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Ein Mann wie Ratzinger stört

Darum wollte ihn das Tribunal der öffentlich-rechtlichen Meinung am Donnerstag vernichten. Ein Narrativ wurde geschaffen, das helfen soll, die Kirche von Grund auf zu verändern. Aber die Faktenlage lässt keine Verurteilung des späteren Papstes zu.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. muss nun als Sündenbock für die Kirche herhalten
Foto: KNA | Zur besten Sendezeit wurde in den öffentlich-rechtlichen Medien das Urteil über Benedikt XVI. gesprochen.

Noch am Tag der Veröffentlichung des von der Erzdiözese München in Auftrag gegebenen Missbrauchsgutachtens durch die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) hat in Deutschland eine Empörungswelle das Andenken an den Landsmann auf dem Stuhl Petri überspült, die schon beispiellos ist. Zur besten Sendezeit wurde in den öffentlich-rechtlichen Medien das Urteil über Benedikt XVI. gesprochen: Schuldig. Zwar mangelt es an Beweisen. Genauer: Es gibt keinen einzigen.

Öffentliche Meinung folgt dem Diktum des Münchner Tribunals

Trotzdem folgte die öffentliche Meinung dem Diktum des Münchner Tribunals, das zwar kein Gericht ist, sondern eine anwaltliche Gutachterstelle, aber vollmundig behauptete, dass der Emeritus als Erzbischof von München sehr wahrscheinlich von Missbrauchspriestern gewusst habe, die in der Seelsorge eingesetzt wurden. Wäre die anwaltliche Gutachterstelle WSW ein normales Gericht gewesen, wäre der „Angeklagte“ Benedikt XVI. auf jeden Fall wegen mangelnder Beweise freigesprochen worden.

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Aber so funktioniert es nicht, wenn es um einen Kirchenmann geht, dessen Theologie noch orthodox und dessen Kirchenbild vom Glauben an die Offenbarung getragen ist: Der muss einfach weg, damit sein Vermächtnis und Erbe nur ja nicht stört, wenn es bis in die Spitzen des deutschen Episkopats jetzt erklärter Wille ist, eine neue, am progressiv-protestantischen Modell ausgerichtete Kirche katholischer Provenienz zu errichten. Ein Mann wie Ratzinger stört. Am Donnerstag hat ihn der mediale Apparat mit Hilfe eilfertiger Theologen vernichtet.

Ratzinger war Vorreiter der Missbrauchsaufklärung

Dabei war Kardinal Ratzinger einer der ersten, die in Rom vor über 20 Jahren erkannt haben, dass es mit den Missbräuchen und dem Vertuschen in der Catholica so nicht weiter geht. Als Papst hat er dann die Wende eingeleitet, die Franziskus weiterführt. Nach der Vorverurteilung durch die mediale Öffentlichkeit am Donnerstag fangen jetzt Rechtschaffene an, das Gutachten von WSW und die Stellungnahme Ratzingers auch wirklich zu lesen. Sie werden sehen: Es sind nur Vermutungen, dass der damalige Erzbischof von München von Missbrauchstätern in seinem Beritt erfahren haben könnte. Zum Beispiel während der Ordinariatssitzung vom 15. Januar 1980.

Offensichtlich ist die Stellungnahme Benedikts in dieser Frage nicht korrekt. Ratzinger war bei der Sitzung dabei. Und wie aus Rom zu erfahren ist, wird man das auch richtigstellen. Aber bedeutet das auch schon, dass die Personalie H. in der Sitzung überhaupt diskutiert wurde? Auch das Protokoll der Sitzung oder Zeitzeugen liefern keinen Beweis, dass der damalige Erzbischof wusste, wer da genau mit welcher Vorgeschichte in seine Diözese gekommen war. 

Der Emeritus als Sündenbock

So muss der emeritierte Papst nun als Sündenbock für eine Kirche herhalten, die in skandalöser Weise Opfer ignoriert, Täter geschützt und das Image einer im Inneren korrupten Kirchenverwaltung wider besseres Wissen aufrechterhalten hat. Es trifft den Falschen. Gegen größte Widerstände war es Kardinal Ratzinger / Papst Benedikt vor zwanzig Jahren gelungen, das Krebs-Geschwür des Legionärs-Gründers aus dem Leib der Kirche und seiner Entourage im Vatikan herauszuoperieren. Dieser Mann verdient es nicht, jetzt an den Pranger gestellt zu werden. Vor allem dann, wenn nicht ein einziger Beweis für eine mögliche und erwiesene Schuld vorhanden ist.

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