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Wettlauf mit dem Zeitgeist verloren

Die Begeisterung für die Aktion #liebegewinnt scheint gering. Sind Segnungen homosexueller Paare vielleicht doch nicht die Gretchenfrage der Kirche?
Regenbogen-Flagge an Kirche
Foto: Michael Gstettenbauer via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Zum zweiten Mal finden in Deutschland mit der Initiative #liebegewinnt „Segensgottesdienste für Liebende“ statt.

Heute ist es wieder so weit: Zum zweiten Mal finden in Deutschland mit der Initiative #liebegewinnt „Segensgottesdienste für Liebende“ statt. Während letztes Jahr nach der (erneuten) Absage der Glaubenskongregation zur kirchlichen Segnung von homosexuellen Partnerschaften 111 Segensgottesdienste in ganz Deutschland stattfanden, finden sich dieses Jahr nur noch 80 Gemeinden beziehungsweise Kirchräume dafür. 

Die Scharen bleiben aus

Erstaunlich: Nach Monaten intensiver Diskussionen rund um #outinchurch und eine Änderung der kirchlichen Grundordnung hin zu mehr Offenheit für queere kirchliche Mitarbeiter sollte man meinen, dass heute gar nicht genug Kirchen ihre Türen für die geplanten Feiern öffnen können. Nur: Die Begeisterung scheint gering, und auch die Scharen bleiben offenbar aus. Lauschte man im Februar den Teilnehmern des Synodalen Weges – inklusive zahlreicher Bischöfe –, konnte ein unbedarfter Beobachter durchaus den Eindruck gewinnen, es handele sich bei der Segnung homosexueller Paare um die Gretchenfrage der Kirche zu Beginn des dritten Jahrtausends. Nur sprechen die Zahlen dagegen. Angst der Betroffenen vor Entdeckung oder Diskriminierung – sowohl seitens durchführender Seelsorger als auch seitens der Paare – kann nach dem vergangenen Jahr nicht der Grund sein. Die Initiative #outinchurch hat eindrucksvoll bewiesen, dass kein kirchlicher Mitarbeiter in einem deutschen Bistum wegen einer Lebensführung, die nicht der Lehre des Evangeliums zu Sexualität und Ehe entspricht, eine Kündigung fürchten muss.

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Die Gründe sind woanders zu suchen. Der homosexuelle Münchner Pfarrer Wolfgang Rothe hat auf Twitter beklagt, dass er in München und Umgebung keine einzige Kirche für einen Segensgottesdienst gefunden hat. Seine sämtlichen Anfragen an Gemeinden seien unbeantwortet geblieben oder abgelehnt worden. Rainer Teuber, Mitinitiator der Initiative #OutInChurch, bedauert seinerseits, dass es im Gegensatz zum letzten Jahr kein Gottesdienst im Essener Dom gebe. „Möglicherweise hat es doch zu viel Ärger gegeben“, vermutet er gegenüber dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“. Acht Bischöfe wurden laut „queer.de“ seitens der #liebegewinnt-Initiatoren für ein persönliches Treffen angefragt; einzig der Essener Weihbischof Ludger Schepers ist der Einladung gefolgt. Er ist der erste und bisher einzige deutsche Bischof, der einer Segensfeier beiwohnt.

Entgegen allen vollmundigen Beteuerungen auf dem Synodalen Weg scheint die Bereitschaft von Kirchenoberen, offen den Anordnungen der Glaubenskongregation entgegenzuhandeln, gering. Dabei wollen die Synodalpapiere zur Änderung der kirchlichen Lehre in Bezug auf Sexualität und Ehe, die bereits in erster Lesung mit einer breiten bischöflichen Mehrheit verabschiedet wurden, doch genau das. Der Synodale Weg outet sich damit immer mehr als Mogelpackung.

Nur vereinzelt kommen sie zum Seelsorgegespräch

Offensichtlich steht der Kampf für Segnungsfeiern aller „Paare, die sich lieben“, auch nicht im Zentrum der Bemühungen der Gemeinden, noch nicht einmal im Bistum München, dessen Hirte mehr als einmal betont hat, der Katechismus lasse sich ändern, auch in Fragen der Sexualität. Diese Tatsache weist auch auf ein weiteres: Man darf davon ausgehen, dass sich mehr Gemeinden zu Segnungsgottesdiensten bereitfänden, wenn segenswillige Paare ihnen die Türen einrennen würden. Genau das tun sie aber nicht.

Dazu passt, was Rebekka Weidenbach, Gemeindereferentin in der Duisburger Innenstadt, dem „Domradio“ erzählt hat: Im Anschluss an den Segnungsgottesdienst in Bottrop kamen die gesegneten Paare nur vereinzelt zum Seelsorgegespräch. Entweder gibt es sie in der Kirche nicht, die Scharen an homosexuellen Paaren, oder sie haben sich seit Langem von der Kirche abgewandt. Womit klar ist, wo sich die eigentliche Herausforderung der Kirche des dritten Jahrtausends befindet: Die Kirche ist nicht dazu da, sämtliche (egal ob homo- oder heterosexuellen!) Lebensentwürfe gutzuheißen, sondern allen Menschen die Erlösung zu bringen. Dazu ist nicht der aussichtslose Wettlauf mit dem Zeitgeist angesagt, sondern Evangelisierung.

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