Mittelschicht

Chancengleichheit schmilzt

Die Polarisierung bei den Einkommen wird weiter zunehmen. Vor allem Junge leiden darunter.
Deutsche Schule benachteiligt laut UN Migranten und Behinderte
Foto: dpa | Mit der schrumpfenden Mittelschicht nimmt auch die Chancengleichheit ab. Einkommen wären dann nicht mehr durch eigene Entscheidungen, sondern durch Herkunft bestimmt. Gute Bildung bleibt der wichtigste Aufstiegsgarant.

Die Mittelschicht in Deutschland bröckelt. Das ist das Ergebnis der neuen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und derBertelsmann-Stiftung. Immer weniger Menschen gelingt der Aufstieg in höhere Einkommensgruppen.

In den zurückliegenden 25 Jahren ist damit die Mittelschicht deutlich geschrumpft. Das gilt für kein vergleichbares Industrieland so stark wie für Deutschland. Selbst in den USA ist kein so starker Rückgang der Mittelschicht zu verzeichnen. Die untere Einkommensschicht ist hingegen stark angewachsen. Selbst der Wirtschaftsboom in den 2010er-Jahren konnte das Armutsrisiko nicht abfedern.

In anderen OECD-Ländern Mittelschicht gewachsen

Noch im Jahr 1995 lag der Anteil der Mittelschicht im Zusammenhang mit der Gesamtbevölkerung bei 70 Prozent. Im Jahr 2018 lag der Anteil nur noch bei 64 Prozent. Unter den 26 OECD-Mitgliedern sind es nur die Länder Schweden, Finnland und Luxemburg, in denen die Mittelschicht noch stärker unter Druck geraten ist. In den Staaten des ehemaligen Ostblocks, so zum Beispiel in Polen, ist die Mittelschicht hingegen gewachsen. Auch Österreich, Belgien und Großbritannien können, laut OECD-Studie, ein Anwachsen verzeichnen.

Wie dieses Ergebnis zu bewerten ist, darüber streiten die Kommentatoren der Studie. Die eine Seite wiegelt ab und sieht in den Ergebnissen kein Problem. Sie warten mit den unterschiedlichsten Erklärungen auf und verweisen darauf, dass sich die Wirtschaft in Deutschland in dem sehr langen Untersuchungszeitraum unterschiedlich entwickelt habe. Außerdem sei die Mittelschicht in Wahrheit eine vielschichtige Gruppe. Die andere Seite sieht im Studienergebnis eine zunehmende soziale Polarisierung und das Spiegelbild abnehmender Chancengleichheit in Deutschland.

Wer zur Mittelschicht gehört

Die Forscher definieren den Begriff nach der Höhe des Einkommens: Teil der Mittelschicht ist, wer zwischen 75 und 200 Prozent des mittleren verfügbaren Einkommens ausgeben kann. In Euro gesehen entspricht das in etwa 1 500 bis 4 000 Euro für Singles und 3 000 bis 8 000 Euro für Paare mit zwei Kindern. In insgesamt drei Gruppen haben die Forscher die Mittelschicht dann weiter unterteilt: die „untere Mittelschicht“ (75 bis 100 Prozent), die „mittlere Mitte“ (150 bis 200 Prozent) und die „obere Mitte“ (150 bis 200 Prozent).

Wer über dieser Definition liegt, der gehört zu den „hohen Einkommen“ und wer darunter liegt, ist „einkommensarm“ (weniger als 50 Prozent) oder „armutsgefährdet“ (50 bis 75 Prozent).

Lesen Sie auch:

Dass die Mittelschicht geschrumpft ist, hängt vor allem mit der unteren Mittelschicht zusammen. Viele Menschen sind hier in die untere Einkommensschicht abgerutscht. Allerdings ist auch die Gruppe der Spitzenverdiener (also mehr als 8 000 Euro) gewachsen. Diese Entwicklungen sind nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis eines Trends, der schon vor Jahrzehnten begonnen hat. Vor allem die Jahre zwischen 1995 und 2005 sind die schwarzen Jahre für die Mittelschicht gewesen. Damals war die Gesellschaft von Massenarbeitslosigkeit und Reallohnverlust geprägt. Das setzte zu und führte zu einer Kernschmelze, die viele Gefahren und Risiken in sich birgt.

Der kranke Mann Europas

Unter den beiden Bundeskanzlern Helmut Kohl und Gerhard Schröder sprach man teilweise über Deutschlands Wirtschaft als dem „kranken Mann Europas“. In dieser Phase lag die deutsche Arbeitslosenquote innerhalb der Europäischen Wirtschaftsunion (EWU) höher als im Durchschnitt. Im Jahr 2005 wies Deutschland eine Unterbeschäftigung von mehr als elf Prozent auf, zwei Prozentpunkte mehr als der EWU-Schnitt und höher als selbst in Griechenland, Spanien und Portugal.

