Was geschieht mit dem Menschen, wenn er sich wandeln lässt? Auf Schloss Trumau wurde Ende Mai eine Frage gestellt, die älter ist als die Menschheit und zugleich aktueller denn je. Die achte Literaturtagung der Katholischen Hochschule ITI stand unter dem Leitwort „Verwandlung – Wandlung“ und führte Literatur, Philosophie und Theologie in jenes fruchtbare Gespräch, das nicht bei der Analyse stehenbleibt, sondern nach Wahrheit sucht. Über den Vorträgen schwebte das Proömium aus Ovids Metamorphosen: „Lust wird rege zum Sang, wie sich Formen in andere Körper wandelten.“ Doch die Tagung wollte mehr als die Beschreibung äußerer Veränderungen. Sie fragte nach jener inneren Wandlung, die den Menschen auf sein eigentliches Wesen hin öffnet. Schon die programmatische Einführung machte deutlich, worum es ging: Die Welt, so hieß es, entspreche längst nicht mehr jenem „Text“, der der Schöpfung zugrunde liege.
Die Erscheinung der Dinge decke sich oft nicht mehr mit dem „Urwort“. Darin lag eine Diagnose unserer Zeit, aber auch eine Hoffnung: Wenn Gott selbst der Urheber des Logos ist, dann kann die Geschichte des Menschen niemals bloß eine Geschichte des Verfalls sein. Sie bleibt offen für Verwandlung. Bernhard Dolna, Rektor des ITI und Professor für Theologie und Judaistik, eröffnete den Reigen mit biblischen Perspektiven auf Verwandlung und Wandlung. Seine Ausführungen machten deutlich, dass die Heilige Schrift den Menschen nicht als statisches Wesen kennt. Von Abraham bis Paulus, von der Exodus-Erfahrung bis zur Verklärung Christi zieht sich ein roter Faden durch die Offenbarung: Gott ruft den Menschen aus dem Gewohnten heraus und führt ihn in eine tiefere Wirklichkeit. Christlicher Glaube erscheint hier als ein Weg der Metamorphose, die nicht Selbstoptimierung bedeutet, sondern Antwort auf einen Ruf. Die entscheidende Wandlung geschieht dort, wo der Mensch bereit wird, sich von Gott ansprechen und formen zu lassen.
Ovids Metamorphosen als Weltliteratur
Die klassische Philologin Paola Franchi führte anschließend in die Welt Ovids. Unter dem Titel „Omnia mutantur“ – alles wandelt sich – entfaltete sie die poetische Kraft der Metamorphosen. Ovids Gesang von der ewigen Veränderung offenbart eine Welt, in der nichts endgültig festgelegt scheint. Doch gerade in dieser Dynamik zeigte sich ein faszinierender Kontrast zur christlichen Perspektive. Während bei Ovid die Verwandlung oft Schicksal bleibt, eröffnet der christliche Horizont die Möglichkeit einer Wandlung zur Erfüllung hin. Die antike Dichtung wurde dadurch nicht relativiert, sondern als Gesprächspartner ernst genommen. Michael Wladika, Dekan des ITI und Lehrstuhlinhaber für Philosophie, lenkte den Blick auf Platon und Plotin. In seinem Vortrag über aufsteigende, absteigende und kreisende Verwandlung wurde die geistige Bewegung sichtbar, die das Denken der Antike prägt. Der Mensch erscheint als Wesen des Aufstiegs, das sich nicht im Materiellen erschöpft. Besonders eindrucksvoll war die Darstellung jener plotinischen Sehnsucht nach dem Einen, die bis heute nachwirkt. Hier zeigte sich, dass Philosophie nicht bloß Analyse, sondern Einübung in eine Lebensform sein kann. Erkenntnis und Verwandlung gehören zusammen.
