Regensburg

Voderholzer: Benedikt nicht zum Sündenbock machen

Der Regensburger Oberhirte fordert, sexuellen Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Phänomen verstärkt in den Blick zu nehmen.
Rudolf Voderholzer sieht Papst Benedikt XVI. nicht als Sündenbock
Foto: Maria Irl (KNA) | Rudolf Voderholzer sieht weder Papst Benedikt XVI. noch die Katholische Kirche insgesamt als Sündenböcke an.

So sehr sich die Kirche ihrer Schuld stellen müsse, so wenig taugten weder Papst Benedikt XVI. noch die Katholische Kirche als Ganzes zu „Sündenböcken“, auf die man den in allen gesellschaftlichen Bereichen stattfindenden sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen „abladen“ könne, sagte der Regensburger Diözesanbischof Rudolf Voderholzer am Sonntagnachmittag während einer Vesper im Regensburger Dom.

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Voderholzer: Kirche vorbildlich bei Missbrauchsaufarbeitung und Opferunterstützung

Der Regensburger Oberhirte betonte, dass es unstrittig sei, den sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch kirchliche Mitarbeiter restlos aufzuklären – und dankte den Opfern von Missbrauch und Körperverletzung im Bistum Regensburg für das großmütige Vertrauen, durch das „eine gute Aufarbeitung und weitgehende Befriedung“ auf den Weg gebracht werden konnte.  

Gleichzeitig verwies Voderholzer auf die Tatsache, dass sexueller Missbrauch nicht nur ein innerkirchliches, sondern vor allem ein gesamtgesellschaftliches Problem darstelle. Damit stimmte der Bischof einem Kommentar der „Mittelbayerischen Zeitung“ zu, der sich mit dem Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising auseinandersetzte und zudem auf die gesamtgesellschaftliche Tragweite gewalttätiger Sexualität hinwies: Allein 2020 wurden deutschlandweit 80.000 Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung zur Anzeige gebracht.

Angesichts dieser hohen Zahlen forderte Bischof Voderholzer einen Institutionenvergleich und fragte: „Wo sind denn die Maßnahmen zur Aufarbeitung in der Schule oder beim Sport? Da ist die Kirche doch meilenweit voraus.“ Das gelte auch für die Anerkennungsleistungen. Der Kommentar der „Mittelbayerischen Zeitung“ hatte, so Voderholzer, die Anerkennungsleistungen der Kirche von bis zu 50.000 Euro mit den Schmerzensgeldern verglichen, die Gerichte zuerkennen. Sie überstiegen sehr selten die 10.000-Euro-Grenze. „Wer diese Summen angesichts einer zerstörten Kinderseele beklagt, der sollte sich zunächst an den Bundesjustizminister, nicht an den früheren Erzbischof Ratzinger und späteren Papst wenden“, zitierte Bischof Voderholzer den Kommentar der „Mittelbayerischen“. 

Synodaler Weg: Missbrauchsaufarbeitung ersetzt keine Neuevangelisierung

Den Missbrauch müsse die Kirche aufarbeiten, so Voderholzer, um die eigene Schuld zu erkennen, um menschenmögliche Gerechtigkeit für die Opfer zu erreichen sowie um effektiv künftigen Straftaten präventiv entgegenzuwirken. Missbrauchsaufarbeitung aber ist nicht die Antwort auf die massive Glaubenserosion. Die Reform der Kirche müsse dem Glaubensverlust auf den Grund gehen, und seiner Dynamik begegnen. 

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Reformuntauglich seien diesbezüglich jedoch laut Voderholzer die Ansätze des Synodalen Weges. Der Glaube wachse nicht auf der Grundlage noch so gründlich abgestimmter Professorentexte und nicht der Missbrauch sei die Wurzel der Krise. Er werde vielmehr instrumentalisiert, um Rezepte anzudienen, die sich längst als untauglich erwiesen haben. Bischof Voderholzer: „Was dabei übersehen oder bewusst verschwiegen wird, ist, dass es die von alten zölibatären Männern geleitete Kirche bei der Prävention, der Aufklärung und Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs von allen Institutionen am weitesten gebracht hat.“ 

Voderholzer: Bischöfe - nicht Gremien - müssen Letztverantwortung übernehmen

Neben richtig verstandener Synodalität, der Stärkung des häuslichen Gebets in Familien und Nachbarschaftskreisen sowie der Ausbildung und Aussendung von Katecheten nach dem Vorbild des Bistums Roms betonte Bischof Voderholzer, dass auch er selbst alles in seiner Macht stehende dazu beitragen wolle, um den katholischen Glauben unter den Menschen zu verbreiten. „Gerade auch als Bischof“ dürfe er sich nicht, so Voderholzer, „hinter Räten oder anonymen Entscheidungsgremien verstecken (…) , wenn es um zentrale Fragen des Glaubens und der Kirchengestaltung geht, sondern als Zeuge des überlieferten Glaubens dafür auch mit meiner ganzen Existenz und mit meinem Namen geradestehen muss.“ DT/sta

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