Berufung

Handeln wie der Herr  des Weinbergs

Vertrauenskrise der Kirche hin oder her: Jeder einzelne junge Mensch, der sich für ein Leben in der Nachfolge Christi entscheidet, ist Grund zur Hoffnung.
Eröffnungsmesse WJT 2016
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Das geweihte Leben wird im Leben der Kirche immer eine große Rolle spielen.

Pfarrer Guitton, am 2. Februar begeht die Kirche zum 26. Mal den "Welttag des geweihten Lebens". 1997 hat Papst Johannes Paul II. anlässlich des ersten Welttages erklärt, die Sendung des geweihten Lebens in der Gegenwart und Zukunft der Kirche betreffe alle Christen. Wie ist das zu verstehen?

Unabhängig vom zeitlichen Kontext, in dem sich die Kirche befindet, ist und bleibt das geweihte Leben ein wesentliches Element im Leben der gesamten Kirche. Geweihte Personen sind Menschen, die sich mit ihrem ganzen Leben in den Dienst des Herrn stellen. Neben Priestern sind das Männer und Frauen, die die Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams abgelegt haben. Man neigt in der heutigen Zeit dazu, einen rein menschlichen, soziologischen Blick auf das geweihte Leben zu werfen.

Da könnte man sich fragen, ob angesichts der vielen Menschen, die ihre Gelübde nicht eingehalten haben, das geweihte Leben heute noch Gültigkeit und Sinn hat. Wer meint, dass geweiht automatisch heilig bedeutet, täuscht sich natürlich. Wenn Gott nur die heiligsten Menschen berufen würde, wäre uns das bekannt. Das geweihte Leben ist ein Zeichen, das Gott der Welt schenkt. Es steht in einer Linie mit der Taufe und bietet eine Möglichkeit für alle Christen, die Schönheit des Lebens aus der Taufe zu entdecken. Personen des geweihten Lebens sind damit ein Schatz für die gesamte Kirche, weil sie die allgemeine Taufberufung in besonderer Weise und mit besonderer Radikalität leben.

Lesen Sie auch:

Sie begleiten seit vielen Jahren junge Menschen auf dem Weg zu ihrer Berufung. Wie stark beeinflusst die akute Vertrauenskrise der Kirche auch die Berufungssuche junger Menschen?

Wenn man die Zahlen der jährlichen Weihen und Eintritte in das Ordensleben betrachtet, kann man nicht leugnen, dass wir uns weiterhin in einer Berufungskrise befinden. Diese liegt hauptsächlich an der jahrzehntelangen Säkularisierung. Darüber kann man sich entsetzen, man kann aber auch umgekehrt darüber staunen, dass es immer noch und immer wieder junge Menschen gibt, die sich der Frage nach einer religiösen Berufung stellen. Das darf uns natürlich nicht dazu verleiten, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Krisen, wie die Missbrauchskrise, müssen aktiv angegangen werden, wie das ja jetzt auch geschieht.

Das betrifft auch die Begleitung von Berufungswegen. Trotzdem geben uns zwei Punkte große Hoffnung: Erstens, die zahlenmäßige Entwicklung des Christentums in Westeuropa liefert zwar keinen besonderen Grund zum Optimismus. Das sieht aber ganz anders aus, wenn wir die Weltkirche betrachten. Zweitens dürfen wir uns nicht dazu verleiten lassen, nur auf die Zahlen zu blicken. Ein junger Mensch, der in ein Seminar oder ins Kloster eintritt, tut dies auch bei uns aus Begeisterung für das Reich Gottes und aus dem Wunsch heraus, sich Gott zu schenken. Und jeder einzelne dieser Menschen ist ein großes Geschenk für die Kirche.

Was kann Westeuropa denn in der Berufungskrise von anderen Kontinenten lernen, in denen die Berufungen florieren?

Generell muss Europa Demut lernen. Papst Franziskus hilft uns in gewisser Weise, dadurch, dass Europa nicht im Mittelpunkt seines Interesses steht. Vielleicht bringt uns das dazu, mehr auf die Weltkirche zu sehen und uns nicht nur auf unsere eigenen Probleme zu konzentrieren, die oft in einer reinen Verwaltung des kirchlichen Bestandes bestehen. In Europa versuchen wir, zum Beispiel im Pfarreienbestand, das wiederherzustellen, was wir durch Säkularisierung verloren haben und verwalten das, was noch existiert.

Dabei sollte uns spätestens seit dem Pontifikat von Johannes Paul II klar sein, dass wir in Europa noch am Anfang der Evangelisierung stehen. Was wir von der Kirche außerhalb Europas lernen können, ist, konsequent auf Christus zu schauen! Die Säkularisierung schlägt sich auch in der Art und Weise nieder, wie wir das geweihte Leben präsentieren und davon reden. Dabei vergisst man leicht, dass die Gründe für den Eintritt in ein Seminar oder eine Gemeinschaft nicht Karriere, Selbstverwirklichung und persönliche Entwicklung sind, sondern der Wunsch, sich ganz und gar Jesus zu schenken.

"Eine Gemeinschaft, die Christus dient
und ihn liebt, in Armut, Keuschheit und Gehorsam,
ist schon an sich ein Zeugnis."

Ein Klosterleben ist nicht die gleiche Berufung wie das Priestertum. An manchen Orten scheint es immer noch anzuziehen, während es anderswo ausstirbt.
Für unsere Zeit ist das Klosterleben ein Zeichen des Widerspruchs, aber auch ein unglaubliches Zeugnis. Sich ein Leben lang hinter Klostermauern einzuschließen, ist nach menschlichem Ermessen Torheit und kann nur übernatürlich erklärt werden. Ein solches Leben zieht dort auch heute junge Menschen an, wo es eine lebendige, eifrige Gemeinschaft gibt.

