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„Wir leben von der Zusage Jesu, dass er immer mit uns ist“

Der neue Bischof von Innsbruck, Hermann Glettler, appelliert an die Christen, im Dialog mit Muslimen begeistert von Christus zu sprechen. Von Stephan Baier
Steirer Hermann Glettler zum Bischof von Innsbruck ernannt
Foto: Martin Gsellmann | Der Papst hat den Steirer Hermann Glettler zum Bischof von Innsbruck ernannt. Am 2. Dezember wird er geweiht.

Exzellenz, in – bis zu Ihrer Bischofsweihe am 2. Dezember – rund zwei Jahren Sedisvakanz sind in Tirol auch Verbitterung und Enttäuschung spürbar geworden. Muss der neue Bischof zunächst einmal Wunden heilen?

Ja, schon. Ich nehme ernst, dass dies eine schwierige Phase war – durch die Länge der Vakanz und einen Mangel an Transparenz. Die Kirche ist in der Bischofsbestellung grundsätzlich frei, aber faktisch auch von einer medialen Öffentlichkeit getrieben. Es ist zu überlegen, wie das in Zukunft besser in einer guten Kommunikation mit der Ortskirche laufen kann. Diözesanadministrator Jakob Bürgler hat die Diözese Innsbruck in der Zeit der Sedisvakanz mit Feinfühligkeit und großem Engagement geleitet. Viele sahen in ihm den zukünftigen Bischof, sodass er sich mit vielen Erwartungen konfrontiert sah. Seine menschliche Größe und Gelassenheit, mit der er die anderslautende Entscheidung aus Rom aufgenommen hat, sind beeindruckend.

Es kommt jetzt der dritte Nicht-Tiroler in Folge als Bischof nach Innsbruck. Zudem wurden Ihre beiden Vorgänger wieder weiterbefördert: Alois Kothgasser nach Salzburg, Manfred Scheuer nach Linz.

Es hat tatsächlich den Eindruck, dass Tirol auch in der Bischofsfrage nur ein Transitland sei. Reinhold Stecher war der einzige waschechte Tiroler auf dem Bischofssitz. Ich jedenfalls habe nicht vor, gleich wieder zu gehen. Die ersten Begegnungen in Innsbruck waren sehr berührend. Von Anfang an spürte ich eine echte Herzlichkeit und viel Wohlwollen. Die Leute haben mich als ihren zukünftigen Bischof mit „Migrationshintergrund“ mit großer Offenheit empfangen.

Was erwartet die Tiroler? Was prägte und prägt Bischof Hermann Glettler?

Geprägt hat mich die Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungen. Aufgewachsen bin ich auf einem Bergbauernhof, mit einem sehr bodenständigen, herzhaften Glauben. Mit zehn Jahren kam ich nach Graz, wurde in einer großen Familie wie ein weiteres Kind aufgenommen. Das Eintauchen in die Stadt war für mich zunächst ein Kulturschock, hat mich letztlich aber doch zu einem urbanen Typ geformt. Cursillo und die Charismatische Gemeindeerneuerung haben die traditionelle Glaubenskultur meiner Familie verändert. Mit 15 Jahren konnte ich nach einem Glaubensseminar mit jugendlicher, wenn auch etwas naiver Überzeugung sagen: „Jesus, ich stelle dir mein Leben zur Verfügung!“ Das war eine bewusste Entscheidung. Meine positive Glaubenserfahrung musste ich jedoch in vielen Diskussionen mit Schulkollegen und Freunden verteidigen. Das hat mir Respekt vor anderen Überzeugungen beigebracht. Nach der Matura lernte ich auf einer Reise nach Burgund die Gemeinschaft Emmanuel in Paray Le Monial kennen. Ein gemeinschaftlicher Lebensstil und eine missionarische Grundausrichtung haben meinen schon vorhandenen Wunsch, Priester zu werden, noch verstärkt. Ich studierte Theologie und zugleich Kunstgeschichte, hatte damit unterschiedliche Freundeskreise und interessiere mich seit damals intensiv für zeitgenössische Kunst. Nach meiner Kaplanszeit in der Steiermark ging ich für ein Sabbatjahr nach Paris. Ich habe als Seelsorger in einem Viertel mitgearbeitet, wo es durch Migration einen extremen ethnischen und religiösen Mix gab.

Die Zeit in Paris war damit wohl auch eine Vorbereitung auf Ihre Seelsorge im multikulturellen Grazer Bezirk Gries. War das eine Fügung?

Rückblickend kann ich sagen, dass ich an jedem Ort, an dem ich wirken durfte, in irgendeiner Weise schon auf den nächsten Einsatz vorbereitet wurde. Ich glaube an Gottes Vorsehung. Er führt uns, wenn wir innerlich beweglich bleiben und uns seinen Impulsen gegenüber nicht versperren. Gott führt uns auch dann, wenn wir etwas starrköpfig oder aus Lieblosigkeit handeln. Seine Vorsehung ist kein Regiebuch, bei dem die ganze Sendung im Eimer ist, wenn wir einen Fehler machen. Er kann das Zerbrochene und Fehlerhafte wieder ins Positive wenden.

