Kolumne

Wie viel ist wirklich genug?

Wie findet man das rechte Maß zwischen der Sorge für die Armen und dem dankbaren Genießen der irdischen Güter? Eine gerade in Krisenzeiten hochaktuelle Frage.
Ukraine-Konflikt - Kiew
Foto: Carol Guzy (ZUMA Press Wire) | Sie ist alt und krank. Aber die 82-jährige Taisiya Georgievna Tarasova will während Putins Angriffskrieg in ihrer Wohnung in Kiew bleiben.

Es ist Krieg. Uns alle erreicht eine Vielzahl an Spendenaufrufen. Zur gleichen Zeit häufen sich Meldungen über nahende Hungerkatastrophen und große Flüchtlingsbewegungen. Sind wir moralisch eigentlich verpflichtet, für die Opfer zu spenden? Und darf man denn angesichts des Leides in der Ukraine und in anderen Ländern überhaupt noch ein wenig Luxus genießen? Zunächst sind wir aus christlicher Sicht auf Gott hin geschaffene Menschen, die nicht isoliert leben, sondern auf andere angewiesen und für andere verantwortlich sind – es gibt eine Einheit der Menschheitsfamilie. Aus diesem Grund haben wir nach dem Solidaritätsprinzip der katholischen Soziallehre die Pflicht, auch über die Landesgrenzen hinaus füreinander einzustehen.

Nach dem Prinzip der Personalität ist jeder Mensch eine Person, die zu einem freien und menschenwürdigen Leben geschaffen worden ist. Es gehört deshalb zu unserer Verantwortung, die Bedingungen zu schaffen, die den Menschen ihre eigene Vervollkommnung zu erreichen gestattet. Einerseits ist hier selbstverständlich der Sozialstaat gefordert. Andererseits sind aber auch wir als Einzelpersonen verpflichtet, die eigenen Möglichkeiten abzuwägen, wie wir mit bedürftigen Menschen in anderen Ländern solidarisch sein können. Nach dem christlichen Menschenbild sind wir nämlich freie Subjekte, die selbst zu ethischem Handeln fähig und berufen sind.

In der Bibel erscheint die Liebe zu den Armen sogar als Motivation, zu arbeiten, damit man den Notleidenden etwas von dem Lohn abgeben kann (Eph 4,28). Nicht zuletzt die Zuwendung Jesu zu den Armen spricht für die Unterstützung der Schwachen. Die Unterstützung der Armen gehört also fest zum christlichen Ethos. Doch darf Spendenbereitschaft auch Grenzen haben? Erstens ist zu beachten, dass man zuallererst die Verantwortung hat, für sich selbst und sein eigenes Umfeld zu sorgen, ehe man ferne, fremde Menschen unterstützt. Sonst wird man selbst hilfsbedürftig. Zweitens zeigt die eschatologische Perspektive, dass es Größeres gibt als das irdische Wohlergehen. So lässt Jesus es auch zu, dass die Frau mit dem Nardenöl aus Liebe verschwenderisch umgeht. Der Genuss des weltlichen Überflusses, der mit dem Bewusstsein einhergeht, dass alle Güter der Erde allein Gottes Geschenk sind, ist ebenso wie die Zuwendung zu den Armen ein Zeichen dafür, dass das Reich Gottes schon angebrochen ist.

Lesen Sie auch:

Beides hat letztlich seinen Platz – die Sorge für die Armen genauso wie das dankbare Genießen der irdischen Güter. Am Ende zählt das rechte Maß. Doch wie findet man dieses? Ich bin der Überzeugung, dass es immer die Spannung der Frage geben wird: „Wie viel soll ich geben?“ Doch ich denke, dass man aus einer Beziehung mit Gott heraus, die in den Sakramenten vertieft wird, zu einem rechten Umgang mit den eigenen Gütern findet.

Der Autor ist Student der katholischen Theologie und Praktikant bei der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Der „Junge BKU“ wirbt in schwierigen Zeiten bei jungen Menschen für das Unternehmertum.
01.07.2022, 15  Uhr
Stefan Rochow
Personalität, Solidarität, Gemeinwohl: Diese Prinzipien formulieren die Grundlagen für das gesellschaftliche Zusammenleben aus katholischer Perspektive.
14.12.2021, 07  Uhr
Sebastian Moll
Ist Sexualität nur herrlich und harmlos? Auch die Sexualität wurde vom Sündenfall berührt. Es ist nicht alles gut, was sich gut anfühlt.
01.06.2022, 05  Uhr
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Themen & Autoren
Gabriel Antonius Lienhart Bibel Jesus Christus Katholische Soziallehre Spendenbereitschaft

Kirche

Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Dass der US-Supreme-Court „Roe vs. Wade“ gekippt hat, war zweifelsfrei ein Sieg für den Lebensschutz. Sich von den Mächtigen der Welt das Heil zu erwarten, ginge aber an der Wirklichkeit vorbei.
05.07.2022, 07 Uhr
Rudolf Gehrig
Wer lernt, überlebt: Was die Kirche in Deutschland vom Weltfamilientreffen mitnehmen sollte.
02.07.2022, 07 Uhr
Franziska Harter