Kosovo

Kosovo: „Wir Serben sind hier unerwünscht“

Für die serbisch-orthodoxe Kirche ist der Kosovo nicht einfach ein geografischer Raum, sondern ein heiliger Bund.
Serbische Orthodoxie; Kosovo, Kloster Decani
Foto: Stephan Baier | Serbische Orthodoxie im Kosov im Bild: Kloster Decani

Italienische Soldaten mit Maschinenpistolen patrouillieren nachts im Klostergelände, die NATO-geführte „Kosovo Force“ (KFOR) bewacht das Kloster rund um die Uhr. Wie eine Festungsanlage wirkt das serbisch-orthodoxe Kloster Decani aus dem 14. Jahrhundert. Immer wieder in seiner Geschichte war es Angriffen ausgesetzt. In der prachtvollen Klosterkirche „Christi Himmelfahrt“ findet sich die weltweit wohl einzigartige Darstellung Christi mit einem Schwert in den Händen. Heute fürchte man sich vor Anschlägen albanischer Nationalisten, sagt Abt Sava Janjić.

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„Decani wird von vielen Kosovo-Albanern als große serbische Flagge gesehen, aber wir brauchen keine Flagge – nur das Kreuz“, sagt der Abt. Angegriffen werde das Kloster nicht nur mit Waffen und Graffiti, sondern auch in den Medien. Decani werde als Symbol der serbischen Identität betrachtet, und das störe die albanische Interpretation des Kosovo und all jene, die für ein Großalbanien – also den Zusammenschluss von Kosovo und Albanien – seien. 150 serbisch-orthodoxe Kirchen seien im Kosovo zerstört worden, so Abt Sava. Decani sei wohl die einzige Kirche Europas, die vom Militär permanent geschützt werden müsse, um Plünderungen und Anschläge zu verhindern.

Bei allen Ressentiments gegen die NATO ist der Abt der KFOR dankbar für den Schutz, weil er der kosovarischen Polizei ebenso misstraut wie den Behörden des Landes. Er ist auch der EU und der norwegischen Regierung dankbar, die für die geschmackvolle Renovierung und den Ausbau des Klosters viel Geld spendeten. Kein gutes Wort findet er für die Regierung des Kosovo: 600 Hektar Land gehöre dem Kloster, das habe sogar das Verfassungsgericht bestätigt, aber die Regierung von Premier Albin Kurti weigere sich, das Urteil zu vollziehen. „Kurti will Großalbanien“, so Abt Sava. Er aber wolle nur Rechtsstaatlichkeit und vollen Schutz für alle Bürger. Beides gebe es im Kosovo nicht.

Die serbische Orthodoxie sieht sich als Opfer

Dass der serbische Diktator Slobodan Milošević „in eine dunkle Zukunft führen“ werde, habe man im Kloster stets gesehen, meint der Abt, „aber er ist nicht der einzige Schuldige“. Heute ist die Macht der Serben über das Gebiet, das sie als Wiege ihrer Kultur sehen, gebrochen. Von gut 220 000 vertriebenen Serben spricht die serbische Seite. Jedenfalls bilden sie – abgesehen von Mitrovica im Norden – nur mehr eine kleine Minderheit. Niemand leidet mehr darunter als die serbisch-orthodoxe Kirche, die sich als Opfer der Entwicklung und als Hüter der serbischen Identität des Kosovo sieht. Ohne internationalen Schutz, so meint Abt Sava, würde binnen eines Jahres kein Serbe mehr im Kosovo leben.
Zu einem Totengedenken auf dem Friedhof von Decani sind ehemals ortsansässige Serben gekommen, die nun im nahen Montenegro oder in Mazedonien leben. Die Grabsteine wurden umgestoßen. Immer wieder werde der Friedhof devastiert, würden sogar Gräber geschändet, sagt der Abt. Bischof Andrej Ćilerdžić erzählt von der langen Emigration und der Heimkehr seines Vaters. „Jeder hat nur eine Mutter und nur eine Heimat“, sagt er auf Serbisch. Die Frauen weinen.

