Berlin

Gemeinschaft „Offenes Herz“: Durst nach Liebe stillen

In der Gemeinschaft „Offenes Herz“ arbeiten christliche Freiwillige mit Benachteiligten. 
Offenes Herz
Foto: Privat | Die Menschen von ihren täglichen Sorgen abzulenken ist ein Werk der Barmherzigkeit. Anna Kleemaier (li.) vermittelt beim traditionellen sizilianischen Kartenspiel Scopa etwas von der Leichtigkeit des Seins.

Auf der Straße am S-Bahnhof Treptower Park führt plötzlich eine mit Kopfsteinpflaster markierte Linie quer durch den Asphalt. Sie zeigt den früheren Verlauf der Berliner Mauer. Hinter dieser Markierung beginnt der Bezirk Neukölln – bekannt als sozialer Brennpunkt mit überdurchschnittlicher Armut und hohem Migrantenanteil. In einem der großen Mietshäuser mit ihren riesigen Klingelbrettern am Eingang hat seit 2001 ein katholisches Hilfswerk seinen Sitz: Points Coeur – auf Deutsch: Offenes Herz. Die Umgebung passt zum Charisma des Werkes, das durch sein soziales Engagement geprägt ist und sich selbst auch als „Bewegung“ bezeichnet.

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Bei den Menschen 

In 16 Ländern unterhält es nach eigenen Angaben insgesamt 19 Häuser in sozial benachteiligten Vierteln, in denen sich meist vier bis fünf junge Menschen in einem rund ein- bis zweijährigen Freiwilligendienst um die Menschen vor Ort kümmern. Es ist keine professionelle Sozialarbeit, keine zweite Caritas, sondern ein Mitleben und Mitleiden mit den sozial Schwachen. Besuche bei kranken und einsamen Menschen, in Krankenhäusern oder Gefängnissen, Betreuungs- und Freizeitangebote für benachteiligte Kinder und Jugendliche – all das steht für Offenes Herz unter dem Oberbegriff der „compassion“ – je nach Übersetzung steht er für Mitgefühl oder Mitleid. „Offenes Herz will auf den größten Durst des Menschen antworten: zu lieben und geliebt zu werden“, so beschreibt Offenes Herz mit eigenen Worten seinen Auftrag aus dem Glauben heraus.

Die Niederlassung in Berlin hat eine etwas andere Funktion, Freiwilligendienste gibt es hier nicht. Es ist eines von rund zehn Häusern weltweit, in denen meist junge Leute leben, die studieren oder schon im Berufsleben stehen. Sie leben und beten hier gemeinsam, pflegen das kirchliche Stundengebet und feiern regelmäßig die Heilige Messe. Sozialarbeit findet hier nur sehr vereinzelt statt, beispielsweise durch Besuche bei einsamen oder älteren Menschen im „Kiez“. Alina Dmytrenko ist eine der Bewohnerinnen.

In der zweigeschossigen Wohnung in dem alten Mietshaus lebt sie derzeit mit acht weiteren Mitbewohnern, von denen sich einige gerade an diesem verregneten Donnerstag zum Mittagessen an dem großen Tisch versammeln. Der Essensduft erfüllt bereits die Räume, zu denen auch eine kleine Kapelle mit Tabernakel gehört. Hier werden täglich die Laudes sowie die Vesper gemeinsam gebetet, dazu wird Eucharistische Anbetung gehalten und die Messe gefeiert, erzählt Alina Dmytrenko.

In Italien kennengelernt

Die Ukrainerin kam als Teenager nach Italien, wo sie Offenes Herz kennengelernt hat. Nach einem Freiwilligendienst in Wien ist sie dem Verein sogar als festes Mitglied beigetreten. Sie arbeitet als Krankenschwester im katholischen St.-Hedwig-Krankenhaus, kümmert sich zudem in der deutschen Niederlassung um Öffentlichkeitsarbeit und Infoveranstaltungen. An diesem Wochenende werden wieder zwei Jugendliche zu Besuch sein, die sich für einen Freiwilligendienst im Ausland interessieren.

Letztes Jahr waren es acht Interessenten – doch auch wegen der andauernden Corona-Pandemie ist das Interesse aktuell etwas geringer. Mit am Esstisch sitzen auch der 19-jährige Jan aus Polen. Seit drei Monaten lebt er in der Gemeinschaft in Neukölln, kam zum Studium nach Deutschland. Auf der Suche nach einer Bleibe lernte er Offenes Herz über seine Familie kennen. Auch Ignacio aus Chile hat hier ein Zuhause gefunden.

Seit vier Jahren ist er in Berlin, macht eine Ausbildung zum Erzieher. „Es hat mir in Deutschland einfach sehr gut gefallen“, erzählt der junge Mann im Gespräch. Auch das zeichnet Offenes Herz aus: Die Möglichkeit, ohne formelle Bindung oder Mitgliedschaft in der Gemeinschaft mitzuleben. Und die Nachfrage ist groß, gerade in teuren Städten wie Berlin. So hat Offenes Herz im letzten Jahr im Stadtteil Spandau eine zweite Niederlassung eröffnet. Sechs Jugendliche wohnen bereits dort, zwei weitere Plätze sind noch frei.