Erst in den Jahren danach ging es mit der Wirtschaft in Deutschland wieder aufwärts. Die Mittelschicht hat sich allerdings von diesen Jahren nicht erholt. Selbst der Aufschwung und der Jobboom in den Jahren 2010 und danach, konnte die Situation nicht verbessern. Der Anteil der Mittelschicht ist nicht gewachsen. Das Schrumpfen ist ein viel größeres Problem als viele annehmen. In den kommenden Jahren könnte sich genau das rächen.

Die Polarisierung bei den Einkommen wird zunehmen. Das ist vor allem ein Resultat von abnehmender Chancengleichheit. Wenn man an das Hauptversprechen der Sozialen Marktwirtschaft „Wohlstand für alle“ berücksichtigt, ist das eine denkbar schlechte Entwicklung. Einkommen wären dann nicht mehr durch eigene Entscheidungen, sondern vielmehr durch Herkunft bestimmt. Genau das sollte die Soziale Marktwirtschaft ursprünglich einmal verhindern.

Einkommen bestimmt soziale Teilhabe

Schon heute deutet sich an, dass es vor allem junge Menschen sind, die unter dem Schrumpfen der Mittelschicht zu leiden haben. Haben in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch 71 Prozent der damaligen 30- bis 39-Jährigen (Babyboomer) den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft, so gelingt dies heute nur noch 61 Prozent dieser Altersgruppe (Millenials). Aber auch bei anderen Gruppen ist die soziale Mobilität gering und hat deutlich abgenommen. Drei von vier Menschen, die vor vier Jahren von Armut betroffen waren, leben auch heute noch in Armut oder sind zumindest von Armut bedroht. Bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen geht es um Gerechtigkeit, aber auch um wirtschaftliche Chancen und vor allem um soziale Teilhabe.

Schrumpft die Mittelschicht und bewegen sich zunehmend Gruppen von Menschen in die Armutsbereiche oder müssen mit einem Armutsrisiko leben, so ist das ein großes Problem für die Gesellschaft. Ein Problem, das sich in Zukunft verschärfen könnte.

Folgen der Pandemie

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind im Moment nicht abschätzbar. Trotz-dem deutet sich schon jetzt an, dass man mit einer Verschärfung des Problems rechnen muss. Zahlreiche Studien zeigen, dass vor allem Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien bei Bildung, Gesundheit und Chancen besonders großen Schaden erlitten haben und unter diesen Defizite noch immer leiden. Auf dem Arbeitsmarkt sind vor allem Menschen mit prekären Jobs und Solo-Selbstständige besonders gefährdet. Die Pandemie und auch die anstehende wirtschaftliche Transformation (Digitalisierung) könnten Beschleuniger einer weiterhin schrumpfenden Mittelschicht sein.

Die soziale Polarisierung muss ernsthafter öffentlich diskutiert werden. Gute Bildung bleibt der wichtigste Aufstiegsgarant. Lebenslanges Lernen darf keine leere Worthülse bleiben. Viele Familien können es sich oft weder finanziell noch zeitlich leisten, dass ein Verdiener für eine Weiterbildung längere Zeit ausfällt. Politik muss handeln. Nur so können wir dem Gesellschaftsvertrag der Sozialen Marktwirtschaft wieder gerecht werden. Die Kluft darf nicht größer werden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Eine Deloitte-Studie stellt der deutschen Wirtschaft ein vernichtendes Zeugnis aus.
03.06.2022, 07  Uhr
Stefan Rochow
Nicht nur beim Militär braucht die Bundesrepublik eine Zeitenwende. Ein Plädoyer für ein geistig-moralisch vorbildliches, innovationsfreudiges Deutschland.
13.05.2022, 09  Uhr
Stefan Ahrens
Themen & Autoren
Stefan Rochow Armutsgefährdung Bertelsmann Stiftung Gerhard Schröder Helmut Kohl Stefan Rochow

Kirche

Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Dass der US-Supreme-Court „Roe vs. Wade“ gekippt hat, war zweifelsfrei ein Sieg für den Lebensschutz. Sich von den Mächtigen der Welt das Heil zu erwarten, ginge aber an der Wirklichkeit vorbei.
05.07.2022, 07 Uhr
Rudolf Gehrig
Warum der Zweite Weltkrieg für die orthodoxe Kirche Entspannung brachte, die Verfolgung der Katholiken in der Sowjetunion aber stärker wurde.
05.07.2022, 19 Uhr
Rudolf Grulich