Im Evangelium spricht Jesus von der Zurechtweisung eines Bruders, der gesündigt hat. Dieses Evangelium ist sehr tröstlich, denn es zeigt, dass es bereits in den ersten christlichen Gemeinden, ja selbst unter den Jüngern Jesu, Auseinandersetzungen, Konflikte und Streit gegeben hat. Erfreulich ist aber die Wegweisung, die Jesus zur Bereinigung einer solchen Situation gibt. In den Augen Jesu hat die Zurechtweisung eines sündig gewordenen Bruders in vier Schritten zu erfolgen: zunächst das Gespräch unter vier Augen, dann Hinzunahme von einem oder zwei Männern, dann die Mitteilung an die Gemeinde, und wenn dies alles nicht zum Ziel führt, sei der Bruder „für dich wie ein Heide oder ein Zöllner“.
Wenn wir diese Wegweisung Jesu mit der heutigen Situation in der Kirche vergleichen, stellen sich ernste Fragen: Wie würde das Leben der Kirche aussehen, würden wir die Weisung Jesu mehr befolgen? Oft genug müssen wir feststellen, dass die von Jesus gewünschte Reihenfolge bei der Konfliktbereinigung nicht eingehalten, sondern auf den Kopf gestellt wird, indem die ersten drei Schritte übergangen werden und gleich der vierte Schritt vollzogen wird. Ohne das Gespräch mit dem Bruder zu suchen und ohne den Rat von Mitchristen oder die Aussprache in der Gemeinde abzuwarten, wird sofort über den Bruder ein Urteil gefällt.
Etikettierungen brechen jedes Gespräch ab
In dieselbe Richtung weisen in den heutigen kirchlichen Auseinandersetzungen die verschiedenen Etiketten, mit denen Christen einander versehen. Ohne das Gespräch zu suchen und den Nächsten wirklich kennenzulernen, wird er als konservativ oder progressiv, rechts oder links abgestempelt. Dabei merkt man gar nicht mehr, dass solche Etikettierungen letztlich Schablonen sind, die den anderen in eine fixe Vorstellung einsperren, ohne den Weg des Gesprächs mit ihm zu suchen. Wer solche Etikettierungen verwendet, gibt sich zudem kaum Rechenschaft darüber, dass er damit über sich selbst vielleicht sogar mehr aussagt als über den anderen.
Es wäre erfreulich, wenn der Wegweisung Jesu in der heutigen Kirche mehr gefolgt würde. Dies gilt auch für den weiteren Rat, der im heutigen Evangelium ebenfalls verborgen da ist. Es steht gewiss fest, dass es immer wieder erforderlich ist, sich einander gegenseitig zurechtzuweisen. Die geschwisterliche Zurechtweisung ist freilich nur hilfreich, wenn sie mit eigener Selbstkritik verbunden ist oder, um nochmals ein Wort Jesu in Erinnerung zu rufen, wenn wir den Balken im eigenen Auge nicht übersehen und bereit sind, ihn sich entfernen zu lassen.
Indem wir uns dessen bewusst würden, welche brüderliche Zurechtweisung der Herr wohl an uns selbst zu vollziehen hat, würden wir sie in der Kirche mit mehr Demut vollziehen. Wie schön und glaubwürdig könnte deshalb das Leben in der Kirche sein, wenn wir die Wegweisungen Jesu mehr beherzigen würden!
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