Junge Bewegung

Dabei ist die Bewegung noch recht jung, sie entstand erst im Januar 1990 auf Initiative des französischen Paters Thierry de Roucy, der die Eingebung hatte, sich um Straßenkinder zu kümmern. Erste Häuser in Brasilien und Argentinien entstanden, die Idee breitete sich rasch in mehreren Ländern aus. 1995 entstand in Deutschland ein Trägerverein, 2000 erkannte schließlich der Päpstliche Rat für die Laien Offenes Herz als „Vereinigung von Gläubigen“ an. Wie Alina Dmytrenko erklärt, ist dieser Status nicht mehr aktuell. Rechtlich sei Offenes Herz derzeit ein ziviler gemeinnütziger Verein, dessen christlich motivierte Arbeit direkt gegenüber den jeweiligen Ortsbischöfen verantwortet werde. Seit 2005 hat Points Coeur einen Beraterstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) der UNO.

Doch in den Folgejahren musste sich die noch junge Gemeinschaft von ihrem Gründer lossagen. Nach anhaltenden Vorwürfen wurde Pater de Roucy 2011 von einem Kirchengericht in Lyon des sexuellen Missbrauchs, des Missbrauchs kirchlicher Macht und der Absolution eines Komplizen für schuldig befunden. Im Juni 2018 wurde er schließlich endgültig aus dem Klerikerstand entlassen. Sowohl Alina Dmytrenko wie auch andere Mitglieder machen auf Nachfrage deutlich, dass der Gründer für die Gemeinschaft keine Rolle mehr spiele. Auch auf der deutschen wie der französischen Hompage taucht sein Name nicht auf.

Lebenskrise

Zu den Bewohnerinnen im Neuköllner Haus gehört auch Sophie Benet (36), ebenfalls als festes Mitglied. Die Schweizerin studierte Medizin, geriet schließlich in eine Lebenskrise. „Ich habe mir die Frage gestellt, warum ich überhaupt lebe“, erzählt sie rückblickend. Sie nahm sich eine Auszeit, reiste für ein Jahr nach Argentinien, arbeitete für eine soziale Organisation. Vor Ort sah sie sich mit der teils extremen Armut konfrontiert, suchte zugleich nach Antworten auf ihre existenziellen Fragen.

„Ich habe erkannt, dass ich leere Hände habe“, beschreibt sie ihren damaligen Sinneswandel. In einem Haus von Offenes Herz besuchte sie die Ausstellung eines Malers, der sich in seinen Bildern mit dem Thema Armut auseinandersetzt. „An diesem Abend ist etwas passiert“, berichtet sie über dieses Schlüsselerlebnis. Dort, so erzählt sie, habe sie beten gelernt – und eine innere Gewissheit erhalten, wie es weitergehen soll. Ihr wurde klar, dass sie weiter Medizin studieren sollte. Und sie hielt weiter Kontakt zu Offenes Herz, ging schließlich für ein Jahr nach Peru in ein Armenviertel. „Die Leute dort waren arm und krank – aber trotzdem hatten sie Lebensfreude.

Diese Menschen haben mein Leben gerettet“, ist sie überzeugt. Heute arbeitet sie als Kinderärztin, wird bald wieder an die Berliner Charité zurückkehren. Doch auch hier sei der Start nicht einfach gewesen, erzählt sie. Eigentlich wollte sie nicht nach Deutschland, doch wer sich bei Offenes Herz für die Mission verpflichtet, der muss verfügbar sein – egal, wo sie oder er gebraucht wird. „In Berlin war es zu Beginn schwer, im Krankenhaus muss man nur funktionieren“, berichtet sie von ihren ersten Erfahrungen. Doch Gebet und Gemeinschaft, neben dem Apostolat zwei Säulen von Offenes Herz, hätten sie immer wieder daran erinnert, dass es etwas Wesentlicheres gebe.

Intensives Gebetsleben

Zwei junge Frauen, die derzeit gemeinsam ihren Freiwilligendienst in Italien auf der Insel Procida vor Neapel verbringen, können diese Erfahrungen im Gespräch nur bestätigen. Im August vergangenen Jahres kam die 19-jährige Marcella aus Aachen direkt nach dem Abitur hierher. „Wir haben ein intensives Gebetsleben, täglich Laudes und Vesper, dazu eine Stunde Anbetung und die Messe“, erzählt die junge Frau. Dazwischen besucht sie Menschen, die einsam oder krank sind, hört ihnen zu, leistet ihnen Gesellschaft. „Ich wollte schon immer ein soziales Jahr machen“, erzählt sie von ihren Beweggründen. Bei einer Internetrecherche stieß sie auf Offenes Herz, fühlte sich gleich angesprochen, gerade auch von der religiösen Dimension: „Mir ist wichtig, dass es ein geistliches Leben gibt.“ Gerade das hat auch die 20-jährige Anna aus Seckau in Österreich überzeugt.

„Ich erlebe Menschen, denen es nicht gut geht – aber das kann ich alles abends in die Kapelle tragen“, erzählt sie im Gespräch. „Und man entschuldigt sich beim Abendgebet auch für Dinge, die in der Gemeinschaft nicht so gut gelaufen sind.“ Überhaupt ist ihr das Gemeinschaftsleben wichtig: „Man wird schon in der Vorbereitung zu einer eigenen Familie.“ In wenigen Tagen ist ihr Einsatz beendet, dann geht es bald nach Wien zum Studium. Doch Anna ist bewusst, dass die Zeit in Procida ihr Leben entscheidend verändert hat: „Ich bin die Beschenkte“, so ihr Fazit nach dem Freiwilligendienst bei Offenes Herz.

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