Auch das Ordensleben leidet mancherorts unter dem Priestermangel, wenn man etwa an Frauenklöster denkt, die nicht mehr jeden Tag die heilige Messe feiern dürfen, weil der Priester fehlt. Genau dort ist aber das klösterliche Gemeinschaftsleben an sich ein Zeichen und wird die Stärke oder Schwäche der Gemeinschaft deutlich. Dort zeigt sich, ob die Gemeinschaft aus dem Herrn heraus lebt, der auch ohne Feier der Eucharistie im Allerheiligsten gegenwärtig ist. Eine Gemeinschaft, die Christus dient und ihn liebt, in Armut, Keuschheit und Gehorsam, ist schon an sich ein Zeugnis. Die Kirche hat bereits andere Phasen der Geschichte dank solcher Gemeinschaften überlebt.

Das Bistum Toulon gilt als eines der dynamischsten Bistümer Frankreichs. Wie kommt es, dass das Priesterseminar in Toulon voll ist, während andere Diözesanseminare immer leerer werden?

Das ist zunächst dem Mut des Vorgängerbischofs Madec zu verdanken, der 1983 ein Seminar eröffnete, während in anderen Teilen Frankreichs die Seminare geschlossen wurden. Der aktuelle Bischof Dominique Rey betrachtet genau wie sein Vorgänger Priesterberufungen als wesentlich für das Leben der Diözese. Ihm ist es ein zentrales Anliegen, Menschen mit einer geistlichen Berufung mit offenen Armen zu empfangen und auch die Entstehung von Berufungen zu unterstützen. Wir haben aktuell über 40 junge Männer im Seminar. Ein volles Seminar wirkt auch auf zukünftige Seminaristen attraktiver als ein leeres.

Lesen Sie auch:

Ein weiterer Grund ist, dass wir eine große Vielfalt an unterschiedlichen geistlichen Gemeinschaften haben, die zum großen Teil von Bischof Rey in die Diözese gerufen worden sind. Das stellt uns manchmal auch vor die Herausforderung, die Einheit zu gewährleisten. Zeichen der Hoffnung gibt es aber auch anderswo. Vor kurzem hatten wir an zehn verschiedenen Orten des Landes den Missionskongress, der nicht nur einen beeindruckenden Eindruck vom vielfältigen Laienengagement gibt, sondern auch durch die Anzahl von jungen Gesichtern in Habit und Priesterkragen auffällt.

Was kann die Kirche tun, um die Zahl der Berufungen zum geweihten Leben und zum Priestertum zu erhöhen?

Christus fordert uns zunächst dazu auf, den Herrn der Ernte um Arbeiter im Weinberg zu bitten. "Dort oben" unseren Bedarf an guten Priestern deutlich zu machen, ist eine wichtige Aufgabe des gesamten Volkes Gottes. Dann müssen wir auch darauf vertrauen, dass der Herr weiterhin beruft und sendet. Ein Letztes ist aber genauso wichtig, wird jedoch oft vergessen: Es braucht seitens der Bischöfe auch die Kühnheit, im Namen Gottes zu rufen. Einige Bischöfe und Priester haben dieses Charisma stärker als andere. Wir müssen wieder mehr so handeln wie der Herr des Weinbergs im Gleichnis von den Arbeitern der letzten Stunde. Auf die Frage des Herrn antworten die Arbeiter: "Niemand hat uns angeworben." Der Berufende ist letztlich Gott, aber er bedient sich dazu verschiedener Wege und Instrumente.


Pfarrer Louis-Marie Guitton ist ehemaliger Bischofsvikar im Bistum Toulon. Im Auftrag von Bischof Dominique Rey von Toulon hat er das Observatoire Socio-Politique als Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft ins Leben gerufen. Zum "Welttag des geweihten Lebens" spricht er mit der "Tagespost" über Wege aus der Berufungskrise. Von der Kirche auf anderen Kontinenten könne Europa lernen, konsequenter auf Christus zu schauen. Es sei außerdem Aufgabe der Bischöfe, junge Menschen zum Hören auf ihre Berufung zu ermutigen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Radikale Reform im Bistum Aachen. Die Gemeindereform des Bistums Aachen sieht neue Leitungsformen vor, in denen Pfarrer ersetzbar werden. Zweifel an der Basis.
21.05.2022, 15  Uhr
Heinrich Wullhorst
In kriegerischen Zeiten sind Versöhner gefragt. In der Geschichte des Christentums gibt es davon eine ganze Menge.
16.04.2022, 21  Uhr
Stefan Hartmann
Themen & Autoren
Franziska Harter Bischöfe Diözesen Jesus Christus Johannes Paul II. Kirche und Gesellschaft Papst Franziskus Pfarrer und Pastoren Vertrauenskrisen

Kirche

Reformen vorantreiben mit Tempo, Druck auf die Amtskirche und zur Not für den Preis einer Spaltung — das war der Tenor der Veranstaltung „Kirche kann bunt. Mit Vielfalt gewinnen. #OutInChurch“.
28.05.2022, 15 Uhr
Dorothea Schmidt
Das Erzbistum Köln hat die Chance, wieder zueinander zu finden. Denn es gibt Gläubige, die sich von Kampagnen nicht beirren lassen. Eindrucksvolles Beispiel: der Wallfahrtsort Neviges.
28.05.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die theologischen Dialoge müssen weitergeführt und intensiviert werden, so der „Ökumene-Bischof“. Eine Herausforderung bleibe aber die Frage der Eucharistiegemeinschaft.
27.05.2022, 20 Uhr
Oliver Gierens