Einen Höhepunkt bildete der Vortrag von Josephine Papst von der Université de Picardie Jules Verne in Laon. Unter dem Titel „Der Aufstieg und die Verwandlung zum Göttlichen – in einen Engel – bleibt nur Seraphita nicht versagt“ erschloss sie die faszinierende Verbindung zwischen Honoré de Balzacs Roman Seraphita und Arnold Schönbergs Oratorium Die Jakobsleiter. Die Theosophie erwies sich dabei als geistiger Resonanzraum für die Vorstellung eines Menschen, der über sich selbst hinauswächst. Seraphita erscheint als Grenzgestalt zwischen Himmel und Erde, als Symbol einer Existenz, die auf Transzendenz hin offen bleibt. Papst zeigte mit großer Sensibilität, wie Literatur und Musik jene Sehnsucht ausdrücken können, die den Menschen nicht im Irdischen gefangen sein lässt. Dass Verwandlung auch in den kleinen Gesten des Lebens geschieht, machte Christine Wiesmüller deutlich. Ihre Betrachtungen zu Karen Blixens Babettes Fest standen unter dem programmatischen Satz: „In dieser Welt ist alles möglich.“ Tatsächlich gehört diese Erzählung zu den großen literarischen Gleichnissen der Gnade. Babette verwandelt nicht die Menschen selbst, sondern den Raum zwischen ihnen. Aus Misstrauen wird Versöhnung, aus Enge Weite, aus Erinnerung Zukunft. Die Kraft des Festes besteht darin, dass es die Wirklichkeit nicht verleugnet, sondern erlöst. Wiesmüllers Interpretation machte sichtbar, warum diese Erzählung bis heute als literarische Annäherung an das eucharistische Geheimnis gelesen werden kann.
Wahrheit gewinnt Gestalt
Besonders lebendig gestaltete sich das philosophische Gespräch zwischen Gregor Dornis, Redakteur bei Radio Horeb, und P. Dominicus Trojahn OCist von der Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz. Unter dem Thema „Gestalt – Wandlung und göttliche Formen“ wurde deutlich, dass Wahrheit nicht abstrakt bleibt. Sie nimmt Gestalt an. Der Mensch begegnet ihr nicht allein im Begriff, sondern in konkreten Formen des Lebens, der Kunst, der Liturgie und der Gemeinschaft. Die anschließenden Publikumsfragen zeigten, wie sehr diese Themen die Teilnehmer bewegten. Den musikalischen Abschluss gestaltete die Pianistin, Theologin und Musikwissenschaftlerin Chiara Bertoglio. Ihre Hinführung zu bemerkenswerten Interpretationen von Metamorphosen in der Musik mündete in Werke von Händel, Mozart und Schubert. Dabei wurde hörbar, was die Tagung den ganzen Tag hindurch bedacht hatte: Verwandlung ist nicht nur Gegenstand des Denkens, sondern Erfahrung. Musik vermag jene Räume zu öffnen, in denen Worte an ihre Grenze gelangen. Sie lässt den Hörer ahnen, dass Wandlung immer auch ein Geschehen der Schönheit ist. Das Titelbild der Tagung zeigte Berninis berühmte Skulptur von Apollo und Daphne. Im Augenblick größter Bedrängnis verwandelt sich Daphne in einen Lorbeerbaum. Die christliche Perspektive, die sich durch die Tagung zog, geht noch weiter. Sie spricht nicht nur von Verwandlung als Rettung vor dem Verlust, sondern von Wandlung als Vollendung der Person. Von Ovid über Platon und Plotin bis hin zu Balzac, Blixen und der Eucharistie spannte sich ein weiter Bogen, an dessen Ende die Einsicht stand, dass der Mensch zur Veränderung berufen ist, weil er auf Gott hin geschaffen wurde. Gerade darin lag die Aktualität dieser Literaturtagung. In einer Zeit, die Veränderung oft mit Beliebigkeit verwechselt, erinnerte sie daran, dass wahre Wandlung eine Richtung kennt. Sie führt nicht in die Auflösung des Menschen, sondern zu seiner Wahrheit. Literatur, Philosophie und Theologie erwiesen sich dabei als Weggefährten auf der Suche nach jenem Urwort, aus dem die Schöpfung hervorgegangen ist. Wer diesem Wort nachlauscht, entdeckt vielleicht, dass Verwandlung letztlich kein Verlust ist, sondern die schönste Form des Werdens.
Die Autorin ist promovierte Musikwissenschaftlerin und schreibt zu Kunst und Musik.
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