recherche habe sie herausgefunden, dass dies das Emblem von Werder Bremen ist. „Seitdem schaue ich ab und zu nach, wie Ihre Bremer gespielt haben“, erzählte sie, „und immer, wenn ich den Vereinsnamen oder das Zeichen irgendwo sehe, muss ich an Sie denken!“

Ich konnte der Nachbarin einfach nicht böse sein. Als ich meine Fahne vom Balkon nahm – meine Frau klatschte im Hintergrund Beifall –, dachte ich daran, wie oft mir das schon passiert ist. Ein Freund hatte mir mal einen grünen Werder-Likör gekauft, weil er zufällig an mich dachte. Ein anderer Freund kaufte sich neulich einen Werder-Whisky, für den Fall, dass ich mal vorbeikomme. Beide Freunde interessieren sich kein bisschen für Fußball. Doch sie verbinden den Verein immer mit meiner Person.

Endlich wieder ein schöner Balkon

Auf meinem Auto klebt ein Werder-Sticker, jeder weiß, dass ich keinen Besuch empfange, wenn meine Mannschaft spielt, und als wir letzte Saison abgestiegen sind, kamen Beileidsbekundungen von Leuten, von denen ich seit zehn Jahren nichts mehr gehört hatte. Warum ist das nur beim Fußball so? „Kann es sein, dass durch mich mehr Leute wissen, was Werder Bremen ist, als dass sich durch meine Arbeit irgendjemand mehr für den Glauben und die Kirche interessiert“, fragte ich meine Frau. „Keine Ahnung“, tönte es zurück, „ich weiß nur, dass unser Balkon jetzt endlich wieder gut aussieht!

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