Credo

Dafür sorgen, dass das Licht an bleibt

Große Worte über christliche Werte sind hierzulande oft so leer wie Europas Kirchen und Kathedralen. Da braucht es Zeugen des Glaubens, die einfach nicht aufgeben.
Osternacht
Foto: Patrick Seeger (dpa) | Am Ende ist es vielleicht doch nur wichtig, dass einer da ist, der das Licht an lässt.

Hier in Rom kenne ich einen deutschen Priester, der einen Kampf gegen Windmühlen führt. „Dieser Dreck macht mich wahnsinnig“, pflegt er zu sagen, und wann immer ich mit ihm unterwegs bin, kann es passieren, dass er plötzlich stehen bleibt, um eine Flasche oder eine schmutzige Plastiktüte aufzuheben, die auf der Straße herumliegt. Nicht nur das: Regelmäßig kehrt er die Straße vor dem Haus, in dem er wohnt. Für viele Römer ein Kuriosum. „Die gucken mich an, als wäre ich ein Auto“, erzählt der Priester.

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Unermüdlicher Sisphos

Meist ist der Gehsteig in kürzester Zeit wieder schmutzig und doch rückt der Geistliche immer wieder mit dem Besen aus. Auch wenn ich selbst nicht dafür bekannt bin, einen Ordnungsfimmel zu haben, so bewundere ich doch die Gelassenheit und Ausdauer, mit der mein Freund immer wieder gegen den Schmutz zu Felde zieht. Ich glaube, es hängt mit dem missionarischen Charakter dieses Priesters zusammen, dass er sich nicht entmutigen lässt. Keine Mühe ist umsonst und wer weiß, was diese Tat im Verborgenen bewirkt. Bei näherer Betrachtung ist dieser Sisyphos mit dem Besen vielleicht der Inbegriff eines Missionars in der heutigen Zeit.

Wir Christen kämpfen nur noch Rückzugsgefechte. Zwar schmücken sich noch einige Politiker mit einem sogenannten „christlichen Wertefundament“, doch ebenso wie die vielen Kathedralen und Kirchen bleiben auch diese Worte oftmals leer. Dieses Europa, das durch ein tiefes christliches Bewusstsein einst so stark wurde, legt die Axt an die eigenen Wurzeln. Uns Christen behandelt man oft wie diese peinlichen, entfernten Verwandten, die zwar zwangsläufig zur Familie gehören, bei denen man aber jedes Mal innerlich zusammenzuckt, sobald sie nur den Mund aufmachen. Unsere Rituale und Überzeugungen werden sogar als eine Gefahr für den Familienfrieden gedeutet.

Ein aussichtsloser Kampf

Das Gefühl, ein beargwöhnter und sogar bekämpfter Außenseiter zu sein, wird zu unserem Markenzeichen. Unsere Versuche, die Menschheit wachzurütteln und an die Botschaft Christi zu erinnern, scheinen frucht- und hoffnungslos. Aber ist das wirklich so? In vielen Ländern außerhalb Europas sehen wir Aufbrüche und eine Rückbesinnung auf das Evangelium. Warum sollte das hier nicht auch möglich sein? Dafür braucht es weiterhin Zeugen, die nicht aufgeben. Ich habe in diesem Zusammenhang schon oft an die Netflix-Serie „Narcos Mexico“ gedacht.

Darin wird der Aufstieg der Drogenkartelle in Mexiko nachgezeichnet und detailliert beschrieben, wie es möglich war, dass Kriminelle durch ein Netz aus Korruption und Einschüchterung eine solche Macht erhalten haben. Gezeigt wird auch der scheinbar aussichtslose Kampf gegen die Drogen-Imperien, die Stück für Stück auch die Gesellschaft zersetzen. Da ist zum Beispiel eine junge Journalistin, die nicht lockerlässt und sich immer wieder mit den Mächtigen anlegt, bis es sogar zu mehreren Anschlägen auf die Redaktionsräume und Journalisten der Zeitung kommt.

Licht an lassen

In einer Folge dieser Serie steht die Journalistin nach einem weiteren, scheinbar aussichtslosen Kampf gemeinsam mit ihrem Chefredakteur draußen im Hinterhof, um eine Zigarette zu rauchen. „Um ehrlich zu sein, ich glaube, wir bewirken überhaupt nichts“, sagt der sichtlich erschöpfte Chefredakteur. „Ich hoffe schon, was tun wir sonst hier“, entgegnet sie, bis der Chefredakteur schließlich einen Satz sagt, der noch immer in mir nachklingt: „Wir sorgen dafür, dass das Licht an bleibt. Wir machen eine Zeitung, selbst wenn es die Welt nicht schert. Das ist der Job.“ Vielleicht beschreibt das auch unseren „Job“ als Christen ganz gut. Wir sollen das „Licht der Welt“ sein. Sorgen wir dafür, dass es an bleibt.

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