Kommentar um "5 vor 12"

Benedikt, ein Lügner?

Kein Papst hat für die Aufarbeitung von Missbrauch mehr unternommen als Benedikt XVI., meint der Publizist Bernhard Meuser. Es gebe keinen einzigen gerichtsfesten Beweis, der ihn der Vertuschung überführt.
Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.
Foto: Goya Producciones | Wer immer Benedikt bei der Abfassung seiner Stellungnahme zu den Vorwürfen beraten hat - er hätte klugerweise darauf hinweisen sollen, dass sie nicht in den Händen von Forensikern und kühl abwägenden Rechtsanwälten ...

Als Betroffener von Missbrauch bezeuge ich: Kein Papst vor ihm und leider auch keiner nach ihm - auch keine andere Person in Rom - hat für die Aufarbeitung von Missbrauch mehr unternommen als der Präfekt der Glaubenskongregation und spätere Papst Benedikt XVI. – und zwar gegen denkbaren Widerstand kurialer Kreise. Das ist nicht meine Meinung oder die Meinung von Kardinal Schönborn („Wer behauptet, der frühere Kurienkardinal Joseph Ratzinger habe sich dem Thema nicht gestellt, der kennt die Fakten nicht“). Die Dinge sind bestens dokumentiert, etwa in Kapitel 68 der großen Benedikt–Biographie von Peter Seewald

Angst, es könne das "Amt" beschädigt werden

Wer immer den fast 95-jährigen Emeritus bei der Abfassung seiner Stellungnahme zu den Vorwürfen beraten hat, er hätte klugerweise darauf hinweisen sollen, dass sie nicht in den Händen von Forensikern und kühl abwägenden Rechtsanwälten verbleiben würde. Es handelt sich um einen Text, der allein auf die juristische und justiziable Dimension der Verantwortlichkeit des ehemaligen Erzbischofs von München ausgerichtet ist. 

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Wahrscheinlich hat dem Emeritus dabei weniger die Angst vor persönlicher Demütigung die Feder geführt, als die Angst, es könne das „Amt“ beschädigt werden, wenn etwas nicht korrekt im juristischen Sinne gelaufen sei. Missbrauch geht aber zunächst die Opfer an, denen eine fundamentale seelische Beschädigung zugefügt wurde. Opfer lesen den Text nicht als Amtsvorgang – sie vermissen die menschliche Dimension. 

Die Moral wächst mit dem Abstand zu den Ereignissen

Bernhard Meuser

Doch zurück zum Gutachten, das ich akribisch zu lesen empfehle: Wo ist im gesamten Text auch nur einziger gerichtsfester Beweis, der Benedikt der aktiven Vertuschung oder der bewussten Falschaussage überführt? Es mag Gedächtnisfehler geben. Es mag Fehleinschätzungen gegeben haben. O Wunder: Auch der Papst ist nur ein Mensch! Bei vielen, die heute genau wissen, was damals zu tun gewesen wäre, wächst die Moral mit dem Abstand zu den Ereignissen. „Benedikt der Lügner“ ist nur eines: eine die Ehre abschneidende, infame Unterstellung, bei der ich erstens rate, die zu betrachten, die schon seit Jahrzehnten in der Anti-Ratzinger-Kampagne („Panzerkardinal“) mit Schmähreden und Diffamierungen unterwegs sind.

Und zweitens sollte man sich fragen, wem es nützt, dass ein hochverdienter alter Mann in Rom nun zum monströsen Sündenbock der deutschen Kirchenkrise gemacht wird. Man kommt sehr bald zum Schluss: Der dicke Skandal kommt denen entgegen, die sich gerade ganz, ganz dünnemachen, weil eine Menge Unvorteilhaftes aus jüngerer Zeit über sie im Gutachten zu lesen. Ist. Es müssten wahrhaft andere Leute nach vorne- oder besser gleich zurücktreten.

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