Katholische Glocken und der Ruf des Muezzins

Weiter östlich, in der 1321 erbauten Gottesmutter-Kirche von Gracanica, nahe der Hauptstadt Prishtina, empfängt uns der serbisch-orthodoxe Bischof des Kosovo, Teodosije Šibalić. „Hier sind die Wurzeln unserer Kultur. Das Selbstverständnis unseres Volkes ist mit dieser Region verbunden“, sagt er. Heute versuche man nur noch, zu überleben, und das sei nicht einfach. Seine Kirche zähle 120 000 Gläubige, 70 Priester, 23 Klöster und mehr als 100 Nonnen und Mönche. „Seit 23 Jahren ist unser Leben sehr schwer“, doch seien die Klöster die stärksten Zeugnisse serbischer Präsenz im Kosovo. Den kosovarischen Behörden unterstellt der Bischof, diese Präsenz auslöschen zu wollen: früher durch Verwüstung, heute durch eine Uminterpretation serbischer Heiligtümer als albanisches Kulturerbe. „Unsere Präsenz ist hier unerwünscht“, kritisiert Teodosije die Behörden. Gemeint ist die serbische Präsenz, mit der sich die Orthodoxie identifiziert. Wörtlich sagt der Bischof: „1999 schrieb die ganze Welt, dass die Albaner im Kosovo leiden. Warum wird jetzt nicht über uns Serben geschrieben, die wir viel mehr leiden.“

 

Bischof Teodosije
Foto: Stephan Baier | Serbische Orthodoxie; Kosovo; Bischof Teodosije; Prizren

Ob er nicht den Eindruck habe, auch von Seiten der serbischen Politik instrumentalisiert zu werden, will ich vom Bischof wissen. „Wir wollen nie, dass die Kirche zum Instrument der Politik wird, aber wir wollen das geistliche und kulturelle Erbe bewahren“, antwortet er. Und weiter: „Ich kann nicht diplomatisch auftreten, sonst würde das Volk das Vertrauen in die Kirche verlieren.“ Man wolle sich in die Gesellschaft integrieren und zugleich die eigene Identität wahren. Wie weit dieses Ideal von der Wirklichkeit entfernt ist, zeigt sein Nachsatz: „Wenn es so weitergeht, wird die Präsenz der Serben in dieser Region enden.“

In der früheren Metropole Prizren, im Südwesten des Kosovo, wurde das traditionsreiche Priesterseminar mithilfe der EU und der norwegischen Regierung glanzvoll wiederaufgebaut. Die Glocken der katholischen Kirche sind zu hören, dann erschallt der Ruf des Muezzin zeitversetzt von mehreren Minaretten. 12 000 Serben sollen hier vor 1999 gelebt haben, heute nur mehr zehn. Rund 3 000 albanische Katholiken leben hier unter 50 000 Muslimen.

Sitz in Prizren

Das von aufgewühlten Albanern einst dem Erdboden gleichgemachte, später wieder aufgebaute Priesterseminar ist nicht die einzige serbische Präsenz in Prizren. „Es gibt keine Gläubigen mehr, aber wir wollen die verkohlten Fresken restaurieren“, erklärt der Pfarrer der 2004 niedergebrannten Gottesmutter-Kirche im Zentrum. Vor Corona kamen zumindest hin und wieder orthodoxe Pilger. Früher hatten der serbisch-orthodoxe wie der katholische Bischof ihren Sitz in Prizren, heute residiert der katholische Bischof in der Hauptstadt Pristina, sein serbisch-orthodoxer Kollege im Kloster Gracanica.

Der Weg der Kirche sei der Weg Christi, und der führe zur Kreuzigung, erläutert Bischof Teodosije. „Wir bezeugen die Wahrheit und hoffen auf die Auferstehung.“ Seine Gedanken schweifen über die Lage im Kosovo hinaus, in die Nachbarländer Mazedonien und Montenegro. Die dortigen Schwierigkeiten seien „mehr politischer als kirchlicher Natur“, meint der Bischof. Tatsächlich gibt es in Mazedonien eine eigenständige mazedonisch-orthodoxe Kirche, die von der serbischen als schismatisch betrachtet wird; in Montenegro bemühen sich Politiker um eine ähnliche Entwicklung.

Jurisdiktion auch jenseits der serbischen Grenzen

Weil der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios, als Ehrenoberhaupt der weltweiten Orthodoxie der Ukraine eine Autokephalie (jurisdiktionelle Eigenständigkeit) zuerkannte, fürchtet Bischof Teodosije Ähnliches in Mazedonien und Montenegro. Er bete, „dass die Einheit der Kirche gewährleistet bleibt“. Gemeint ist damit die Jurisdiktion Belgrads über die Orthodoxen in den Nachbarländern.