War bei Ihnen der Aufenthalt in Paris auch Vorbereitung auf ein multiethnischer und zugleich säkularer werdendes Österreich?

Ja. Was ich dort erlebte, war Kirche in einer stärker laizistischen, säkularen Gesellschaft, war das Ergebnis jahrzehntelanger Einwanderung und ein pulsierendes Lebensgefühl unterschiedlicher Ethnien. In Paris habe ich auch das Tauf-Katechumenat für Erwachsene kennengelernt. Durch den Weltjugendtag 1997 in Paris ist das Christentum für viele Franzosen neu zu einer Frage geworden – und viele Erwachsene wurden zur Taufe geführt. In Graz, wo ich 17 Jahre lang in einem multikulturellen Bezirk Pfarrer war, haben wir als Gemeinde versucht, im „bunten Wahnsinn der Vorstadt“ mit allen dort sichtbaren sozialen und kulturellen Brüchen präsent zu sein.

Seit 2015 sind Ängste und Ressentiments gegenüber „Fremden“ und Andersgläubigen in Österreich gewachsen. Was ist da die Rolle der Kirche?

Zeugnis des Vertrauens und der Einheit zu geben – ohne Ängste kleinzureden oder mit Vorwürfen zu reagieren. Wir leben von der Zusage Jesu, dass er immer mit uns ist. Der Kurzschluss hin zu einem neuen „Kulturkampf“ oder zum Aufbau einer aggressiven Abwehrhaltung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund erweist der Gesellschaft keinen guten Dienst. Kirche muss Vertrauen vermitteln und wachsam sein, darf besorgniserregende Entwicklungen aber auch nicht verschlafen.

Um dem gewachsen zu sein, braucht es einen standfesten Glauben.

Ja, aber nicht das betonfixierte Gebäude hält dem Erdbeben stand, sondern eines mit Elastizität. Oder, wer steht in einem steilen Hang gut auf seinen Skiern? Jedenfalls nicht der, der starr und steif ist. Das heißt nicht, dass wir gegenüber jedem Druck von außen knieweich werden sollen, sondern dass wir eine geistliche Beweglichkeit brauchen. Es gibt einen Anruf Gottes in unserer Zeit, der uns aus der Komfortzone eines zu eng gewordenen bürgerlichen Lebens herausruft. Angesichts von Migrationsbewegungen heißt das: Nur Zäune hochziehen und Menschen zurückdrängen, die aus einer aussichtslosen Notlage kommen, wäre zumindest längerfristig keine Lösung, die dem Evangelium entspräche. Der Papst mahnt immer wieder, all jene, die ihre Heimat verlassen mussten, mit offenen Armen zu empfangen. Natürlich braucht es ein menschliches Augenmaß für das, was ein Land leisten kann und was nicht.

Wie politisch kann, darf und soll die Kirche bei diesen Themen sein?

Vertrauensbildend zu sein, ist auch politisch. Die Kirche ist mitten drinnen, unterstützt auch staatliche Strukturen, aber sie muss kritisch sein, wenn Aufnahmekapazität und Gastfreundschaft klein- oder schlechtgeredet werden. Am Anfang haben so viele Menschen mitgeholfen, Solidarität war allerorts erlebbar, aber dann ist etwas gekippt – dieses Kippen ist meiner Meinung nach bewusst herbeigeredet worden. Auch dadurch, dass man den Asylbewerbern keine Chance gegeben hat, sich rasch an der Mehrheitsgesellschaft mit einer sinnvollen Arbeit positiv zu beteiligen. Viel zu lange hat man sie zum Nichtstun verpflichtet. Jetzt redet man über den Arbeitsdienst.

Könnte die Angst vor dem Islam damit zu tun haben, dass die Gesellschaft in Österreich sich ihrer christlichen Prägung nicht mehr sicher ist?

Jedes Vakuum saugt Kräfte von außen an. Wenn ein Mensch in sich ruht, kann er seinem Nächsten offener und ehrlicher begegnen. Kultivierte Glaubensüberzeugungen geben dem Menschen einen inneren Halt. Unsere westeuropäische Gesellschaft hat sich über Jahrzehnte den scheinbaren Luxus geleistet, geistliches Leben und Religion nicht wirklich ernst zu nehmen. Jetzt wird eine Religionsgemeinschaft, die bewusst und vital ihren Glauben lebt, zur gefühlten Bedrohung. Weit mehr Sorge bereiten mir jedoch die leeren Kirchen als die vollen Moscheen. Das Glaubenszeugnis der Muslime ist für uns Christen eine wichtige Herausforderung, unseren Glauben wieder bewusster und ohne Scheu zu leben. Wer oder was hindert uns daran, die Bibel vom Regal zu nehmen, sie abzustauben und aufzuschlagen?

Müssen sich die Österreicher vor dem Islam fürchten?

