Der Hype um den an der Ostsee gestrandeten Buckelwal und die gescheiterte Rettungsaktion im Frühjahr kulminierte zuletzt in einem Theaterstück des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters: „TIMMY: Die Hope stirbt zuletzt“. Der harmlos klingende Titel täuscht darüber hinweg, dass es sich um eine Inszenierung der Passionsgeschichte eines Wals handelt, inklusive Kreuzigung und „Walleluja“-Rufen – was eine kontroverse, aber sachliche Debatte ausgelöst hat. Der Tenor diverser Kritiken: gewagt, überstrapaziert, aber handwerklich gelungen. Was bleibt, ist die Frage: Grenzüberschreitung, platte Persiflage, Blasphemie? Oder lässt sich die Darstellung mit Rekurs auf die künstlerische Freiheit abtun?
Joachim Valentin, Professor für Christliche Religions- und Kulturtheorie an der Goethe-Universität Frankfurt, gestand nun im Deutschlandfunk Zweifel, „ob es sich um Kunst handelt“ – denn Kunst bedeute Deutungsoffenheit. Die Logik des Stücks sei dagegen einlinig: „Hier wird ein Wal als Heiligtum verehrt.“ Eine primitive, kurzschlüssige Botschaft. Der Glaube an Jesus Christus, den Erlöser, habe mit dem, was sich bei Timmy abspiele, nur bedingt etwas zu tun.
Valentin versuchte, den Sinn des Stücks damit zu erklären, dass komplexe Fragen rund um Natur und Umwelt als öffentliches Mitleid auf das Tier projiziert würden. Offenbar sei die heilige Messe „das letzte Heilige, das man massenwirksam verwerten“ könne, „religiöser Wahn“ nur noch über katholische Ritualform abbildbar. Doch genau dort beginne das Problem: Die Verherrlichung Jesu Christi als Gottessohn und Erlöser sei nicht „irgendeine blinde Idealisierung“. Heute opfere man keine Tiere mehr, um einen Gott zu beschwichtigen, diese Rituale seien durch das Christentum abgelöst. „Wir glauben an den liebenden Gott und feiern in der Eucharistie den Dank für diese Erlösung“, so Valentin. Das habe mit Menschenrechten, Nächstenliebe und Zuwendung zu tun.
Der Vorwurf der Blasphemie
Jan-Heiner Tück, Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien, fragte auf „katholisch.de“, ob bekennende Christen diese Darstellung schweigend hinnehmen sollten. Regisseur Alexander Klessinger habe zwar argumentiert, nicht Christus werde verspottet, sondern eine Gesellschaft kritisiert, die aus Timmy eine quasi-religiöse Figur gemacht habe. Die Verwendung des Heiligen für Theaterzwecke, so Tück, sei aus biblischer Sicht jedoch bereits ein Missbrauch.
Für gläubige Christen sei mit der Kreuzigung Timmys und der Verballhornung der heiligen Messe eine Grenze überschritten. Das Kreuz sei „nicht ein vages Bild für unschuldiges Leid oder ein symbolischer Platzhalter“, der sich auf Tiere oder die geschundene Erde übertragen lasse – im Glauben komme rettende Kraft allein dem Kreuz Christi zu. Ob den Künstlern bewusst sei, „dass es auch heute Menschen gibt, für die das Heilige eine Wirklichkeit ist, die dem Spott und der Satire entzogen ist“? Doch seien auch Christen „gut beraten, nicht jede religiöse Provokation in Kunst und Kultur erregt zurückzuweisen – oder gar den Vorwurf der Blasphemie öffentlich zu erheben“, zumal Provokation ins Leere laufe, wenn niemand sich aufrege. Dennoch bleibe die Freiheit der Kunst an die Verantwortung gebunden, den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.
Tück kommentierte: „Persiflage von christlicher Religion ist nicht automatisch schon gute Kunst.“ Sein Verdacht in Bezug auf das „Timmy“-Stück sei, dass die Persiflage von Messe und Kreuz auch hier vor allem der Aufmerksamkeitssteigerung wegen verwendet wurde, „weil bessere Einfälle fehlten“. Tück erhebt selbst zwar nicht den Vorwurf der Blasphemie, räumt ihn aber auch nicht aus. Der Vorwurf, so Tück, stehe im Raum. Ob „Timmy“ nun Grenzüberschreitung, platte Persiflage oder tatsächlich Blasphemie ist – darauf geben Valentin und Tück keine einheitliche Antwort. Einig sind sich beide nur darin, dass die Kunstfreiheit die Frage nicht erledigt. Nach der ausverkauften Premiere im Juli will das Theater das Stück am 16. September erneut aufführen. DT/dsc
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