Ortswechsel: Das serbisch-orthodoxe Patriarchat liegt im Altstadtzentrum von Belgrad, fernab der gigantischen, nach Jahrzehnten fertiggestellten Sava-Kathedrale mit ihren fast blendend frischen, goldenen Ikonen, gestaltet von der Russischen Akademie der Künste. Auch das Kirchenoberhaupt, Patriarch Profirije Perić, teilt die Sorgen um die Nachbarländer. „In Montenegro existiert kein kirchliches Problem, denn intern gibt es keine Missverständnisse. Es gab allerdings ein Problem zwischen der serbisch-orthodoxen Kirche und dem Regime, das die Kirche auflösen wollte“, deutet er die Kirchenkämpfe im Nachbarland auf eine Frage dieser Zeitung. Alle orthodoxen Bischöfe stünden hier in Einheit mit ihm, nur die Politik wolle eine Spaltung. „Die Gläubigen wissen, dass sie zur Jurisdiktion der serbischen Orthodoxie gehören.“ In Mazedonien dagegen herrsche seit Jahrzehnten ein echtes Schisma, um dessen Überwindung er sich bemühen wolle.

Eine schmerzliche Frage

Der Idee, dass die kanonische Eigenständigkeit einer orthodoxen Kirche als so etwas wie die Krönung der Unabhängigkeit eines orthodoxen Landes gesehen werden könnte, widerspricht der Patriarch, der seit genau einem Jahr im Amt ist, vehement: „Wir gehen nicht in die Kirche, um nationale oder soziale Interessen durchzusetzen. Die Kirche existiert nicht, um die Krönung eines Staatswesens zu sein, auch wenn es Leute gibt, die das so verstehen.“ Die serbische Orthodoxie habe auch jenseits des Staates eine Jurisdiktion und die Pflicht, sich um ihre Gläubigen zu kümmern, wo immer sie leben. „Das hat gar nichts damit zu tun, wie die zwischenstaatlichen Beziehungen zwischen Serbien und den Gebieten sind, in denen Serben leben.“

Aber bezieht der Patriarch diese Unterscheidung zwischen Kirche, Nation und Staat auch auf den Kosovo, den die Republik Serbien 14 Jahre nach der internationalen Anerkennung seiner Eigenstaatlichkeit noch nicht aufgegeben hat? „Kosovo ist eine schmerzliche Frage für uns“, gesteht er. „Wir sind uns bewusst, dass bei allen Wunden entstanden sind, und wir hoffen auf ein friedliches Zusammenleben aller.“ Der Kosovo sei „die Wiege unseres Volkes, unserer Kultur, all dessen was wir sind“. Nicht nur die tiefsten Wurzeln, auch die schönsten Früchte seien hier. „Für uns ist der Kosovo kein Mythos oder ein bloß geografischer Raum, sondern ein Bündnis, ein Eid.“ Das serbische Volk könne sich selbst gar nicht verstehen ohne den Kosovo. Porfirije hofft: „Wenn wir Ausdauer haben, wird sich die Situation verbessern und wir werden tragfähige Modelle des Zusammenlebens finden. Es ist nicht einfach, aber möglich.“

Albanische Muslime finden ihre christliche Herkunft

Obwohl bereits vor einem Jahr gewählt, steht die feierliche Amtseinführung Porfirijes in seinem altehrwürdigen Sitz in Peć noch immer aus. Peć, von den Albanern Peja genannt, liegt im Westen des Kosovo, nahe der montenegrinischen Grenze. Dort treffen wir Äbtissin Haritina Pantić, die seit 70 Jahren im Kloster lebt. „Wir Serben sind hier nicht mehr willkommen“, sagt sie. Manche würden verprügelt, anderen werde die Wohnung abgefackelt. In der Stadt würden die Nonnen versuchen, nicht aufzufallen. Doch auch unter den Albanern gebe es Verunsicherung. Ihr hätten viele Albaner gesagt, früher sei es schöner gewesen.

Eine ganz andere Sicht präsentiert der katholische Bischof des Kosovo, Dode Gjergji, der für rund 50 000 Gläubige und 46 Priester verantwortlich ist. Bei allen Schwierigkeiten habe der Kosovo „alles, was ein Staat haben kann“, meint er. Zur Aussöhnung zwischen Serbien und Kosovo bedürfe es einer wechselseitigen Entschuldigung. „Ohne Entschuldigung keine Versöhnung!“ Das Christentum sei ja „nicht für die Serben reserviert“, sagt der katholische Bischof, der davon berichtet, dass jedes Jahr etwa 30 bisherige Muslime die Taufe empfangen. Viele Albaner würden sich bewusst, dass alle ihre Vorfahren einst – vor der osmanischen Herrschaft – Christen waren. „Wir müssen den Muslimen unsere christliche Liebe zeigen“, sagt Bischof Dode Gjergji und lädt „unsere orthodoxen Mitbrüder ein, mit uns die Gesellschaft zu missionieren“.

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