Der Islam ist in sich heterogen. Es gibt einen Islam, vor dem sich Europa mit Recht fürchten sollte: ein salafistischer Islam, der mit einem eigenartigen Interesse von Saudi-Arabien nicht nur in alle nordafrikanischen Staaten und auf den Balkan exportiert wird, sondern auch bei uns in Westeuropa anzutreffen ist. Nicht fürchten muss man sich vor der Mehrzahl der Muslime, die ihren Glauben in einer friedliebenden Haltung leben, wie ich meine. Man muss in dieser Frage also wirklich differenzieren, um nicht einerseits blauäugig zu werden und andererseits stereotype Negativschablonen zu bedienen. Ein guter nachbarschaftlicher Umgang gibt den Muslimen die Chance, ihren Glauben ohne Legitimationszwang zu leben und sich dadurch selbst von allen fundamentalistischen Versuchungen zu distanzieren. Wichtig ist, dass Muslime uns Christen als gläubige, freundliche, offene und couragierte Bürger erleben. Einige Muslime, die jetzt im Katechumenat sind, sagen, das sei für sie ausschlaggebend gewesen. Wir versuchen jedoch nicht, Andersgläubige von ihrer Religion abzuwerben, schon gar nicht mit unlauteren Mitteln.

Welche Mittel wären unlauter?

Den Glauben des anderen schlecht zu machen, gesellschaftlichen Druck aufzubauen, keine Möglichkeiten für die Religionsausübung zur Verfügung zu stellen, das alles wäre unlauter. Ein lauteres Mittel ist das authentische Lebenszeugnis von uns Christen. Es sollte in unserer Lebenspraxis sichtbar werden, was der Grund unserer Hoffnung ist, die uns erfüllt. In der Gemeinschaft Emmanuel haben wir die Regel, dann explizit von Christus zu sprechen, wenn man gefragt wird und die Ampel auf grün steht. Wenn die Ampel auf rot steht, ist jedes Wort sinnlos und vielleicht sogar verletzend. Im Dialog mit Muslimen ist es durchaus redlich, begeistert von Jesus zu sprechen – und zwar nicht nur als Propheten. Jesus ist nach unserer Überzeugung der Bruder aller Menschen und zugleich auch Gott. Es wäre fatal, wenn wir das Christusbekenntnis im interreligiösen Dialog zurücknehmen würden. Gott hat uns mit Jesus doch alles gegeben! Er war und ist das geöffnete Herz Gottes in Person. Wir dürfen diese entscheidende Offenbarung nicht ausklammern, nur um uns theologisch unkomplizierter verständigen zu können. Trotzdem ist es wichtig und sinnvoll, in allen Begegnungen zuerst das zu betonen, was uns verbindet.

In Österreich schrumpft die Zahl der Christen, während jene der Menschen ohne religiöses Bekenntnis wächst. Wo sehen Sie missionarische Aufbrüche?

Es gibt viele kleine Feuer des Heiligen Geistes: lebendige Pfarrgemeinden, weltweit nicht nur sterbende, sondern auch wachsende Kirchen und Gemeinden, traditionelle Orden und Gemeinschaften, die sich wieder erneuert haben, sowie auch eine Fülle von Aufbruchs- und Erneuerungsbewegungen. Diese Feuer zu nähren ist mein Auftrag als Bischof. Ich will zuerst sehen und wahrnehmen, was der Geist Gottes schon längst gewirkt hat. Da gäbe es so viel Wunderbares aufzuzählen, was ich in der Diözese Innsbruck schon kennengelernt habe. Ich möchte in Zukunft Gemeinden, Pfarren und kleine Zellen christlicher Lebensgemeinschaften ermutigen, dass sie alles, was ihrem Charisma entspricht, möglichst leidenschaftlich und liebevoll tun. Große Bedeutung lege ich auf eine lebendige Feier der Heiligen Messe und auf eine Sonntagskultur, in der es auch eine Gastfreundschaft und Aufmerksamkeit für Menschen gibt, die nur selten zur Kirche kommen.

Aus heutiger Sicht und mit Gottes Gnade dürfen Sie im Jahr 2040 dem Papst Ihren altersbedingten Rücktritt anbieten. Wie sieht die Kirche in Österreich dann aus?

Ganz anders und doch wiedererkennbar als die eine, heilige, katholische Kirche. Sie wird bestimmt ein deutlich solidarisches Gesicht haben. „Eine Kirche der Armen für die Armen“ laut Papst Franziskus. Vielleicht ist es ihr gelungen, die Faszination des christlichen Glaubens gerade in einer auf maximalen Profit getrimmten Welt wieder erlebbar gemacht zu haben. Zu meiner Vision gehört auch, dass es in den alten Klöstern neue Gemeinschaften gibt, in denen etwas von der ewigen Jungkraft des Evangeliums Gestalt angenommen hat – vielleicht ohne ewige Gelübde, aber mit viel Kreativität, Inspiration und Gottesnähe.

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